Als Jugendlicher schrieb er ein Gedicht über die Heirat zweier Männer, als Erwachsener sagte er: »Ich bin sechs Fuß und vier Zoll groß, ohne meine hochhackigen Stiefel.« Jahrelang teilte er in New Salem sein Bett mit einem Mann, und wenn seine Frau abwesend war, soll er seinen Leibwächter in das Schlafzimmer im Weißen Haus eingeladen haben.
War der Republikaner Abraham Lincoln, einer der wenigen US-Präsidenten, dessen historische Leistungen fast unumstritten sind, homosexuell? C. A. Tripp hat in seinem Anfang des Jahres veröffentlichten Buch »The Intimate World of Abraham Lincoln« eine Reihe von Belegen für diese These zusammengetragen. Larry Kramer, der sich seit Jahrzehnten für die Rechte der Homsexuellen einsetzt, hofft nun auf einen Lerneffekt bei den Republikanern: »Vielleicht lassen sie uns jetzt in Ruhe, all diese Leute in der Partei, die er gründete.«
Die konservative Gegenoffensive ließ nicht lange auf sich warten. »Das Buch ist ein Witz und ein Betrug«, urteilt Philip Nobile im Weekly Standard. Doch auch die liberale New York Times findet Tripps Beweisführung nicht überzeugend und zweifelt, ob die sexuelle Orientierung Lincolns von Bedeutung sei. Auch manche Republikaner erklären die Debatte für überflüssig. »Ich bin ein afroamerikanischer, konservativer Schwuler, der die Absicht zurückweist, Lincoln in dieser Weise zu benutzen«, teilt Leonard Green der New York Post mit.
Sind die derzeit gebräuchlichen Begriffe überhaupt tauglich für die Beurteilung des Sexuallebens im 19. Jahrhundert? Die Bezeichnung »homosexuell« war damals unbekannt. Es gab in der so genannten Pionierzeit mehr Männer als Betten, und was geschah, wenn sich zwei Männer eines teilten, lässt sich nicht mehr feststellen. Man war damals »gewohnt an diese Art Freundschaft zwischen Männern«, erläuterte die Historikerin Jean H. Baker der New York Times. »Masturbation galt als gefährlicher.«
jörn schulz