Im Haus der Gagausen
Die bulgarische Schwarzmeerküste, nördlich der Stadt Varna. Wir lassen die touristischen Strände von Golden Sands und Albena hinter uns und fahren auf kleinen Landstraßen in Richtung Rumänien. Hier kommt man in eine der einsamsten Ecken Bulgariens. Die Region Dobrudscha ist zwar die Kornkammer des Landes, wirkt aber wie das Ende der Welt. Die nahe Küste lässt sich dort, in der fast ebenen, von riesigen Feldern durchzogenen Landschaft, nicht erahnen. Erst als wir direkt an den Klippen stehen, breitet sich das Schwarze Meer vor uns aus. In den kleinen Dörfern, die Küstenstreifen entlang aneinandergereiht liegen, kann man finden, was die Urlauberscharen an den anderen Meeresabschnitten zusehends verunmöglichen: Stille, Ruhe, Einsamkeit.
Kein Wunder, dass Badestimmung hier nicht so richtig aufkommen will. Die über 50 Meter abfallende Steilküste wurde in den vergangenen Jahren eher zu einem Magnet für jugendliche Selbstmörder denn für Ausflügler. Bei dem Dorf Kamen Brjag erinnern eine ganze Reihe von Kreuzen über den Klippen an jene, die hier in den Tod gesprungen sind. Die einzige touristische Attraktion weit und breit ist Kap Kaliakra, eine spektakuläre Klippenformation, um die sich eine schaurige Geschichte rankt. Der Legende nach sollen sich hier 40 Jungfrauen mit ineinander verflochtenen Zöpfen vor herannahenden Osmanen in die Tiefe gestürzt haben.
Neben Naturfreaks, Lebensmüden und Märchenfans suchen höchstens noch schrullige Zeitgenossen, die sich für nationale Minderheiten interessieren, den Weg in das abgeschiedene Küstengebiet. Hier leben nämlich Angehörige jener Sprachminderheit, die als »Gagausen« bezeichnet werden: türkischsprachige Bulgaren, deren ungeklärte Herkunft Anlass für allerlei Spekulationen und absurde nationalistische Vereinnahmungsversuche gibt.
Balgarevo hat etwa 1 000 Einwohner und liegt ein paar Kilometer vor Kap Kaliakra, an der neu ausgebauten Landstraße. Mitten im Ortszentrum hat eine Touristeninformation ergeöffnet. Einige Cafés und kleine Lebensmittelgeschäfte bieten ihre Dienste an. Viele Leute bleiben hier allerdings nicht stehen, alles ist recht beschaulich. Abzweigend von der betonierten Hauptstraße des Dorfes verlaufen sich staubige Feldwege in der Ferne. Die Stille, die über dem Dorf liegt, wird nur gelegentlich durch das Blöken von Schafen und Gänseschnattern unterbrochen. Auf dem Dorfplatz sehen wir ein Schild, das die Mechana, das traditionelle Gasthaus, bewirbt. »Zum Gagausen« steht darauf. Ob sich die gagausische Küche wohl von der bulgarischen unterscheidet?
Gegenüber der Touristeninformation befindet sich der überdimensional große Dorfplatz. Die späte Nachmittagssonne taucht den Beton in ein warmes Rot. Auf einer Bank vor dem Club der Rentner sitzt eine Gruppe älterer Männer. Untereinander wird Gagausisch gesprochen, uns begrüsst man auf Bulgarisch. Ob es hier eine Übernachtungsmöglichkeit gebe, wollen wir wissen. Nein, im Ort sei nichts zu finden, lautet die Antwort. »Da müsst ihr schon woanders hinfahren.« Eine Gruppe von Kindern hat uns gesichtet und umringt uns. »Was macht ihr denn hier?« »Wo kommt ihr her?« »Welche österreichischen Popsänger gibt es?« Hier sind wir die Attraktion des Tages. Schließlich werden uns die lokalen HipHopper vorgestellt. Die drei Jungs, die offensichtlich die Stars der örtlichen Jugend sind, schlendern cool, ihre Hände in den Hosentaschen ihrer oversized Jeans vergraben, über den Dorfplatz. Ob die drei, die selbst Musik machen, auch auf Gagausisch rappen?
»Wenn ihr wollt, dann kommt mit zu mir nach Hause«, sagt einer der älteren Männer plötzlich. Diese Einladung schlagen wir nicht aus. Schorsch, so heißt unser Gastgeber, fährt mit dem Fahrrad vor uns her. Langsam folgen wir ihm mit dem Auto durch eine holprige Gasse. Vor einem einstöckigen Haus mit Hof und üppigem Gemüsegarten bleiben wir stehen. Schorsch geht ins Haus und redet mit seiner Frau Ivanka und seiner Tochter. Maja ist weniger begeistert, als sie erfährt, dass ihr Vater einfach so irgendwelche Leute nach Hause eingeladen hat. Die noch dazu heute Nacht in ihrem Zimmer schlafen sollen. »Papa, du spinnst«, sagt sie kopfschüttelnd und ist trotzdem nett zu uns.
