+»Während der vergangenen Monate hatte ich festgestellt, dass ich mich einigermaßen zufrieden fühlte, wenn ich gleichzeitig 1. trank, 2. Raymond Chandler las und 3. Beethoven hörte«, sagt Lancelot Lamar, der Protagonist in Walker Percys 1977 erschienenem Roman »Lancelot«.
Man kann aber auch wesentlich leichter Zufriedenheit erlangen. Lassen wir Beethoven doch einfach weg und behandeln die Punkte 1. und 2. als jene Einheit, die sie im Werk Raymond Chandlers sind.
Wer sich vornimmt, Chandlers Gesamtwerk zu lesen, sollte sich erst einmal Schnaps bereitstellen, vor allem Whisky, Brandy und Gin (sowie ein bisschen Bier zum Nachspülen). Denn man wird bei der Lektüre zwangsläufig durstig. Es gibt nur wenige Dichter, die ihre Figuren mehr trinken lassen. Chandler hat seinen bekannten Privatdetektiv Philip Marlowe viel erleben und noch mehr trinken lassen. Über Marlowe geschrieben hat er nur wenig. Ein paar Briefe bewahren alles auf, was der Schriftsteller über seinen Protagonisten jenseits der Stories und Novels zu sagen hatte.
Was das Trinken betrifft, erfahren wir aus diesen Dokumenten, dass »Mr. P. Marlowe« zwar oft als »simpler, vulgärer Alkoholiker« wahrgenommen wird, in Wirklichkeit aber keineswegs »immerzu voll Whisky sei. Der einzige Punkt, der mir zur Rechtfertigung dieser Annahme einfällt, ist die Tatsache, dass er ganz offen einen Schluck nimmt, wenn ihm nach einem Schluck zumute ist, und nicht zögert, darüber eine Bemerkung zu machen. Ich weiß nicht, wie es in Ihrer Gegend damit aussieht, aber verglichen mit der Landklub-Gesellschaft in meiner Gegend, ist er so nüchtern wie ein Diakon«, schreibt Chandler im Oktober 1951 an einen Mr. Inglis, der sich zuvor brieflich über Marlowes Trinkgewohnheiten beschwert haben muss.
Aus einem anderen Brief erfahren wir, dass Marlowe praktisch alles trinkt, »was nicht süß ist. Gewisse Drinks wie etwa Pink Ladies, Honululu-Cocktails und Highballs mit Crème-de-menthe würde er als schwere Kränkung ansehen.« Wenn er arbeitet, muss er nicht darben, denn »die Büroflasche wird im Aktenschub des Schreibtisches aufbewahrt«. Das war’s auch schon, was die Briefe über Marlowes Alkoholkonsum hergeben.
Chandlers Leben ist von zahlreichen Biografen beschrieben worden; wer Genaueres über sein Trinken erfahren möchte, dem sei Frank MacShanes Biografie mit dem simplen Titel »Raymond Chandler« nahe gelegt. Chandler, dem Alkohol zeitweise recht zugeneigt, hat stets alle Vergleiche zwischen sich und Marlowe von sich gewiesen, obwohl es durchaus Ähnlichkeiten gibt. In einem Brief an seine Sekretärin schreibt er: »Wenn Sie zu spät zur Arbeit kommen, entschuldigen Sie sich nicht; geben Sie eine einfache Erklärung, auch wenn es eine dumme Erklärung ist. Sie können eine Reifenpanne gehabt haben. Sie können verschlafen haben. Sie können betrunken gewesen sein. Wir sind beide nur Menschen.«
Die Erwähnung des Trinkens erfolgt ebenso beiläufig wie in einem beliebigen Fall Marlowes. Dennoch: Wer mehr über Marlowes Durst erfahren will, muss sich ans Werk machen und nachlesen.
