Trotz der erfolgreichen Säkularisierung der Räume der Mevlana-Moschee am Kottbusser Tor durch diverse Trash-Metal-Bands herrscht die ungepflegte Langeweile eines Jugendzentrums, getragen von den anwesenden 25 Freunden der aufspielenden Nachwuchsmusiker, die »drei Songs for free zum Downloaden« anbieten. Angekündigt sind außerdem acts wie »Asia trouble double«, ein Live-Friseur und andere Überraschungen, von denen allerdings die meisten mangels Publikum ausfallen.
Ausgerechnet am Kotti in Kreuzberg fand am vergangenen Wochenende das »Große Benefiz-Festival für Südasien« statt. Da aber die Gegend zu den schwach strukturierten Gebieten der Republik zählt, war von einer Galashow und Schecks wie im Fernsehen nichts zu sehen.
Die Superfete bildete den Auftakt einer Reihe von Events, mit denen eine Städtepartnerschaft finanziert werden soll. Ohne Türken geht am Kotti nichts, und deswegen wird betont, dass die berühmten »türkischen Gewerbetreibenden vom Kotti« (vier Dönerläden und ein Gemüsemarkt) die Idee zu der Initiative gehabt haben sollen. Sie hätten sich an das Erdbeben in Istanbul erinnert gefühlt.
Kreuzberg ist der erste Bezirk der Hauptstadt, der dem Ruf des Kanzlers nach Patenschaften für die Überlebenden der Flutkatastrophe folgt. Der fast ausschließlich von der öffentlichen Hand finanzierte Stadtteil hat einen spezifischen Standortvorteil: Hier weiß man, wie die professionelle Koordination lokaler Kiez- und internationaler Soliprojekte funktioniert – sofern Geld fließt. Schirmherrin der aktuellen Initiative ist die Kinderstiftung Peter Ackermanns, des Geschäftsführers des Wohn- und Gewerbekomplexes »Neues Kreuzberger Zentrum«. Er mag der Grund dafür sein, weswegen die Substituierten aus dem Erdgeschoss kein Interesse an einer Städtepartnerschaft haben, denn Ackermann mag angeblich das Methadonprogramm nicht, das sie – u.a.durch professionelle Hundebetreuungsjobs – in seinem Haus resozialisieren soll. Er bevorzugt wohl zahlungskräftige Mieter.
Höhepunkt des Freitagabends ist die siebenköpfige »Pop Rock Groovy« Band, die mit dem Sound der Städtepartnerschaften eine Gruppe Ströbele-Wähler vor die Bühne lockt. Der schwarze Sänger singt Santana, und im Hintergrund schüttelt ein deutscher Bierbauch brasilianische Musikinstrumente. Während die älteren Alternativen schon kräftig die Beine schwenken, versucht der Sänger die Kreuzberger Kids auf die Tanzfläche zu bewegen: »This Song goes to: an alle Opfer.«
doris akrap