Zum Abendessen sitzen wir in der Gartenlaube, die ganze Familie hat sich versammelt. Auf dem Tisch hat Ivanka eingelegtes Gemüse aus dem eigenen Garten, Salami und Brot angerichtet. Zur Freude unseres Gaumens unterscheidet sich der gagausische Schopska-Salat nicht vom bulgarischen. Natürlich kosten wir auch vom Rakija, dem selbst gebrannten Traubenschnaps. Während wir das hochprozentige Getränk genießen und Maja darauf achtet, dass wir immer genug davon im Glas haben, erinnert sich ihr Vater wehmütig an den Sozialismus.
Schorsch war 35 Jahre lang Vizepräsident der lokalen TKSS, der landwirtschaftlichen Genossenschaft, und zeichnete dort für den Fuhrpark verantwortlich. Balgarevo, dessen Einwohner einst durch den Tabakanbau ein sicheres Einkommen hatten, ist wie viele bulgarische Dörfer nach der Wende verarmt. Die Genossenschaft existiert nicht mehr. Schorsch ist nun in Rente und kümmert sich um den Garten und die Tiere. Jeder Quadratmeter des Gartens wird für den Anbau von Obst und Gemüse genutzt. Schorsch zeigt uns stolz den Stall. Unzählige Mini-Truthähne laufen darin herum. In ein paar Monaten werden sie dick und fett sein. Und der Familie gut schmecken.
Maja wohnt mit ihren 30 Jahren noch immer bei den Eltern. Tagsüber arbeitet sie im nahe gelegenen Nobeltouristenclub »Rusalka«. Im Club werde alles geboten, schwärmt Maja, vom Massagesalon über den Friseurladen bis zum Whirlpool. Sie selbst arbeitet jedoch als Zimmermädchen, für etwa 70 Euro im Monat. Außerhalb der Saison, die nur von Mai bis Oktober dauert, ist Maja wie die meisten Dorfbewohner ohne Einkommen. Auch Ivanka erzählt, dass sie zur Aufbesserung der spärlichen Pension in den Sommermonaten im »Rusalka« arbeitet. Der Mann der zweiten Tochter Stefka verdingt sich seit drei Jahren in Berlin.
Nach der dritten Runde Rakija kommen wir auf die komplizierte Geschichte der Gagausen zu sprechen. Auch Schorsch kann uns keine definitive Auskunft darüber geben, warum es heute in Bulgarien, Moldawien und der Ukraine so etwas wie eine gagausische Minderheit gibt. Tatsächlich ist die »Identität« der Gagausen schon seit langem zum Politikum zwischen bulgarischen und türkischen Nationalisten geworden. Während die Gagausen aus Sicht der meisten Bulgaren ethnische Bulgaren sind, die während der »osmanischen Fremdherrschaft« einen osmanischen Dialekt übernommen hätten, sind sie in der türkischen Lesart Nachkommen seldschukischer Stämme, die sich im 13. Jahrhundert in der Dobrudscha ansiedelten und hier unter dem Einfluss der Bulgaren das Christentum angenommen hätten. Nationalisten beider Länder wollen die Gagausen für sich vereinnahmen. Innerhalb Bulgariens ist selbst die Größe der Minderheitengruppe umstritten. Während die meisten Quellen von etwa 12 000 Angehörigen ausgehen, haben sich bei der Volkszählung von 1992 nur 1 478 Personen als Gagausen deklariert.
Früher einmal, erklärt Schorsch, hat es in Bulgarien viel mehr Gagausen gegeben. Doch seit Mitte des 18. Jahrhunderts verließen viele von ihnen das Osmanische Reich, dem einst Bulgarien angehörte, in Richtung Russland und siedelten sich dort sukzessive in Bessarabien, im Süden der heutigen Republik Moldawien, an. Das Gebiet war zunächst Teil des Zarenreichs, fiel 1918 an Rumänien und wurde nach dem Zweiten Weltkrieg Teil der SSR Moldawien. Dem Russifizierungsdruck folgte eine Politik der Rumänisierung, die abermals von einer russischen Dominanz abgelöst wurde. Während der rumänischen Herrschaft waren die Gagausen sogar von Zwangsumsiedelungen betroffen.
Im Zuge des Zerfalls der UdSSR riefen die moldawischen Gagausen im November 1989 eine eigene »Gagausische SSR« aus. Im Dezember 1994 wurde ihnen nach jahrelangen Konflikten vom moldawischen Parlament eine weitgehende Territorialautonomie zugestanden. Die Region Gagauz Yeri wird seither durch eine eigene Regierung verwaltet. Gagausisch, Rumänisch und Russisch sind gleichberechtigte Amtssprachen. Für den Fall eines Beitritts Moldawiens zu Rumänien wurde der autonomen Region sogar das Recht auf Sezession zugesichert.
