05.01.2005

Der Reis ist heiß

2004 war das Internationale Reisjahr. Ein Nachschlag von maik söhler

»Die Generalversammlung, unter Hinweis auf die Resolution 2/2001 der Konferenz der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen, feststellend, dass Reis das Grundnahrungsmittel für mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung ist, bekräftigend, dass stärker bewusst gemacht werden muss, welche Rolle dem Reis bei der Linderung der Armut und der Mangelernährung zukommt, erneut erklärend, dass die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit auf die Rolle gerichtet werden muss, die der Reis im Rahmen der Verwirklichung der international vereinbarten Entwicklungsziele, namentlich der in der Millenniums-Erklärung der Vereinten Nationen enthaltenen Ziele, bei der Ernährungssicherung und der Bekämpfung der Armut übernehmen kann, 1. beschließt, das Jahr 2004 zum Internationalen Reisjahr zu erklären; 2. bittet die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen, die Durchführung des Internationalen Reis-Jahres zu erleichtern und dabei mit den Regierungen, dem Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen, den Zentren der Beratungsgruppe für internationale Agrarforschung und den anderen zuständigen Organisationen des Systems der Vereinten Nationen sowie mit nichtstaatlichen Organisationen zusammenzuarbeiten.«

Aus dem Protokoll der 76. Plenarsitzung der Vereinten Nationen vom 16. Dezember 2002

I

Die Hälfte der Menschheit ist auf Reis als Grundnahrungsmittel angewiesen. Nach Schätzungen der Uno wird das im Jahr 2020 für fünf von acht Milliarden Menschen gelten. Damit der wachsende Bedarf gedeckt werden kann, wird die Reisproduktion um etwa ein Drittel ansteigen müssen; je nach Statistik werden derzeit jährlich zwischen 400 und 560 Millionen Tonnen erzeugt, im Jahr 2025 sollen es nach dem Willen der Welternährungsorganisation 800 Millionen sein. Nicht nur die Unesco betont, dass für diesen Zuwachs voraussichtlich kaum mehr als die derzeit vorhandenen Flächen zur Verfügung stehen, da sich in vielen Ländern der Anbau nicht mehr beliebig ausweiten lässt. In den Reis produzierenden Regionen Asiens, Afrikas und Südamerikas müssen bereits heute 400 Millionen Menschen hungern.

Quellen: Uno, Unesco, East Asia Rice Working Group, FAO

II

Nun ist das Internationale Jahr des Reises vorbei. Was bringen solche symbolischen Akte wie die Proklamation eines »Reisjahres«?

Ein »Jahr des Reises« ist ein riesiger Fake. Die Uno behauptet, dass Aktivitäten entfaltet werden, die zum Nutzen der Kleinbauern sind und der Ernährung der Menschheit dienen. Das Gegenteil ist aber der Fall: Reis wird patentiert und privatisiert. Wenn wir in die Geschichte schauen, stellen wir fest, dass es bereits 1966 ein »Reisjahr« gab. Das war der Startschuss für die »Grüne Revolution«, die mit den so genannten Hochertragssorten vorgab, das Hungerproblem in Asien lösen zu wollen.

Hat die »Grüne Revolution« nicht tatsächlich die Erträge verbessert und damit den Hunger verringert?

In der Tat wurden in den zurückliegenden Dekaden Ertragssteigerungen im Reisanbau erzielt, gleichzeitig ist die Zahl der Hungernden aber eben nicht zurückgegangen. Der Grund dafür ist, dass Hunger kein Problem der Produktion, sondern eines der Verteilung und des Zugangs ist. Solange das nicht erkannt wird, wird ein »Reisjahr« über den reinen Symbolcharakter nicht hinauskommen.

