22.09.2004

Für immer krank

platte buch

Wenn Sie jetzt um die 40 sind, erinnern Sie sich an das Jahr 1983. Ein unbarmherziger Beat, vollkommen abwegige, schneidende Gitarren, Rummsdaddibummsdabummsdabummsda, und ein Irrer, der immerzu brüllt: »No tears for the creatures of the night.« Es war das beste Stück der achtziger Jahre. Das war Tuxedomoon, es war wunderbar wild, wirr und irre, und Sie mussten morgens um drei Uhr unbedingt auf die Tanzfläche, denn das war postmoderner Rock’n’Roll, bevor es das gab.

Jetzt gibt es Tuxedomoon wieder. Zugegeben, sie kommen etwas sanfter daher, aber dennoch klingt das mysteriös und … na ja, irgendwie krank, verstörend, also doch unüberhörbar nach den achtziger Jahren. Hinter den Streichern und Bläsern schabt und pluckert irgendwas in unbehaglicher Weise, und einer deklamiert dazu etwas Unverständliches auf Spanisch.

Die rundum schönen Melodieläufe sind merkwürdig verschoben und immer mit diesem leichten Kick ins Atonale versehen, und immer dann, wenn Sie glauben, einen entspannten Beat zu erlauschen, wird er durch eine Mischung aus abrupt einsetzenden, seltsam verstimmt klingenden Bläsersätzen und experimentellem Synthiegerausche dekonstruiert oder abgebrochen. Sodass Sie hören, dass hinter dem vordergründig Harmlosen das Kaputte lauert. Das ist Musik, zu der Sie nachts auf dem Dach eines Hauses in der Großstadt stehen, einen Longdrink in der Hand, und in Depression verfallen müssen, und gleichzeitig denken Sie: Es ist alles unwiederbringlich verloren, aber diese Musik ist so unfassbar schön. »Come away with me into the misty blue, we will find a paradise or two.«

thomas blum

Tuxedomoon: Cabin In The Sky (Crammed Discs / ZYX)