Kritik und Selbstkritik

Nur die Regelverletzung, die nicht auf eine neue Machtverteilung im Herrschaftskonzept abzielt, sondern auf die Infragestellung des Regelwerks an sich, steht für den eigentlich emanzipativen Schritt. von michael wilk

Die ursprüngliche Bedeutung des Wortes Emanzipation im rechtlichen Sinn des Römischen Reiches bedeutete »Freilassung des Kindes oder auch des Sklaven aus der Macht des Herrn«. Ein klassisches Beispiel einer »immanenten« Definition, die einen vertikalen Positionswechsel innerhalb definierter Grenzen beschreibt. Die historische Definition einer Entlassung des Sklaven in die Freiheit als nicht nur individueller, sondern vor allem auch passiver Akt der Befreiung im Sinne von Freilassung hob konsequenterweise nicht die Unfreiheit des Systems auf, stellte es nicht in Frage. Im Gegenteil: Die Chance auf einen Positionswechsel innerhalb der Hierarchie, modern als Karriere bezeichnet, hält das System am Laufen. Eine Sicht auf die Dinge, die heute ihre Entsprechung dann findet, wenn der Ruf nach Gleichberechtigung ertönt, ohne dass das gesellschaftliche Gesamtkonstrukt in Frage gestellt wird.

Emanzipation im revolutionär-gesellschaftskritischen Kontext nimmt für sich in Anspruch, die Niederungen konservativer systemimmanenter »Emanzipation« hinter sich zu lassen, und hat vielmehr die strukturellen Kernbereiche der Gegenwartsgesellschaft ins Visier genommen. Längst befruchtet die Genderdebatte die sozialen Kämpfe, Antira-, Antifa- und Antiglob-Bewegung stellen die in die Jahre gekommenen Anti-AKW- und Antimili-Bewegung weit in den Schatten, internationale Solibewegungen schicken sich an, Global Players in die Grenzen zu weisen, der Hirnmuskel ist linkstheoretisch analytisch gestählt. So weit, so gut? So weit, so schlecht … Dass eine »linke« Praxis, die jeweils einzelne Erscheinungsformen eines Herrschaftsprozesses thematisiert und die, zumindest in der BRD, marginalisiert und mit oft eingeschränktem Blickwinkel versuchsweise Widerstand leistet, noch (schon) emanzipativ ist, kann bezweifelt werden.

Von der weitgehenden Hilflosigkeit, mit der wir die rasante Dynamik der postfordistischen Restrukturierung und die Expansion imperialistischer Herrschaft meist nur beobachten können, einmal abgesehen, sind die Versuche, aktiven Zugang zu den sozialen Realitäten zu bekommen, eher kümmerlich als sozialrevolutionär (passiv sind wir ja alle zwangsbeteiligt). Im betrieblich-ökonomischen Sektor bestimmen weitaus mehr anpassungsbereite und im vorauseilenden Gehorsam geübte Gewerkschaftsfunktionäre das Bild der (Nicht-) Auseinandersetzungen als wir. Bricht der betriebsverfassungsmäßige Frieden mal für einige Stunden zusammen, ist das Erstaunen ebenso groß wie die Unfähigkeit zu intervenieren. Gesundheitsreform, Hartz IV, die Ausdünnung sozialer Sicherungssysteme – all dies geht im Wesentlichen ohne breiten Protest, geschweige denn Widerstand über die Bühne. Die gegenläufige emanzipative Kraft reduziert sich auf das heterogene Milieu in den Anti-Globalisierungs- und Anti-Sozialkahlschlags-Initiativen, deren Intention nicht selten auf die Reetablierung staatlicher Regulationspolitik zielt, indem die Auswüchse des globalen »Raubtierkapitalismus« verdammt werden, ohne die Struktur des Kapitalismus und der Herrschaftsstruktur an sich in Frage zu stellen. Womit ein emanzipativer Prozess schon zu Ende wäre, bevor er begonnen hätte …

Das in der BRD besonders gepflegte Muster, drohender oder schon existierender sozialer Not mit Anpassung und duldendem Verharren zu begegnen, ist Ergebnis einer über Jahrzehnte praktizierten sozialen Integrations- und Versöhnungsstrategie, die Aufbegehren und Widerstand verlernen ließ. Die den »Klassengegensatz« unter der Schirmherrschaft eines Wohlfahrtsstaats integrativ nivellierende »moderne« Herrschaftssicherung, die okkupierend integriert und sich so als Staat den Menschen nicht entgegenstellt, sondern diese einzubeziehen sucht, hatte sich in Form des »Sozialstaats« bewährt. Gerade dieses vormals gut funktionierende konfliktvermeidende Modell »Sozialstaat« ermöglicht jetzt seine fast reibungslose Umgestaltung und die Durchsetzung postfordistischer Regularien. Die qualitative Veränderung staatlicher Herrschaftsstruktur tritt vor dem Hintergrund sozial-ökonomischer Verschärfung deutlicher denn je zu Tage. Die Umbaumaßnahmen führen zur Zunahme von Bruchlinien auf der Oberfläche staatlicher Einbindungsebenen eines vormals sozialstaatlichen Versorgungssystems.