Philip Marlowe trinkt …
Wer ihn noch nicht kennen sollte, dem sei Philip Marlowe kurz vorgestellt. Er ist seit Jahren 38 Jahre alt, sein Körperbau ist kräftig, »keine sichtbaren Narben. Haare dunkelbraun, etwas grau. Augen braun. Größe einsvierundachzig. Gewicht circa einsneunzig.« Er hat früher als Polizist für den Distriktanwalt gearbeitet, wurde aber wegen Befehlsverweigerung entlassen und arbeitet seither als Privatdetektiv vorwiegend in einer Los Angeles nachempfundenen Stadt, die manchmal Bay City heißt. Marlowe verfügt in der Regel über wenig Geld und »hat so viel soziales Gewissen wie ein Droschkengaul. Er hat ein persönliches Gewissen, was eine ganz, ganz andere Sache ist.« Chandler gilt er als »die Personifikation einer Haltung, die Übertreibung einer Möglichkeit«, die Figur »ist einfach aus den Groschenzeitschriften gewachsen. Ein bestimmtes Modell hatte er nicht.«
Marlowes Vorgänger in den ersten Detektivgeschichten, die Chandler für Zeitschriften wie Black Mask und Dime Detective Magazine schrieb, heißen John Dalmas, John Evans, Mallory, Carmady, usw. Ich behandele sie hier so, als seien sie Marlowe. Chandler hat das ebenso gemacht und die meisten von ihnen für die Marlowe-Romane ausgeschlachtet (»cannibalized«) bzw. einfach umbenannt.
Am besten lässt erschließen, was, wie, wo, wie viel und warum Marlowe trinkt, wenn wir mit ihm einfach einen beliebigen Tag verbringen. Er erwacht »mit einem Scheuerlappen im Mund« und steht, wie wir alle, irgendwann auf, sagen wir morgens:
»Morgens trinke ich nicht – mit wenigen Ausnahmen.« Zähneputzen, duschen, anziehen, Frühstück. Frühstück? »Ich hatte noch die Pintflasche Whisky. Ich betrachtete sie und roch daran, aber zum Frühstück, auf leeren Magen, konnte ich sie nicht gebrauchen.« Gestern sah es noch anders aus: »An sich bin ich kein Morgentrinker. Das südkalifornische Klima ist zu mild dafür. Man verbrennt das Zeug nicht schnell genug. Aber diesmal mixte ich mir doch einen großen kalten Drink. (…) Ich ging mit dem Drink vorsichtig um, nahm nie mehr als einen Schluck auf einmal.«
Wie auch immer, Marlowe verlässt die Wohnung, setzt sich ins Auto und geht seinem Job nach. Manchmal muss ein Hausbesuch gemacht werden (»Doktor Sundstrand, der vollkommene Abstinenzler, war gerade damit beschäftigt, aus einer frischen Quartflasche einen Morgentrunk zu sich zu nehmen«), oder ein neuer Auftrag winkt: »›Wie sind Ihre Sätze?‹ ›Fünfundzwanzig Eier pro Tag plus Spesen.‹ ›Das ist zu viel. Was verstehen Sie unter Spesen?‹ ›Benzin und Öl, vielleicht mal eine kleine Bestechung, Mahlzeiten und Whisky. Hauptsächlich Whisky.‹«
Heute aber geht’s direkt ins Büro. Die Post will sortiert, Anrufe müssen erledigt und so manche seltsamen Besucherinnen mit einem Hut, »dessen Oberteil die Größe eines Whiskyglases hatte«, wollen empfangen werden. »Ich griff in die unterste Schublade und holte die Büroflasche (…) hervor. ›Sie werden sich doch wohl nicht als einer von diesen ewig betrunkenen Detektiven entpuppen?‹ fragte sie besorgt. ›Warum nicht? Die lösen ihre Fälle immer und kommen dabei nicht mal ins Schwitzen.‹«
Zum Glück ist nicht jede Klientin so kritisch: »Mrs. Prendergast schenkte mir ein Lächeln, das ich bis in die Hüfttasche fühlte. ›Ich finde Roggenwhisky einfach himmlisch‹, gurrte sie. ›Können wir nicht – bloß einen kleinen Schluck?‹« Das will gut überlegt sein. »Ich dachte darüber nach, aber das Nachdenken brachte mich auch nicht weiter. Endlich fiel mir die halbe Flasche Scotch ein, die ich noch übrig hatte, und ich veranstaltete mit ihr eine Geheimsitzung.« Wenn Marlowe das Büro verlässt, wartet schon der Portier: »Er goss einen weiteren Schluck ein, verkorkte die Flasche fest. ›Nicht mehr als zwei – vor dem Essen‹, sagte er.