Aus einem Interview mit Karsten Wolff (www.heise.de/tp/r4/artikel/18/18913/1.html), in Malaysia lebender Geograf und Koordinator der asiatischen Kampagne »Save our Rice« (www.panap.net/ricecampaign)

III

»Die Grüne Revolution hat Indien zwar unabhängig von der Einfuhr von Nahrungsmitteln gemacht, aber sie fordert einen hohen Preis: die Verdrängung traditioneller Landbaumethoden, die mit der Natur und nicht gegen sie arbeiten.«

Vandana Shiva, indische Physikerin und Umweltschützerin

IV

»Vandana Shiva, die auf keinem Podium westlicher Anti-Gentechnik-Kampagnen fehlt, verdammt den Goldenen Reis. Sie empfiehlt ihren Landsleuten, sie sollten besser mehr Leber, Fleisch, Eigelb und Spinat essen. Wie sagte einst Marie-Antoinette? ›Wenn das Volk kein Brot hat, soll es doch Kuchen essen.‹ (…) Ein Stopp der grünen Gentechnik wäre moralisch verantwortungslos: Er blockiert ökologische Zukunftsoptionen. Noch sind die Forschritte der Gentechniker im Agrarbereich nicht besonders spektakulär. Aber manche Projekte, an denen Wissenschaftler derzeit arbeiten, könnten drängende Umwelt- und Menschheitsprobleme lösen. Der Goldene Reis ist nur ein Beispiel dafür.«

Dirk Maxeiner und Michael Miersch, Publizisten

V

»In der gentechnikkritischen Szene wächst der Widerstand gegen den Begriff ›Grüne Gentechnik‹ (semantischer Betrug?), da ›Grün‹ im Allgemeinen als Synonym für Naturverträglichkeit, Zukunftsfähigkeit, … steht. Als Alternative wird im Schrifttum des Öfteren die Bezeichnung ›Agrargentechnologie‹ genutzt.«

Fußnote 1 der vom Evangelischen Entwicklungsdienst herausgegebenen Studie »Die Bedeutung der aktuellen Gentechnik-Gesetzesdebatte in der Europäischen Union für den Süden«

VI

»Der Weltmarkt für Reis ist ein Überschussmarkt, der bestimmt wird von der geografischen Konzentration der Produktion, einer relativ kleinen Anzahl von Händlern und Abnehmern sowie einem Preis, der auf die unterschiedlichen Quantitäten und Qualitäten der verfügbaren Reismengen sehr sensibel reagiert. Der Reismarkt ist aber auch unbeständig: Es gibt weder einen Terminmarkt noch einen einheitlichen Weltmarktpreis. Zudem sind Angebot und Nachfrage mehrerer großer Erzeugerländer unvorhersehbar; je nach klimatischen Schwankungen befinden sich gewisse Länder im Lager der Exporteure, der Importeure oder gar gleichzeitig in beiden.«

Buko Agrar-Koordination

VII

»Weltmarkt für Reis: Zahlen und Fakten. Gesamtmenge: 2003 wurden 390 Millionen Tonnen verarbeiteter Reis produziert. Produzenten: Größter Produzent ist China (mehr als 30 Prozent) vor Indien (22 Prozent), Indonesien (knapp neun Prozent), Bangladesch (sieben Prozent), Thailand (4,5 Prozent). Der Anteil Südamerikas liegt bei 3,5, der Afrikas bei drei Prozent. Die USA steuern rund 1,5 Prozent zur Weltreisproduktion bei, der EU-Anteil liegt unter 0,5 Prozent. Exporteure: 2003 wurden 28 Millionen Tonnen Reis exportiert. Die Liste führt Thailand an (7,6 Millionen Tonnen), gefolgt von Indien (4,2), den USA und Vietnam (je 3,9) sowie von China (2,6).

Kurier, Mai 2004

VIII

»Sushi-Reis: Den Reis immer nach Volumen, nicht nach Gewicht abwiegen. Für zwei Personen reicht eine Tasse (ungewaschener) Reis (gleich 300ml). Eine Stunde vorher Reis (japanischer Rundkornreis) waschen. Dazu nimmt man die abgemessene Menge Reis und wäscht ihn so lange in kaltem Wasser, bis keine Trübung mehr im Wasser auftritt. Danach ca. 30 Min. trocknen lassen. Je besser der Reis gewaschen ist, desto besser klebt er.

Dem Reis die 1,1- bis 1,3fache Menge Wasser hinzufügen. Den Reis und das Wasser in einen Topf geben und ein Stück Konbu-Platte (getrockneter Seetang) dazugeben. Den Reis aufkochen und etwa drei Minuten auf höchster Stufe kochen lassen. Dabei den Deckel nicht abnehmen. Den Topf von der Platte nehmen und auf eine zweite Platte setzen, welche bereits auf niedriger Stufe aufgewärmt ist. Auf dieser 15 bis 20 Min. köcheln lassen, bis das Wasser aufgesogen ist. Die Konbu-Platte entfernen und den Topf nochmal 15 bis 20 Min. mit einem sauberen Tuch abgedeckt stehen lassen.

