Die meisten der hiesigen Türkinnen und Türken quälen sich nicht immerzu mit Identitätsfragen und klagen nicht ständig darüber, zwischen den Kulturen hin und her gerissen zu sein. Sie stehen nicht mit einem Bein im Knast, trachten nicht nach der Einführung der Scharia, befinden sich nicht im permanenten antirassistischen Kampf und müssen sich nicht dagegen wehren, zwangsweise verheiratet zu werden. Der deutsch-türkische Alltag ist für gewöhnlich viel friedlicher, pomadiger und situierter, als es sich Soziologen, Ethnologen, Kriminologen und linke Aktivisten ausmalen. Und er ist viel deutscher. Einen Eindruck davon vermittelt Dilek Güngör in ihren Kolumnen in der Berliner Zeitung, die nun als Sammlung erschienen sind.
Es sind heitere kleine Familienstorys, die Güngör erzählt, und sie schildert alles so wunderbar, dass selbst banale Dinge wie die Anschaffung eines neuen Pürierstabs zum Abenteuer werden. Ihre Figuren sind schrullig, aber liebevoll gezeichnet, wirken fast schon zu sympathisch. Aber dass sie ihre Leute nicht vor einem großem Publikum madig machen will, ist schon in Ordnung. Der türkische Hintergrund ist die Kulisse, nicht das Thema, die meisten Geschichten könnten ebenso in deutschen Wohnzimmern spielen. Etwa, wenn sie davon berichtet, wie beim Fernsehen im Kreis der Familie die Eltern bei Sexszenen verstohlen umschalten. Eines Tages nimmt sie sich vor, die Verklemmung zu beenden. Der Versuch geht schief, an der entscheidenden Stelle greift sie selbst zur Fernbedienung. Eine von vielen Geschichten aus dem deutsch-türkischen Alltag, die unter uns jeder kennen dürfte und die vor Dilek Güngör niemand so herrlich gelassen erzählt hat.
deniz yücel
Dilek Güngör: Unter uns. Edition Ebersbach, Berlin 2004, 96 S., 14,80 Euro