Genau, schon ist Mittag und man muss essen und trinken. Aber wo? »Auf der Terrasse von ›The Dancers‹ fingen die Frühaufsteher allmählich an, zu Mittag zu trinken.« Muss nicht sein, nicht jeden Tag. »›Ich will dem Alkohol abschwören, Mopsy.‹ Der Koch grinste. Er griff unter die Theke nach einer braunen Flasche und goss einen großen Drink in ein Wasserglas, stellte das Glas (…) hin. (…) ›Werd ich halt ein andermal abschwören.‹«
… und trinkt …
Ab zum Wagen, Gangster, Cops und der Rest der Welt fordern Gesellschaft. Vorbei an Bunker Hill (»Aus den Häusern kommen Frauen, die jung sein sollten, aber Gesichter wie abgestandenes Bier haben«), um passend zum Termin bei Mrs. Grayle zu sein: »Sie goss einen kräftigen Schuss Scotch in mein Glas – Scotch, der aussah, als wäre er geruhsam zu voller Reife gekommen – und spritzte etwas Sodawasser hinein. Es war jene Sorte Alkohol, die man ewig trinken zu können meint, in Wirklichkeit wird man aber nur leichtsinnig. Sie unterzog sich derselben Therapie.«
Anschließend bloß General Sternwood nicht vergessen. »›Wie trinken Sie Ihren Brandy, Sir?‹ ›Das ist mir ziemlich gleich‹, sagte ich. (…) ›Ich habe ihn immer gern mit Champagner getrunken. Den Champagner so kalt wie ein Wildbach und etwa ein Drittelglas Brandy mittenrein.‹«
Wieder ins Auto, im Handschuhfach liegt eine Flasche für alle Fälle. »Ich nahm noch rasch ein paar Schlückchen zu mir und wischte mir die Sorgenfalten aus dem Gesicht.« Los geht’s zur lokalen Polizei, die vorgeladen hat. »Bullen sind auch nur Menschen. Und ihr Whisky ist genauso gut wie das Zeug, das man über die Theke geschoben kriegt.« Das Verhör zieht sich hin. Der Polizist »M’Gee leerte sein zweites Glas und ging wegen eines dritten mit sich zu Rate. Er beschloss, zuerst eine Zigarre zu rauchen.« Der Polizeichef kommt hinzu. »Das verschaffte mir den Anblick von (…) englischen Schuhen, die aussahen, als wären sie in Portwein eingelegt gewesen.« Jetzt muss Marlowe aber los, und so mancher Polizist muss es auch. »Tinchfield öffnete eine Schublade in seinem Schreibtisch und holte eine volle Pintflasche Whisky heraus. Er steckte sie sich unters Hemd und knöpfte das Hemd wieder zu.«
Der Rückweg dauert, immer fehlt es am Nötigsten. »Ich (…) sprintete zum nächsten Drugstore und holte mir eine halbe Buddel Whisky. Zurück im Wagen konsumierte ich genug, um mich warm und bei Laune zu halten.« Unterwegs muss auch noch ein Zeuge befragt werden. Er leistet Widerstand: »›Noch zu früh für einen Apfelbrandy, oder?‹ flüsterte er. Ich teilte ihm mit, wie sehr er sich da im Irrtum befand.« Die nächste Klientin wird aufgelesen, sie hat viel zu erzählen. »›Wenn’s eine längere Story wird, sollten wir was trinken gehen.‹ ›Ich trinke nie vor Sonnenuntergang. Auf die Art kann man nie versumpfen.‹ ›Bitter für die Eskimos‹, sagte ich. ›Im Sommer jedenfalls.‹ Sie sah mir zu, wie ich meinen Flachmann herausholte.«
