29.09.2004

No Angels auf Kubanisch

Nach »Buena Vista Social Club« kommt nun »Musica Cubana« in die Kinos. Regisseur German Kral dokumentiert das Entstehen einer neuen Band. Ein Gespräch mit Wim Wenders, der den Film präsentiert

Fünf Jahre nach Wim Wenders’ »Buena Vista Social Club« kommt die kubanische Musik erneut ins Kino. »Musica Cubana« erzählt, wie sich unter der Leitung des 87jährigen Pío Leiva, Legende aus dem Buena Vista Social Club, junge kubanische Musiker zu einer Band formieren. Pío Leiva und der Taxifahrer Bárbaro machen sich auf die Suche nach den wichtigsten Vertretern der modernen kubanischen Musik. Auf ihrer Tour begegnen sie Leuten wie Mayito Rivera, der als Mick Jagger Kubas gilt; El Nene, dem Sänger der Gruppe Los Jóvenes Clásicos del Son; der Sängerin Osdalgia; der Rapperin Telmary sowie den Latinas Arlenys und Annalays von den Chiki Chaka Girls.

Der Film begleitet die Künstler bei den Proben und Aufnahmen zahlreicher klassischer Titel der kubanischen Musik sowie bei ihren Improvisationen und auf ihrer Suche nach neuen Liedern. Am Schluss reisen sie zu einem großen Konzert nach Tokio, wo The Sons of Cuba aus der Taufe gehoben werden.

Hella Körnich sprach mit Wim Wenders in Havanna.

Sie präsentieren den von Regisseur German Kral gedrehten »Musica Cubana – The Sons of Cuba«, ein Nachfolgeprojekt Ihres »Buena Vista Social Club«. Meinen Sie nicht, dass da Etikettenschwindel betrieben wird?

Ich habe mein Bestes getan, um von Anfang an »Buena Vista Social Club« als Kontext möglichst rauszuhalten und klar zu machen, dass das ein neues Projekt ist, das von anderen Leuten handelt und von der heutigen Musik. Den Film zu präsentieren, das war letztlich für mich eine Möglichkeit, es German Kral zu ermöglichen, den Film so zu machen, wie er es wollte. Das hat ihm schon ein bisschen Schutz gegeben, und letzten Endes wird das dem Film schon nutzen. Der Film sollte ja ganz anders heißen, nämlich in direkter Anlehnung an »Buena Vista Social Club« »The Sons of Buena Vista«. Das fand ich zu plump, denn es musste einem klar sein, dass jeder Film, der in Kuba über Musik gemacht wird, auf die eine oder andere Weise als Fortsetzung von »BVSC« gesehen werden wird. Daran kann man auch nichts mehr ändern. »BVSC« ist der erfolgreichste Musikfilm aller Zeiten geworden, und deshalb ist ja auch in den letzten Jahren keine Platte mit kubanischer Musik erschienen, auf der es nicht irgendeinen Verweis auf »Buena Vista« gegeben hätte. Selbst wenn die Platte von irgendjemandem stammte, der damals nur im Hintergrund durchs Bild gelaufen ist oder irgendwann mal auf die Bongos gehauen hat.

Warum ist Ihr »Buena Vista Social Club« eigentlich nicht in den kubanischen Kinos oder im Fernsehen gelaufen?

Ich sehe keinen Grund, warum »Buena Vista Social Club« in Kuba nicht hätte laufen können. Aber die Kritik von offizieller Seite lautete, wir hätten das moderne Kuba ein bisschen stärker zeigen können, also wie funktioniert das Gesundheitswesen … Ist ja auch wahr, machen sie auch gut hier. Aber letzten Endes haben die Behörden den Film zu schätzen gewusst. Das war ja auch gut für das Land. Aber was sie dann hier als offizielle Politik machen …

Kennen Sie das kubanische Kino? Gibt es Filme, die Sie beeindruckt haben?

Zum Beispiel dieser wunderschöne Film »Chocolate y Fresa«, das ist ein herrlicher Film aus Kuba. Den haben wir damals sogar mitproduziert.

In »Musica Cubana« spielt die Undergroundszene keine Rolle. Gibt es sie überhaupt?

Hier existiert sogar eine ganz lebhafte Undergroundszene. Gerade in Havanna gibt es zum Beispiel eine große HipHop-Szene, die als solche in dem Film nicht repräsentiert wird. Es ist auch schwierig wegen der Musikrechte. Damit man einen Song auch verwenden kann, ist es wichtig, die Titelrechte zu bekommen, damit man ihn weltweit publizieren darf. Da muss man auch wissen, ob Publishing und Autorenrechte geklärt sind. Und das ist oftmals nicht der Fall.

Deshalb haben wir auch in »Buena Vista« den einen oder anderen Song rauslassen müssen, weil strittig war, von wem der Song ist. Dann gibt es auch Leute, die behaupten, sie würden den Song vertreten. Und andere sagen, nein, wir haben die Rechte.

Wir wollen nicht in irgendwelche Konflikte geraten oder in irgendwelche Fallen tappen. Und davon gibt es hier ganz schön viele. Es ist auch sehr viel Raubbau betrieben worden. Und über all die Jahre sind auch viele Leute von verschiedenen Institutionen vertreten worden. Viele Institutionen haben gute Arbeit gemacht, andere waren da skrupelloser.

Wie gehen Sie damit um?

