22.12.2004

»Es gibt Weihnachtsflüchtlinge«

small talk

Wie verbringen eigentlich Atheisten den Heiligen Abend? Ein Anruf beim Internationalen Bund der Konfessionslosen und Atheisten verschafft uns Aufklärung.

Was machen eigentlich Menschen, die nicht an Gott glauben, zu Weihnachten?

Es gibt Leute, die stellen einen Baum auf, schmücken ihn und machen den Kindern Geschenke, weil das eben dazugehört. Und es gibt Weihnachtsflüchtlinge, wie es in Köln ja auch Karnevalsflüchtlinge gibt, die fahren möglichst weit weg, wenn sie es sich leisten können, und suchen sich ein nettes Plätzchen unter Palmen. Es gibt unterschiedliche Strategien, damit umzugehen. Ich persönlich habe an Weihnachten viel Zeit und arbeite Post auf, die liegen geblieben ist.

Fühlt man sich in dieser Zeit ein bisschen wie in einer Parallelgesellschaft? Vor allem jetzt, da dieser Weihnachtsterror täglich zunimmt?

Es ist ja mit allen wesentlichen Festlichkeiten so, dass sie kommerzialisiert sind. Schon Ende August findet man Weihnachtsgebäck in den Läden vor. Unmittelbar nach Silvester tauchen die ersten Osterhasen auf. Es gibt bestimmte Tage, die werden aus rein kommerziellen Überlegungen heraus erfunden, wie etwa der Valentinstag für die Floristen. Oder neuerdings Halloween, da macht man auch ein tolles Geschäft.

Das Kennzeichen dieser Tage ist, dass sie ihres weltanschaulichen Kerns meistens entkleidet sind. Die Leute feiern an Ostern nicht den wieder auferstandenen Christus, sondern sie feiern ein Frühlingsfest. Der Hase als Rammler bringt Eier, das ist ein Fruchtbarkeitssymbol in Hochpotenz. An Weihnachten, das Kind in der Krippe, die Wintersonnwende, der alte Kaiserkult, da ist ja so viel zusammengemengt an Traditionen und schlichtweg Geklautem.

Es ist immer wieder die Rede von der angeblichen Renaissance der Religionen in Zeiten der Krise. Können Sie das bestätigen?

Ich glaube, es gibt keinen eindeutigen Trend in eine Richtung. Wir stellen in Europa einen Hang zur Säkularisierung fest, und es gibt in anderen Teilen der Welt einen gegenteiligen Trend.

Ich wünsche Ihnen trotz allem ein frohes Fest.

interview: stefan wirner