Endlich wieder im Büro. »Ich zog Jackett und Krawatte aus, setzte mich an den Tisch, zog meine Büroflasche aus ihrer Schublade und genehmigte mit einen Schluck. Mir ging’s danach keineswegs besser. Ich nahm einen zweiten Schluck, das Ergebnis war das gleiche.« Denn auch hier lauert ja nichts als Arbeit. Die Tochter eines Auftraggebers wartet, und sie stellt harte Fragen: »Hätten Sie vielleicht was zu trinken in ihrem Büro?« Dienst ist Dienst, und Schnaps ist Schnaps: »Also holte ich meine Büroflasche heraus und nahm einen Schluck und ließ meine Selbstachtung vor die Hunde gehen.«
So langsam bricht der Abend an, es liegt noch ein langer Tag vor Philip Marlowe. »An Abenden wie diesem endet jede Saufrunde mit einer Keilerei. Sanftmütige Hausfrauen tasten prüfend über die Schneide des Tranchiermessers und studieren die Hälse ihrer Männer. Schlechthin alles ist möglich. Es kann einem sogar passieren, dass man in einer Kneipe ein volles Glas Bier bekommt.« Bevor die Observierungen, Arbeitsabendessen und Termine bei Klienten und in Casinos anstehen, muss auch mal eine kurze Pause in einer Bar gemacht werden. Jemand begrüßt Marlowe. »›Geschäftlich hier?‹ ›Im Auftrag meines Durstes‹, sagte ich.« Man kommt sich näher. »›Der erste stille Drink des Abends in einer stillen Bar – das ist was Wundervolles.‹ Ich war ganz seiner Ansicht.« So entstehen Freundschaften. »Wir tranken und nickten einander zu.«
Wird denn immer nur getrunken? Nein. Gefragt, was er trinken will, antwortet Marlowe: »Irgendwas oder auch nichts. Ich muss nicht unbedingt im Moment.« Man kann auch was anderes tun. »Ich war damit beschäftigt, ein kleines Glas Tequila auf der Glasplatte zu drehen.« Bzw. »ich lehnte an der Bar und drehte ein kleines Glas Bacardi auf dem Mahagoni hin und her.« Und oft trügt der Schein. »›Ein Martini. Trocken, sehr, sehr, sehr trocken.‹ ›Okay.‹ ›Wollen Sie ihn mit einem Löffel oder einem Messer oder einer Gabel essen?‹ ›Schneiden Sie ihn in Streifen‹, sagte ich. ›Ich will nur dran rumknabbern.‹«
Das folgende Abendessen ist nicht so gut. »Ich schlang in mich hinein, was die Karte als reguläres Abendmenü annonciert hatte, und trank einen Brandy, um das Essen unter Verschluss zu halten und am Hochkommen zu hindern.« Aber sonst passt alles. »Der Brandy schmeckte sauber und hart«, bzw. »der Schnaps überwand die Barrieren«.