Einige Songs von Compay Segundo konnten wir nicht nehmen, weil das Publishing unklar war. Bevor man nachher einen Film hat, den man nicht auf der ganzen Welt zeigen kann, weil da ein Stückchen ungeklärt ist …

Musik spielt in vielen Ihrer Filme eine große Rolle. Welche Rolle spielt Musik in Ihrem Leben?

Manchmal dauert so eine Filmarbeit ja zwei, drei Jahre und ist mitunter mit sehr viel Mühen verbunden. Und manchmal denke ich mir am Schluss, ich habe das eigentlich nur wegen der Musik machen wollen. Das war von Anfang an so, auch bei meinen ersten Studentenfilmen, die nicht mehr rauskommen können, weil die Musikrechte ungeklärt sind.

Wie ist Ihr Verhältnis zu dem »Buena Vista-Star« Pío Leiva?

Pío und ich haben uns gut verstanden. Das hat uns auch damals verbunden, bei den Reisen nach Amsterdam und New York. Pío ist ein menschenfreundlicher und herzensguter Mann, der aus einer alten Generation kommt. Ihm geht es wirklich nur um die Musik. Ich glaube, er ist in seinem Leben so oft übervorteilt worden oder ins zweite Glied geschubst worden, dass ihm der neue Film richtig gut getan hat. Auch mal Leadsänger sein zu dürfen, wo er immer nur die Back-up-Vocals gemacht hat. Er ist nach wie vor ein erstaunlich bescheidener und großzügiger Mensch. Und hat nach wie vor dieses wirklich große Herz.

Sie scheinen vieles an Kuba sehr zu schätzen. Eine typisch eurozentrische Projektion?

Man weiß ja nie genau, wie viel man hinein interpretiert oder hinein liest oder glorifiziert.

Ist auf Kuba die Utopie des Kommunismus ein bisschen wirklicher geworden?

Eigentlich ist es nicht die Utopie des Kommunismus, sondern eher eine Utopie von Menschlichkeit, die uns in unserer Konsumgesellschaft ausgetrieben wird. Als ich 1998 hier war, gab es so eine Solidarität, die überhaupt keine politische war. Die politische haben sie sich abgeschminkt. Ich glaube, es gibt nur noch wenige, die sich politisch mit dem System identifizieren. Die warten alle geduldig, dass es vorbeigeht.

Denken Sie, dass die Menschen hier auf eine andere politische Struktur setzen?

Ich nehme an, dass es Leute gibt, die im Untergrund etwas vorbereiten. Aber viele Leute machen sich keine Gedanken und sagen sich, es wird schon irgendwann anders. Dann gibt es natürlich das andere Kuba auf der anderen Seite der Meerenge in Florida. Dort warten sie auch nur darauf, dass sie ihre Ideen von dem, was für sie Kuba sein sollte, in die Tat umsetzen können. Was sich daraus ergibt und wie weit es den Kubanern hüben und drüben gelingt, einen Weg einzuschlagen, der nicht ganz so brutal ist, wie das in Deutschland oder Rumänien der Fall war, das muss man abwarten.

Haben Sie noch Kontakt zu einigen Kubanern aus der Zeit der Dreharbeiten zu »Buena Vista Social Club«?

Ja, ich habe Compay Segundo noch mal vor zwei Jahren getroffen. Ibrahim Ferrer bin ich ein paar Mal in der Weltgeschichte begegnet, aber nie hier. Immer woanders.

Haben sich die Leute durch den Erfolg des Films verändert?

Erstaunlich wenig. Vielleicht haben diese Musiker zu lange auf den Erfolg warten müssen.

Wo sind Sie eigentlich zu Hause?

Ich lebe in Berlin und Los Angeles. Aber ich fühle mich überall zu Hause. Wir ziehen gerade um. Wir haben unser Haus in Los Angeles gerade verkauft und ziehen nach New York, damit die Distanz zu Europa zumindest nicht mehr ganz so groß ist. Ich bin letztes Jahr zwölf Mal hin- und hergeflogen. Das ist doch schon ganz schön weit.

Sehen Sie sich als deutschen Filmemacher?

Durchaus. Zumindest habe ich es mir völlig abgeschminkt, dass ich ein amerikanischer Filmemacher werden könnte. Ich sehe mich auch in Amerika als europäischen Filmemacher.

Würde Sie das große Hollywoodkino reizen? Schließlich sind Ihre Kollegen Wolfgang Petersen und Roland Emmerich sehr erfolgreich.

Ich hab’s oft genug angeboten bekommen und habe oft genug entschieden, dass ich lieber Filme mit einem kleineren Budget mache, bei denen ich das Casting, das Drehbuch und den Schnitt selbst bestimmen kann. Obgleich ich es bei Petersen bewundere, wie er derzeit die Maschinerie mit großen Fähigkeiten am Laufen hält, um so ein Ding wie »Troja« zu drehen – das ist wirklich große Kunst. Gleichzeitig würde ich nicht tauschen wollen.

War die schwierige Produktionsgeschichte Ihres Films »Hammet« der Grund, warum Sie sich seitdem vom Studiosystem ferngehalten haben?

Das war entscheidend. Das war das einzige Mal, dass ich für ein Studio gearbeitet habe. Und diesen Fehler wollte ich nicht wiederholen. Das war 1978 bis 1982. Und die Zügel aus der Hand zu geben oder der angestellte Regisseur zu sein, das ist mir nur einmal passiert. Ich hab’s halt drauf ankommen lassen und wollte wissen, wie das ist. Einige meiner großen Idole haben ihre Arbeit auf diese Art und Weise innerhalb des Studiosystems gemacht. Ich hab’ dann aber die Konsequenzen gezogen.