»Es geht darum, eine zentrale Bewegung im Nachkriegsdeutschland im kollektiven Gedächtnis am Leben zu erhalten«, mahnt Peter Unfried im Namen der Redaktion die Leser der taz-Weihnachtsausgabe. Sie ist überwiegend der Frage »Wo ist Rudi Dutschke?« gewidmet und soll für die Umbenennung einer Straße nach der »Symbolfigur für die Errungenschaften der 68er« werben.
Wie kann man die Entwicklung eines Menschen über 25 Jahre berechnen? Die von der taz befragten Prominenten lösen das Problem, indem sie sich selbst zum Modell für die mutmaßliche Entwicklung Dutschkes machen. Sie alle sind der Überzeugung, dass der Rudi heute auf ihrer Seite stehen würde. Und da sie alle heute das vertreten, was die 68er-Bewegung eigentlich gedacht und gewollt hat, steht fest, dass Rudi auch damals ihre Position teilte.
Dem Frömmler Walter Jens gilt Dutschke als »ein friedlicher, zutiefst jesuanischer Mensch« und als »einer der großen Nachkriegsdeutschen«. Der Sozialdemokrat Oskar Negt lobt Dutschke und die 68er, denn »ohne sie wäre diese Republik nicht so stabil, wie sie heute ist«. Er geht davon aus, dass eben dies Rudis Anliegen war. Ganz und gar nicht, meint Jutta Ditfurth. Der Rudi lässt sich nicht »für Regierungsinteressen vereinnahmen«, vielmehr sollte die »junge antiautoritäre antikapitalistische Linke« ihn »neu entdecken«. Oder war Rudi, der Gegner der Drogen und Befürworter der Wiedervereinigung, im Herzen doch ein anständiger Deutscher? Das glaubt Klaus-Rainer Röhl: »Er stünde heute im Lager der demokratischen Rechten.« Darunter versteht Röhl vermutlich das Umfeld von Junge Freiheit und Ostpreußenblatt, in denen er publiziert.
Es herrscht großes Durcheinander im »kollektiven Gedächtnis«, wo Jesus, Horst Mahler, Arundhati Roy, Gerhard Schröder und Joschka Fischer um das Erbe der 68er-Bewegung streiten. So ist der taz zumindest der Beweis gelungen, dass die Geschichtsschreibung auch mehr als 2 400 Jahre nach Herodot weniger von Fakten als von Interessen und Projektionen bestimmt wird.
jörn schulz