Und so etwas schafft ein einziger Brandy? »Ich hatte eine große Flasche Scotch bei mir. Ich bediente mich ihrer oft genug, um mein Interesse nicht einschlafen zu lassen.« Interesse an wem oder was? »Der Scotch – wie guter Scotch das tut – hielt mich während der ganzen Rückfahrt nach Hollywood in Stimmung. Ich nahm das Rotlicht der Ampeln, wie es kam.«
… und trinkt …
Was sind das eigentlich für Leute, mit denen sich ein Detektiv zu so später Stunde noch trifft? Was haben sie mit Mord, Totschlag, Erpressung, Fälschung, Entführung zu tun? Marlowe ermittelt. Manche von ihnen haben Stil und schwören auf Armagnac: »Er hob das Glas, schnüffelte und nahm einen winzigen Schluck. Ich goss meinen auf einen Zug herunter. Es schmeckte wie guter französischer Weinbrand. Ballou schien schockiert. ›Mein Gott, Sie müssen das in kleinen Schlucken nehmen, nicht runterkippen!‹ ›Ich kippe es runter‹, sagte ich.« Andere trinken wie Marlowe: »›So ein Stoff stirbt bei mir ohne Schmerzen‹, sagte sie. ›Der weiß nicht mal, wie ihm geschieht.‹«
Auch Arbeiter und Angestellte finden sich ein, ein Hotelpage meint: »Der Schnaps wirkt hier durchaus anregend auf meinen Geist.« Ein Mechaniker vermutet: »›Ich wette, Sie können einen Schluck brauchen (…). Ein bisschen Feuchtigkeit innen gleicht alles wieder aus.‹ Ich ging hinüber wie aufgezogen und nahm es.« Polizisten zeigen sich renitent (»Trinken Sie was?« »Noch nicht«).
Auch der Mann im Drugstore macht anfangs Ärger: »›Sie dürfen hier keinen Alkohol trinken‹, sagte der Angestellte. (…) ›Sie dürfen hier laut Gesetz keinen trinken‹, sagte der Angestellte. (…) Er blickte auf die Flasche Roggen, brummelte vor sich hin und grummelte: ›Na schön, ich guck auf die Straße, während Sie eingießen.‹« Krankenschwestern hingegen lassen sich rasch überzeugen: »›Ich trinke nie im Dienst‹, sagte sie kalt (…) ›Sie arbeiten jetzt für mich. Alle meine Angestellten sind dazu verpflichtet, sich von Zeit zu Zeit vollaufen zu lassen.‹«
Selbst Paare werden therapiert. »Mit der Familie Wade war irgendetwas los, was über das Problem Alkohol herausging. Der Alkohol war nicht mehr als eine verschleierte Reaktion darauf.« Vom anderen Personen erfährt man weniger, manchmal nur einzelne Sinneseindrücke: »Er roch nach Highballs, aber nicht unangenehm.« Dann sind da noch eine Auftraggeberin (»Ich konnte den dicken, heftigen Alkoholgeruch ihres Weines riechen, bevor ich sie wirklich sah«) und eine Unbekannte, die ebenfalls gut riecht, nach »Gillerlain Regal, dem Champagner unter den Parfüms«.