Zubereitung der Gewürzmischung: Für eine Tasse Reis (300ml): 6 EL Reisessig, 4 (bis 5) EL Zucker, 1 bis 2 EL Salz, evtl. noch ein Schuss Mirin (Sake oder süßen Sherry). Reis in einem flachen Gefäß ausbreiten (traditionell eine Holz- oder Tonschale), die Gewürzmischung unterrühren und zufächern, bis der Reis abkühlt und glänzend wird.«

www.super-sushi.de/rezepte/reis2.html

IX

»Reis spielt eine zentrale Rolle in asiatischen Ländern und hat Eingang in die Religion und Sprache der jeweiligen Länder gefunden. In Thailand war es Tradition, beim Beginn des Essens vor dem Reis einen ›Wai‹ (Gruß, Ehrenbezeugung) zu machen. Es gibt auch kein eigenes Wort für Essen – man sagt einfach ›Reis essen‹ (oder Nudeln etc). Auch in anderen asiatischen Sprachen existiert für Reis nicht nur ein Wort, wie in der deutschen Sprache, sondern verschiedene Namen, je nach Zustand des Reises. In Indonesien zum Beispiel heißt der gekochte Reis ›nasi‹, der ungekochte, aber geschälte Reis ›beras‹.«

http://de.wikipedia.org/wiki/Reis#Anmerkung

X

»Eines der reichsten Gebiete der Welt wird sich für den Sieger in Indochina eröffnen. Das liegt hinter dem wachsenden Interesse der USA … Zinn, Gummi, Reis, strategisch wichtige Schlüsselprodukte sind der wahre Grund für diesen Krieg. Die USA sehen dies als eine Gegend an, über die sie auf jeden Fall ihre Kontrolle erhalten wollen.«

Artikel: »Why is the US risking a war in Indochina?«, erschienen im April 1954 im U.S. News and World Report

XI

»Castro beschwerte sich auf einer Massenveranstaltung über die unzureichende Reislieferung aus China: Kuba habe 1965 für 370 000 Tonnen kubanischen Zuckers 250 000 Tonnen chinesischen Reis erhalten; jetzt wolle Peking für zwei Tonnen Zucker nur noch eine Tonne Reis liefern; diese kubanische Beschuldigung wurde von Peking prompt als unwahr zurückgewiesen. Wer in der ›Reis-Kontroverse‹ auch recht haben mag – Castro hat inzwischen die Pekinger Führer eines ›verbrecherischen Akts‹ der wirtschaftlichen Aggression gegen Kuba beschuldigt und ihnen ›Großmacht-Chauvinismus gegenüber einem kleineren Land wie Kuba‹ vorgeworfen.«

Wolfgang Leonhard, Historiker und Publizist, 1966 in der Zeit

XII

»Der Reis im Mekongdelta war das entscheidende Mehrprodukt der vietnamesischen Ökonomie. Das Scheitern der Regierung, Kontrolle über den Reis zu gewinnen, bedeutete, dass der Staatskapitalismus, die Strategie des Auspressens von Arbeitern und Bauern, um die Staatsindustrie zu entwickeln, in Vietnam zu diesem Zeitpunkt nicht funktionieren konnte. Das Scheitern war ein Sieg der Bauern im Mekongdelta. Sie hatten die Franzosen, die Japaner und die Saigoner Regierung geschlagen. Sie hatten ihre Führer in die Schranken gewiesen.«

Jonathan Neale: Der amerikanische Krieg 1960-1975. Atlantik Verlag/Neuer ISP Verlag, 2004

XIII

In Asien stellen je nach Region Frauen zwischen 50 und 90 Prozent der Arbeitskräfte für den Reisanbau. In vielen Staaten dürfen Frauen das Land, das sie kultivieren, nicht besitzen. Häufig sind sie im Erbrecht benachteiligt. Derzeit besitzen Frauen nur zehn Prozent des zur Verfügung stehenden Landes. Sie werden sehr oft bei der Vergabe von Krediten, Subventionen und anderen Vergünstigungen nicht berücksichtigt.