Die entstehenden Spannungen und Risse im gesellschaftlichen Gefüge münden jedoch nicht automatisch in einen emanzipativen Prozess. Im Gegenteil. Die Diversifizierung der sozial-ökonomischen Struktur, sowohl im Sinne vertikaler Veränderung (Kapitalkonzentration, wachsende Armut, geringfügige und Teilzeitarbeit) als auch in Bezug auf horizontale Modifikation (urbane »attraktive« Standorte, Global Cities, periphere Gebiete) führen zu einer fortschreitenden Destabilisierung der mentalen und emotionalen Verfassung. Angst vor dem sozialen Absturz und die Furcht davor, selbst einem Desintegrationsprozess anheim zu fallen, führen mehrheitlich zu Anpassungs- und Verteidigungsmechanismen vielfältiger Art. Die seltenen Fälle eines sich entwickelnden breiten Widerstands sind meist davon getragen, den sozial-ökonomischen Status quo ante wieder herzustellen. Die Enttäuschung über einen Staat, der sich in den Augen vieler in genau dieser Situation seiner scheinbaren Verantwortung entzieht, lässt zwar vordergründig Distanz und Misstrauen gegenüber staatlichen Instanzen wachsen, führt aber selten zur grundsätzlichen Infragestellung der Herrschaftsmechanismen – ganz zu schweigen von der Entwicklung einer sozialen Alternativstruktur.

Hier wären wir (wir, das sind die, die sich noch für gesellschaftliche Verhältnisse und nicht nur für eine hirnschwurblige Linke-Befindlichkeitsdebatte interessieren) gefragt. Aber da ist wenig, was wir einbringen könnten, um den Prozess der Distanzierung gegenüber Staat und Kapital in konstruktives Denken und Handeln weiter zu befruchten, ja der Angst und der Unsicherheit (auch unserer) zu begegnen und eine Form von Sicherheit zu bieten, die mit dem dynamischen Prozess der Befreiung, eben Emanzipation, verknüpft wäre. Wir sind an diesem Punkt schwach auf der Brust, weniger an theoretischen Modellen und einigen anarchistisch-heroischen historischen Geschichten, als vielmehr an praktisch erfahrbarer Lebendigkeit, in der die Theorie vermittelt und fühlbar wird.

Anstatt sich dieser Auseinandersetzung zu stellen, sind oft genug die Beispiele »revolutionären Engagements« mit der Sensibilität eines Vorschlaghammers behaftet und von technischem Zweckpragmatismus (Funktionalisieren) geprägt, die kaum geeignet scheinen, jene eh schon verunsicherten Menschen (noch mal: auch wir selbst) auf einem Weg zu begleiten, der mit eigener Infragestellung und Anstrengung gepflastert ist: Eigenverantwortung und Selbstvertrauen ebenso zu entwickeln wie respektvollen Umgang mit anderen.

In Ermangelung einer Alternative und eines eventuell sogar lustvoll erlebten Widerstands kommt es dazu, dass sich viele nur den »alten Vater Versorgungsstaat« zurückwünschen oder nach einem starken Staat rufen, der sie protegieren und verteidigen soll gegen die Anderen, vorzugsweise die Nichtdeutschen, die Fremden überhaupt, gegen alle diejenigen, die das bedrohen, was immer bleibt, wenn sonst alles flöten geht – der Schwachsinn einer deutschen Identität.

Rassismus, Sexismus, Nationalismus (gerade auch der rot-grün geläuterte und mit neuem deutschen Sendungs- und Verantwortungsbewusstsein aufgerüstete der Nachgeborenen), soziale Ausgrenzung und Verelendung, imperiale Globalisierung und ökologischer Raubbau: Die Anti-Bewegungen haben ihre Notwendigkeit mehr denn je. Und doch besteht die Gefahr, im »Anti« fixiert zu bleiben, sich von den menschenverachtenden Erscheinungsformen der Herrschaftsmacht den Atem nehmen zu lassen, anstatt sie mit dem zu bekämpfen, was sie am meisten fürchtet: eine Idee, eine Ahnung von dem, wie es sein könnte, nicht nur motiviert durch das, wogegen wir sind, sondern auch durch das, wofür es sich zu kämpfen lohnt. Es geht in diesem Sinne also nicht nur um die Frage, wovon wir uns emanzipieren, als vielmehr um die Problematik, wohin.

Emanzipative Prozesse im anarchistischen Sinne zeichnen sich durch Infragestellungen aus, die nicht nur eine Umstrukturierung von Herrschaft beabsichtigen, sondern die das Ziel haben, Herrschaftsstrukturen selbst anzuzweifeln. Es geht also nicht darum, Hierarchien neu zu ordnen, sondern sie abzuschaffen. Dies ist schwer, nicht zuletzt deshalb, weil Ideen, Konzepte, Handlungen, Gefühle und Kognition nicht dem luftleeren Raum entspringen, sondern zwangsläufig aus und innerhalb der gewachsenen alten Macht und Herrschaftskonzeption entstehen. Emanzipation bedeutet die Überwindung des Vorgefundenen. Das bedeutet auch, die eigene Eingebundenheit in Macht- und Herrschaftsstrukturen einer kritischen Bewertung zu unterziehen. Und das Ganze auch noch mit dem gebotenen Ernst. Trotzdem viel Spaß dabei!

Michael Wilk schreibt für die anarchistische Zeitschrift Schwarzer Faden und hat unter anderem das Buch »Macht, Herrschaft, Emanzipation – Aspekte anarchistischer Staatskritik«, Trotzdem Verlag, herausgegeben. Homepage: www.txt.de/trotzdem

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