Und wie riecht Marlowe? »Ich roch nach Gin. Nicht bloß so, als hätte ich vier oder fünf Drinks an einem Wintermorgen gekippt, um besser aus den Federn zu kommen. Sondern so, als ob der Pazifische Ozean aus purem Gin bestünde und ich gerade einen Kopfsprung hinein gemacht hätte.« Trotzdem hat er eine Spürnase: »Hinter dem rauchigen Duft des Bourbon verbarg sich noch ein anderer Geruch, der schwache Geruch von bitteren Mandeln.«
Ist damit der Fall schon gelöst? Nein, es muss noch geschossen, erstochen, vergiftet und geprügelt werden. Manchmal bekommt Marlowe was ab, meistens einen Knüppel oder einen Totschläger. Wenn er wieder zu sich kommt, ist er jedoch schnell klar: »›Brandy!‹, krächzte ich. ›Was ist geschehen?‹«
Hier und da wird er eingesperrt, einmal in einer privaten Drogenklinik. Doch Rettung naht: »Auf einem kleinen weiß lackierten Tisch (…) stand eine Whiskyflasche. Der Form nach sah sie gut aus. Sie sah etwa halbvoll aus. Ich ging darauf zu. Es gibt ja doch eine Menge netter Leute auf der Welt, trotz allem. Man kann über die Morgenzeitung meckern (…) und die Politiker verhöhnen, aber immer noch gibt es eine Menge netter Leute auf der Welt. Beispielsweise der Kerl, der die halbe Whiskyflasche dagelassen hat. Er hatte ein Herz wie die Hüften von Mae West.«
… und trinkt
Was bringt das alles? Geld? Ruhm? Befriedigung? »Ehe ich ging, stellte ich die Whiskyflasche auf den Tisch vor der Couch. ›Lassen Sie daran Ihren Stolz aus‹, sagte ich.« Wirkt’s? »Er goss sich einen weiteren Drink ein, gegen seine Sorgen. ›Das beruhigt mich‹, sagte er.« Scheint so. »Ich trank die andere Hälfte meines Drinks. Ich fing an, mich ausgeruht zu fühlen.« Immerhin, aber: »Auf dem Weg zur Stadt hinunter hielt ich vor einer Bar und trank ein paar doppelte Scotch. Sie halfen mir auch nicht weiter.«
Liegt es an der Qualität? »Ich holte die Flasche mit dem Old Forester raus. Ich würde nicht sagen, dass es mit Gemütsruhe war, als ich mir einen Drink eingoss und ihn durch die Gurgel schüttete.« An der Quantität? »Ich (…) goss mir so viel ein, bis mein Drink ein Drink war.« An der Form? »Ich nickte und trank aus dem schönen Kristallglas, das ich in der Hand hielt. Was darin war, hatte einen angenehmen, warmen Geschmack.« Oder am Inhalt? »Ich ging in die Küche und stürzte einen Whisky hinunter, bevor wir gingen. Er tat mir gar nicht gut.« Kann denn nichts helfen? »Ich könnte mich besaufen wie zwei Seelords, und das mit Hochgenuss«, bzw. »Ich brauchte etwas zu trinken und brauchte es schnell.«
Man sieht, alleine ist Marlowe hier verloren. Zum Glück sind Freunde da. »Tja, und was nun, mein Freund? Hast du schon eine Idee, oder picheln wir erst noch einen?« Ratschläge werden verteilt. »Nehmen Sie mal einen kleinen Schluck Mut zu sich. (…) Er zog seine unvermeidliche Flasche heraus.« Ernste Gespräche entwickeln sich. »›Tja‹, sagte der große Mann. ›Dann wollen wir beide jetzt mal einen nippeln.‹« Tiefe Einblicke entstehen. »Ich nickte und trank einen weiteren Schluck aus meinem Glas. Ich sagte: ›Hm, hm.‹« Irritationen kommen auf. »›Betrunken?‹ fragte er, ohne dass klar war, wen er meinte.« Irritationen verschwinden wieder. »Er mixte die Drinks, und wir sandten uns die übliche gekünstelte Lächelveranstaltung über die Gläser hinweg zu und tranken. (…) ›Ich bin nicht abgeneigt‹, sagte er. ›Der Schnaps setzt mein Gedächtnis in Betrieb.‹« Man kann aber auch zu viel reden. »Ich saß da, den Drink unangerührt in der Hand. Dabei trinke ich gern, nur dann nicht, wenn andere mich als ihr Tagebuch benutzen.«