Quellen: www.futureharvest.org, Rice Knowledge Bank des International Rice Research Institute (www.knowledgebank.irri.org), FAO

XIV

»Man kann sich die Daten eines Genoms als eine lange Reihe der Buchstaben A, C, G und T vorstellen. Diese stehen dabei für die Basen der DNS mit Namen Adenin, Cytosin, Guanin und Thymin. Im Falle des Reisgenoms besteht der Strang aus etwa 440 Millionen der genannten Buchstaben, wobei sie sich in zwölf Teilstücke, so genannte Chromosomen gliedern. (…) Pflanzenzüchter setzen die Reisgenomkarte bei ihren Züchtungsprogrammen ein. Dadurch werden rasche Fortschritte in der Verbesserung der Reissorten erzielt. Die Sequenz des Reisgenoms soll außerdem dazu benutzt werden, einzelne Gene aus einer Reissorte herauszuschneiden und auf eine andere Sorte zu übertragen.«

Aus einer Werbebroschüre des Schweizer Biotechnologie-Unternehmens Syngenta

XV

»Patentiertes Reissaatgut und Hochertragssorten werden von der Welternährungsorganisation FAO und von Agrarkonzernen als Lösungen im Kampf gegen den Hunger angeführt. Doch die Versprechen auf höhere Einnahmen erfüllen sich für viele Kleinbauern nicht, kritisiert Misereor. Weil modernes Saatgut durch Patente geschützt ist, dürfen Reisbauern ihr Saatgut nicht mehr selbst herstellen. Und Kleinbauern, die 80 Prozent der weltweiten Reisernte erwirtschaften, müssen für Saatgut, Dünger und Pestizide oftmals teure Kredite aufnehmen. Können sie ihre Kredite nicht zurückzahlen, verlieren sie oft ihr Land.«

Aus der Kampagne »Wem gehört der Reis?« der katholischen Hilfsorganisation Misereor

XVI

»Sehr manifest ist der Widerstand in Japan, wo Reis – wie in ganz Asien – nicht nur tägliche Speise, sondern ein religiöser, sozialer und kultureller Faktor ist. 2002 und 2003 wurden zwei Feldversuche mit Gentech-Reis aufgrund von massivem Protest aus der japanischen Bevölkerung verhindert. Sogar im ›Gentech-Wunderland‹ USA regt sich Opposition: In Kalifornien bekämpfen besorgte Bürgerinnen und Bürger den Anbau von Gentech-Reis mit Massenanrufen bei Reisvermarktern und Behördenmitgliedern. Eine Ausweitung des Versuchsanbaus von Pharma-Reis konnte vorerst gestoppt werden. In Europa bekämpfen gentech-kritische Organisationen Importzulassungen für Gentech-Reis sowie Patente auf Reis und andere Pflanzen. Und sie versuchen, der mit falschen Heilsversprechen geölten PR-Maschinerie der Agrochemie-Konzerne Fakten gegenüberzustellen.«

Aus der gemeinsam von EvB, Greenpeace und Swissaid herausgegebenen Broschüre »Das Reiskorn im Schafspelz«

XVII

»Bereits heute werden gentechnisch veränderte Pflanzen auf fast 70 Millionen Hektar angebaut – ohne dass es bisher zu irgendwelchen Gesundheitsproblemen gekommen wäre. Laut Welternährungsorganisation FAO können diese Pflanzen und ihre Produkte ohne Bedenken verzehrt werden. Gleichzeitig können Pflanzenschutzmittel viel zielgerichteter eingesetzt werden. Das führt nicht nur zu einer Steigerung der Erträge, sondern ist auch umweltschonender.«

Aus der Broschüre »Forschung aktuell. Ein Service der Bayer AG für die Unterrichtsgestaltung«

XVIII

»Unternehmen wie Bayer oder Syngenta ist es egal, ob sie Arbeitsrechte in Indonesien verletzen oder Gesundheitsvorschriften in Indien missachten. Aber wenn der Protest zurück zu den Konzernzentralen getragen wird, dann sinken die Aktienkurse. Das ist die einzige Sprache, die diese Leute verstehen.«

Karsten Wolff, Kampagne »Save our Rice«