Deutsche Amnesie

120 Jahre nach der Berliner Afrika-Konferenz wird in Deutschland die Kolonialzeit verdrängt. von alex veit
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Als »öffentliche Amnesie« hat der Soziologe Reinhart Kößler die fehlende Erinnerung an die deutsche Kolonialvergangenheit einmal bezeichnet. Das hat sich in diesem Jahr verändert, denn eine Anzahl von Initiativen setzte das Thema auf die Tagesordnung. Doch während die Bundesregierung sich zwischen Bekenntnis und Ausflucht windet, suchen die Kritiker dieser Vergangenheit nach der angemessenen Sprache und Symbolik, um koloniale Mentalitäten ins Bewusstsein zu rufen.

Auf welchem Niveau die Auseinandersetzung mit der kolonialen Vergangenheit von der Regierung geführt wird, hat das Auswärtige Amt am Freitag vergangener Woche wieder einmal gezeigt. Anlässlich eines Treffens mit einem Enkel von Samuel Maherero, der den Widerstand gegen die deutschen Kolonialtruppen in Namibia vor einhundert Jahren anführte, erklärte die grüne Staatsministerin Kerstin Müller, sie sei sich bewusst, »welch schwere Bürde Deutschland mit dem brutalen und unmenschlichen Vorgehen der kaiserlichen Schutztruppe im damaligen Deutsch-Südwestafrika auf sich geladen hat«. Ganz so, als läge die »schwere Bürde« bei den Deutschen und nicht bei den Herero, Nama und Damara, die im Vernichtungskrieg ermordet worden sind und deren Nachfahren noch heute auf eine Wiedergutmachung für das enteignete Land warten, das seitdem von weißen Farmern bewirtschaftet wird.

Denn die Forderung nach Reparationen, die von Namibia gestellt wird, weist das Außenministerium weiter zurück. Deshalb rudern Angehörige der Bundesregierung regelmäßig wenig elegant um die Bezeichnung »Genozid« herum, und deshalb gibt es bis heute keine offizielle Entschuldigung für das von deutschen Truppen begangene Unrecht. Denn, so die Angst, alle »entschädigungsrelevanten Äußerungen« könnten für eine in New York vorliegende Klage gegen Deutschland verwendbar sein.

Immerhin, der hundertste Jahrestag des Beginns des Herero-Aufstands im Januar hat für einige Veröffentlichungen in etablierten deutschen Medien gesorgt, die sich mit der vergessenen Kolonialgeschichte auseinandergesetzt haben. Der Spiegel schrieb sogar von einem »dritten Tabuthema nach Luftkrieg und Vertreibung«, als eigne sich auch der Kolonialismus für eine weitere Stilisierung der Deutschen zu Opfern der Geschichte.

Am Montag dieser Woche nun jährte sich zum 120. Mal der Beginn der Berliner Afrika-Konferenz, womit das »Gedenkjahr 2004« sozusagen in die letzte Runde geht. Drei Monate lange berieten 1884/85 Vertreter der europäischen Großmächte, der USA und des Osmanischen Reichs darüber, welche Regeln zwischen ihnen bei der Kolonisierung des afrikanischen Kontinents gelten sollten. Das Treffen im Kanzleramt von Otto von Bismarck gilt als ein Schlüsselereignis des modernen Imperialismus.

Das Datum wurde in Berlin von verschiedenen Seiten genutzt, um die deutsche Verantwortung für die Kolonisierung Afrikas in Erinnerung zu rufen. Der grüne Bundestagsabgeordnete Christian Ströbele brachte zusammen mit dem bürgerlichen Verein Afrika-Forum eine provisorische Gedenktafel am Ort des historischen Geschehens in der Wilhelmstraße an, das Haus der Kulturen der Welt diskutierte unter dem Titel »Black Atlantic« über Kolonialismus und »Counter-histories«, und die PDS forderte die Umbenennung der »Mohrenstraße« im Bezirk Mitte, als sei mit einer Schleifung der kolonialen Spuren der Geschichtsaufarbeitung genüge getan.

Die interessanteste Veranstaltung war die »Anticolonial Africa Conference«, die am vergangenen Wochenende ebenfalls in Berlin stattfand. Zwei Jahre lang hatten die Veranstalter, ein Bündnis aus Afrikanern und Deutschen, die Podiumsdiskussionen, Workshops, Demonstrationen sowie ein umfangreiches kulturelles Begleitprogramm mit den Klassikern des afrikanischen Films vorbereitet. Die Initiative war vor allem bemerkenswert, weil zum einen Afrikaner wesentlich über die Inhalte der Konferenz bestimmten und so ein deutscher Blick auf den eigenen Bauchnabel von vornherein ausgeschlossen wurde, und zum anderen, weil auf die Kontinuitäten des Kolonialismus als unabgeschlossene Geschichte fokussiert werden sollte.