Ob Frauen etwas bewirken können? Als Detektiv lernt man viele Frauen kennen, harte Frauen. »›Zum Teufel mit diesem höflichen Trinken‹, sagte sie plötzlich. ›In dem Punkt können wir ja wohl zusammenkommen.‹« Sehr harte Frauen. »›Trinken Sie was.‹ Sie goss uns Scotch nach. Er schien ihr ebenso wenig anzuhaben wie Wasser einem Staudamm.« Immerhin weiß Marlowe, »Alkohol ist wie die Liebe: der erste Kuss ist berauschend, der zweite vertraut, der dritte Routine. Danach zieht man das Mädchen nur noch aus.« Zu Hause steht »eine Flasche Likör-Scotch« bereit, »die ich mir für eine wirklich erstklassige Verführung aufgehoben hatte«. Aber wenn es ernst wird, will er nicht. »Ich gehe raus in die Küche und hol mir was zu trinken. Wollen Sie auch?« »Hmhm.« (…) »Wenn ich zurückkomme, und Sie sind angezogen, bekommen Sie Ihren Drink. Okay?« Woran liegt das? »Man kann auch von anderem als Alkohol das heulende Elend kriegen. Ich hatte es von den Frauen.«
Also ab nach Hause, irgendwann muss ja mal Schluss sein. »Ich trottete weiter. Die Luft tat mir gut, aber der Whisky in mir erstarb, und er krümmte sich beim Sterben.« Etwa zu viel getrunken? Keineswegs. »Ich war fast nüchtern, und mein Magen kullerte ins Aus statt ins Tor.« Was tun? »Ich fuhr schnell. Ich hatte einen Schluck bitter nötig, und die Kneipen waren zu.« Und dann? »Danach saß ich in der Wohnung umher, trank zuviel heißen Toddy und versuchte, den Code in Geigers blauem Indexbüchlein zu knacken.«
Wenn die Arbeit beendet ist, kommt manchmal der Frust. »Wo ich auch hinfuhr, was ich auch tat, immer würde ich hierher zurückkehren. Zu einer kahlen Wand in einem nichts sagenden Zimmer in einem nichts sagenden Haus. Ich stellte mein Glas auf ein Beistelltischchen, ohne davon getrunken zu haben. Alkohol half nicht dagegen.« Vielleicht ja doch. »Ich (…) saß dann auf der Bettkante und starrte auf meine Füße und soff den Whisky aus der Flasche. Genau wie jeder andere Süffel. Als ich so viel getrunken hatte, dass mein Gehirn nicht mehr dauernd vor sich hin dachte, zog ich mich aus und ging ins Bett, und nach einiger Zeit, aber nicht schnell genug, schlief ich ein.« Endlich Ruhe, aber: »Ich stand auf und nahm einen Schluck, obgleich es die falsche Tageszeit war, und legte mich wieder hin.«
Einer geht noch
Natürlich war das kein typischer Tagesablauf Marlowes, sondern ein extrem komprimierter, verdichteter. Begleitete man ihn über mehrere Tage, Wochen oder Monate, so fiele die Alkoholkonzentration deutlich geringer aus. Dennoch verginge kaum ein Tag, an dem nicht getrunken würde.
Schön daran ist vor allem, dass Marlowe den Alkohol weder verteufelt noch verherrlicht. Es muss nicht getrunken werden, aber es muss auch nicht nicht getrunken werden. Schnaps gehört zum alltäglichen Leben wie das Essen und der Schlaf. Ein paar Stunden nach dem letzten Mahl hat man wieder Hunger, wer morgens aufsteht, ist nachts trotzdem wieder müde, »ich leerte mein Glas, und auf mein Gesicht kam wieder der durstige Ausdruck«.
Chandler lässt seine Figuren hier und da zahlreiche Gründe anführen, warum sie trinken. Diese Äußerungen sind allesamt halbherzig und vorgeschoben, jede Erklärung wirkt wie eine Parodie (und jede gute Parodie auf Marlowe verzichtet wiederum auf Erklärungen, warum die jeweiligen Protagonisten trinken, Drogen nehmen oder was immer sie tun, um weiter so sein zu können, wie sie nun mal sind; in diesem Sinne sind Jonathan Lethems »Der kurze Schlaf« und Peter O. Chotjewitz’ »Urlaub auf dem Land« hervorragende Parodien Marlowes).