Die neu gewonnene Autonomie scheint einige Bewohner von Gagauz Yeri in ihren nationalen Bestrebungen zu motivieren. Schorsch erzählt von Besuchen gagausischer Kulturmissionare aus Moldawien: »Die kommen immer wieder mit ganzen Reisebussen und führen dann Volkstänze und Theater bei uns auf.« Die Besucher aus Bessarabien erklärten den bulgarischen Gagausen immer wieder, dass sie sich zu sehr im slawischen Bulgarien assimiliert hätten und wieder zum »echten Gagausentum« zurückkehren sollten.
Die Bewohner von Balgarevo reagieren jedoch anders auf die »gagausischen Brüder« aus Moldawien, als es sich diese wünschen. Schorsch ist eher amüsiert über deren kulturelles Engagement, als dass er die Volkstänze und die Aussagen in den verteilten Zeitschriften ernst nehmen würde. Zwar kritisiert auch er den so genannten bulgarischen Wiedergeburtsprozess, eine in den achtziger Jahren unter Staats- und Parteichef Todor Zhivkov gewaltsam durchgeführte Assimilisationskampagne, die sich gegen die türkischsprachige Bevölkerung und die Pomaken, bulgarischsprachige Muslime, richtete. Der politische Druck von damals ist eine der Ursachen dafür, dass die jüngere Generation in Balgarevo nur noch Bulgarisch lernte. Zugleich spricht unser Gastgeber, wenn es um die Geschichte Bulgariens geht, ganz überzeugt vom »türkischen Joch«, das ethnische Bulgaren türkisiert habe. Diese türkisierten Bulgaren hätten jedoch – und dies sei viel wichtiger – ihre christliche Religion bewahrt und wären so die Vorfahren der heutigen Gagausen geworden. Die Gagausen hätten immerhin nicht »ihre Seele hergegeben«, wie dies die Pomaken getan hätten, erläutert Schorsch stolz.
Für die Bewohner von Balgarevo sind derartige Fragen allerdings nur zweitrangig. Vielmehr geht es 15 Jahre nach dem Niedergang der sozialistischen Staatswirtschaft nach wie vor hauptsächlich darum, das tägliche Auskommen zu sichern. Und das ist schwierig genug. Zukunftsperspektiven zeichnen sich in Balgarevo kaum ab. Auch die Abendunterhaltung beschränkt sich auf eine Disco im Ort. Zumindest gibt es viele Jungendliche, erzählt Maja. Den Mann fürs Leben hat sie hier aber noch nicht gefunden. Dabei werde es aber langsam Zeit, wie ihre Eltern betonen.
Wir übernachten in Majas Zimmer. Die Einrichtung spiegelt ein wenig den Traum von der großen weiten Welt wider. Eine Wand ist mit einer Fototapete mit Südseestrandmotiv tapeziert, auf den Regalen und Fensterbrettern häufen sich Nippes und Souvenirs. Eigentlich hätte Maja in eine der großen Städte ziehen und dort studieren sollen. Wegen ihres Asthmas wurde nichts daraus, sie wird wohl auch in Zukunft bei ihren Eltern leben und sich mit Gelegenheitsarbeiten durchschlagen müssen. An die Wand hat Maja eine Schrifttafel gehängt: »Die Arbeit ist ein Lied, aber jemand anderer soll es singen.«
Am nächsten Tag wachen wir früh auf. Das Wetter hat sich verschlechtert, Regenwolken hängen über dem Ort. In der Gartenlaube hat uns Schorsch schon ein Frühstück bereitet. Ivanka und Maja sind bereits an ihrem Arbeitsplatz. Zum Abschied gibt uns Schorsch eine lackierte Muschel mit. »Damit ihr eine Erinnerung an Balgarevo habt«, sagt er lachend und winkt zum Abschied.
Wir folgen wieder der Straße nach Norden in Richtung Rumänien. Nach einigen Kilometern kommen wir zu der Abzweigung nach Rusalka und beschließen, bei Maja vorbeizuschauen. Die Straße führt schnurstracks durch die Felder zum Meer, wo sie die letzten Meter steil zur Küste abfällt. Rusalka ist eine andere Welt. Statt alter Häuser, gackernder Hühner, Truthähnen und schwer bepackter Esel dominieren hier kleine Bungalows, ein geheizter Swimmingpool, Tennisplätze und ein Reitstall das Bild des Ortes.
Wir treffen Maja, als sie gerade einen Bungalow sauber macht. »Wollt ihr hier nicht einmal Urlaub machen?« fragt sie uns. In Rusalka kostet eine Übernachtung so viel, wie die Zimmermädchen, die hier arbeiten, in einem Monat verdienen. Die Anlage ist nicht geplant für bulgarische Durchschnittsverdiener, sondern ganz auf westliche Touristen und Neureiche aus Sofia ausgerichtet. Die Bewohner von Balgarevo kommen nur als Arbeitskräfte nach Rusalka. Nach dem Ende des Tabakanbaus ist die luxuriöse Anlage die einzige Einkommensquelle für das Dorf geblieben.