19.01.2005

Der schlechte Traum

platte buch

Um den Inhalt von Denis Johnsons Novelle »Train Dreams« wiederzugeben, muss man nur die Seiten 108 und 109 des Buches aufschlagen und dort Johnsons Kurzcharakteristik seines Protagonisten Robert Grainier lesen: »Grainier selber lebte bis weit in die Sechziger hinein und wurde über achtzig Jahre alt. Er war im Laufe seines langen Lebens in westlicher Richtung bis auf ein paar Dutzend Meilen an den Pazifik herangekommen, ohne den Ozean selbst je zu sehen, und in östlicher Richtung bis nach Libby, vierzig Meilen hinter der Westgrenze Montanas. Er hatte eine Geliebte gehabt – seine Frau Gladys –, hatte ein Stück Land, zwei Pferde und einen Wagen besessen. Er war nie betrunken gewesen. Er hatte sich nie eine Schusswaffe gekauft oder ein Telefon benutzt. Er war regelmäßig mit der Eisenbahn gefahren, etliche Male mit dem Automobil, und einmal war er in einem Flugzeug geflogen.«

Die FAZ versuchte Johnsons Werk mit Wittgenstein und Wortwitz (»Die Welt ist alles, was Zerfall ist«) beizukommen, in anderen Rezensionen fielen Begriffe wie »Welt aus den Fugen«, »zerstörerisch«, »düster-visionär«, »halluzinatorisch«, »trostlos«, »die Hölle«, »morbide« bzw. »morbide-poetisch«, »traurig«, »in Stücke gerissen«, »teuflische Kreaturen«, »schwarz«, »totenstill«, »furchtbar«, »schmerzhaft«, »ein kurzer, schlechter Traum«.

Anders gesagt: Es geht um das Leben selbst. Und: Johnson hält »Train Dreams« für »weniger düster« als seine anderen Bücher. Er hat Recht.

maik söhler

Denis Johnson: Train Dreams. Marebuchverlag, Hamburg 2004, 120 S., 18 Euro