LeserInnenworld
Jungle-World 48/04: Käse aus Holland
Eurozentrischer Mainstream
In diesen Themenseiten zeigt sich die Gefahr, dass sich die antideutsche Analyse und das missionarsähnliche Gerede von der »Emanzipation« mit einem islamophoben Projekt verbinden. Ich finde es reichlich unpassend, nach den Ereignissen in Holland kein eindeutiges und klares antirassistisches Wort über die mehr als 20 Anschläge auf muslimische Einrichtungen zu verlieren. Stattdessen wird über drei Seiten hinweg ausschließlich eine einseitige eurozentristische Islamkritik vorangetrieben, und Arzu Toker glaubt, Freiheit und Demokratie seien in Europa entwickelt und erkämpft worden. Irgendwie seid ihr damit vielleicht endlich im eurozentristischen Mainstream angekommen.
Ich befürchte ernsthaft, dass diese Form der Produktion von richtigem emanzipatorischen Innen und falschem islamischen Außen das dichotome Selbstverständnis der sich ausweitenden Kulturkämpfe und neuen Kriege darstellt. Wichtig wäre aber ein Kampf für die Überwindung des eigenen hegemonialen Selbstverständnisses, um nicht über den Umweg der Emanzipation in die neuen Kriege und rassistischen Enthemmungen einzustimmen.
niklas luhmann, berlin
Jungle World 47/04: Räum dein Zimmer auf!
Falscher Fragenkatalog?
Der deutschen Linken würde ein Blick ins unaufgeräumte Kinderzimmer sehr wohl tun. Fragt sich, inwieweit eine Diskussion, die sich am Konzept der westlichen Zivilisation orientiert, Raum für eine Linke gibt. Das heute obligatorische Kursprogramm an amerikanischen Unis wurde zum Kriegseintritt der USA im Ersten Weltkrieg entwickelt und tat dann gute Dienste für die Mobilisierung amerikanischer Soldaten auch im darauf folgenden Golden Age, als sich US-Soldaten zur Verteidigung der Zivilisation in Korea, Vietnam und sonst wo schlugen. Wenn sich die deutsche Linke heute also an diesem zivilisatorischen Fragenkatalog orientiert, so sollte sie sich klarmachen, dass es genau jener Fragenkatalog ist, der es US-amerikanischen Regierungen erlaubt, Mehrheiten für ihre Kriege im Irak und künftig vielleicht auch im Iran, in Korea oder in Kuba zu gewinnen. Kapital und Arbeit gehören in den Haushalt und haben nichts mit der der Öffentlichkeit zu tun. Wird diese Trennung aufgehoben, so gerät die geistige Ordnung in Gefahr zu kollabieren, wandeln sich Demokratie oder Monarchie in Tyrannei.
Diese Interpretation der westlichen Zivilisation hat sich nach dem Zweiten Weltkrieg durchgesetzt. Emanzipation ist in diesem Kontext durchaus denkbar. Jedoch wird sie von oben gegeben. So denken etwa die Sklaverei-Historiker die Sklavenbefreiung in den USA gerne als einen Prozess, der durch die weißen Abolitionisten eingeleitet wurde. Vernunft und Mitgefühl mit denen da unten stellte sich bei einer sich im Zivilisationsprozess befindlichen und von ökonomischen Zwängen befreiten politischen Klasse ein. Wenig wusste diese idealistisch gesonnene Klasse von den Problemen der von ihr Befreiten, etwa dass es diesen an einer Erziehung durch amerikanische Institutionen wie die Familie und die Schule mangelte. Deshalb schlug die Emanzipation fehl.
karsten voss