Der Literaturwissenschaftler Robert B. Parker hat Chandlers nachgelassenes Romanfragment »The Poodle Springs Story« unter dem Titel »Einsame Klasse« vollendet und dabei versucht, Chandlers salopp-lakonischen Ton zu treffen. In weiten Teilen ist ihm das recht gut gelungen, auch was das Trinken angeht (»Sie ging zurück zum Sideboard und goss sich einen weiteren Drink ein. Es schien ihr ziemlich leicht von der Hand zu gehen. Sie trank etwas.« »›Wein, Zigaretten und ein guter Mann‹, sagte sie. ›Mehr kann man vom Leben nicht verlangen.‹«)
Jeder dieser Sätze hätte von Chandler sein können. Doch wenn plötzlich Marlowe in einer Bar angetrunken zu dozieren beginnt, dann weiß man ganz sicher, dass die Urheberschaft dieser Passage bei Parker liegt: »Ich hatte mein halbes Leben damit verbracht, in Bars wie dieser mit Betrunkenen zu sprechen. Wen haben Sie gesehen, was haben Sie gehört? Trinken Sie noch einen. Klar, geht auf mich, Marlowe, den großzügigen Spender, den Kumpel der Säufer, trink aus, Säufer. Du bist einsam und ich bin dein Freund.«
Chandler hätte Marlowe an dieser Stelle einfach nur trinken lassen, vielleicht ein bisschen griesgrämiger als sonst, höchstwahrscheinlich aber kommentar- und sinnlos. Man fragt sich ja auch nicht, warum man Sex hat oder aufs Klo geht. Sein Biograf Frank MacShane hat das begriffen und fasst die Charaktere in Chandlers Story »Ein Schriftstellerehepaar« entsprechend zusammen: »Er ist Trinker, sie ein Miststück. Sie versucht davonzulaufen, kommt aber zurück, weil sie weiß, dass es für sie oder für ihn kein anderes Leben gibt. Er trinkt einfach.«
Am Ende von »Der superkluge Mord«, einer anderen Story Chandlers, sitzen Marlowes Vorgänger Dalmas und ein Polizeihauptmann zusammen. »Worauf trinken wir?« fragt der Polizist. Dalmas antwortet: »Trinken wir einfach so.« Insofern hat Derek Raymond, ein britischer Schriftsteller des Roman Noir auch nur im ersten Satzteil recht, wenn er die Welt Chandlers als eine sieht, »wo die Leute herumstehen und trinken, versuchen, den Weg zurück zu dem zu finden, was sie einmal waren«.
Walker Percys eingangs erwähnter Lancelot Lamar hingegen hat den Bogen raus: »Ich fand es schön, dort im alten, grüngoldenen Louisiana am Fuße der levée zu sitzen und zu lesen – nicht von General Beauregard, sondern von Philip Marlowe, der in seinem schäbigen Büro im verdreckten Los Angeles von 1933 eine Flasche aus der Schreibtischschublade holt und ganz allein vor sich hin trinkt.«
Literatur
Raymond Chandler: Werkausgabe in 13 Bänden. Diogenes
Raymond Chandler/Robert B. Parker: Einsame Klasse. Goldmann
Frank MacShane: Raymond Chandler. Diogenes
Derek Raymond: Die verdeckten Dateien. DuMont
Peter O. Chotjewitz: Urlaub auf dem Land. Verbrecher Verlag
Jonathan Lethem: Der kurze Schlaf. Tropen Verlag
Walker Percy: Lancelot. Droemer/Knaur
Eine gekürzte Fassung dieses Artikels findet sich in: Jörg Sundermeier (Hg.): Das Buch vom Trinken. Geschichten. Verbrecher Verlag, Berlin 2004. 160 Seiten, 12 Euro. Das Buch ist dieser Tage erschienen.