»Wir wollen Geschichte nachvollziehen«, erklärte der Mitveranstalter Christopher Nsoh, »um Widerstand gegen den Kolonialismus zu leisten, der bis heute andauert.« Er und einige weitere Konferenzveranstalter sind in Gruppen wie der »Flüchtlingsinitiative Brandenburg« engagiert, die sich seit einigen Jahren für die Rechte von Asylbewerbern einsetzen. Für sie stellte die antikoloniale Konferenz die Gelegenheit dar, über ihre bisherige Arbeit hinaus auf die Zusammenhänge zwischen der fortgesetzten wirtschaftlichen Ausbeutung Afrikas und dem Rassismus, den sie in Deutschland erfahren, hinzuweisen.

Dementsprechend war das Konferenzprogramm weit gefächert: Mit Vorträgen über antikolonialen Widerstand in Afrika, über das geplante Antidiskriminierungsgesetz und einer Debatte über die »Außen- und Innengrenzen der Festung Europa« sollten afrikanisch-deutsche Beziehungen der letzten 120 Jahre abgedeckt werden. Neben dem »Aufbrechen der Verdrängung des Kolonialismus« in der deutschen Öffentlichkeit zielte die Konferenz schließlich darauf, Druck auf die deutsche Regierung auszuüben, damit sie sich für die Kolonialpolitik in Afrika entschuldigt und sich bereit erklärt, Reparationen zu zahlen. Denn, so meinte Nsoh in seiner Eröffnungsrede, »Afrika steht heute vor einer Reihe von Herausforderungen, die ihre Wurzeln in dem makabren Kolonialsystem haben und für die die industrialisierte Welt Verantwortung übernehmen muss. Nicht als ein Akt der Barmherzigkeit, sondern als eine Verpflichtung.«

Wie im Titel der »anti-kolonialen Konferenz« anklang, sahen die Veranstalter vor allem Kontinuitäten von der Kolonialzeit bis zur Gegenwart: Afrika werde noch immer von Europa dominiert, und die gegenwärtigen Probleme Afrikas hätten ihren Ursprung in der Politik Europas. Das Phänomen der Korruption in Afrika beispielsweise führte er zurück auf »Lockmittel«, mit denen Afrikaner in der Kolonialzeit korrumpiert worden seien, damit sie die Kolonisation akzeptiert hätten. Noch heute könne »die korrupte europäische Haltung« unter Afrikanern beobachtet werden.

Mit einem Geschichtsbild, in dem Afrikaner ausschließlich als unmündige Opfer dargestellt werden, haben sich die Veranstalter aber kaum einen Gefallen getan. Die postkolonialen historischen Forschungen in den letzten vierzig Jahren legten besonderen Wert auf die Betonung der Geschichtsmächtigkeit von Afrikanern selbst – ob im Widerstand gegen die Kolonisation oder aber in der Ausnutzung der Machtverhältnisse zu ihren eigenen Gunsten –, um genau dieses Bild von Afrikanern zu revidieren. Davon war die anti-koloniale Konferenz meilenweit entfernt, da Antagonismen innerhalb Afrikas genauso wenig zur Sprache kamen wie Widersprüche im Verhältnis zwischen Europa und Afrika.

Der Verzicht auf Differenzierungen führte etwa auch dazu, dass einem Konferenzteilnehmer auf der Eröffnungsveranstaltung zugestimmt wurde, der eine Solidarisierung gegen die von Frankreich geführten UN-Truppen im westafrikanischen Côte d’Ivoire und mit »den nationalen Kräften« forderte. Mit letzterem bezog er sich offenbar auf die Regierung, die ein extrem nationalistisches Programm verfolgt und insbesondere gegen Migranten aus den Nachbarstaaten hetzt. Auch die Migranten aus dem Veranstalterkreis widersprachen dieser Position nicht.

Es blieb dem deutschen Historiker Joachim Zeller vorbehalten, darauf hinzuweisen, dass gerade die lange Geschichte der Migration von Afrikanern nach Deutschland zeigt, dass es bei allen Schwierigkeiten und rassistischen Diskriminierungen durchaus auch eine Aneignung der europäischen Moderne durch Afrikaner gab. Die aufkeimende gegenwärtige Kolonialdebatte hingegen betrachtete er als bislang wirkungslos, da sie nicht in die Öffentlichkeit hineingewirkt habe: »Wir sprechen vor allem ohnehin Interessierte an und braten im eigenen Saft. Das ist das Ergebnis des Gedenkjahrs 2004.«