26.01.2005

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Wir lieben es. Wir brauchen es. Sehr sogar. Dieses graziöse Wesen, das mit elegantem Schwung Opulenz und Zierlichkeit, Sanftheit und Härte in sich vereint. So unprätentiös es ist, wäre es ohne dieses Geschöpf kaum möglich, dass sich Wörter zu Gedanken verbinden. Doch sofern davon die Rede ist, dann nur gepaart mit den Wörtern »Regel« und »Fehler«. Worum es geht? Das Komma. Unser Komma.

Kein Satzzeichen, das interessanter, facettenreicher, klüger, rätselhafter und schöner wäre. Das Ausrufezeichen ein Claqueur, das Fragezeichen ein verlogenes Miststück oder ahnungsloses Etwas, lärmend der Doppelpunkt, ein Simulant der Gedankenstrich, schleimend der Punktpunktpunkt, lückenhaft das Leerzeichen, autoritär, zerhackend und gewöhnlich der Punkt. Hingegen ist das Komma, das die Dinge ordnet, Wesentliches von Nebensächlichem trennt, Zusammenhänge herstellt, Geschichten erzählt und Erkenntnis bringt. Als Produkt der Aufklärung beförderte es (im Bündnis mit dem Ausrufezeichen) die höfische Virgel unters Schafott. Dennoch bleibt es unbeherrschbar, nicht nur das pythagoräische Komma sträubt sich gegen eine absolute, totalitäre Harmonie.

Wussten Sie, dass für die Herstellung einer Ausgabe Ihrer Wochenzeitung durchschnittlich 2 410 Kommata benötig werden? Dass wir seit der ersten Nummer exakt mit 903 759 Kommata Pfade in den Dschungel schlugen? (An unsere Autorinnen und Autoren: Für das Millionste Komma gibt’s was für’s Koma.) Gewiss, in vereinzelten Fällen war das Komma nicht richtig platziert, ganz selten wurde eins vermisst. Dafür, dass solche Fälle Ausnahmen bleiben, bürgt unsere Abteilung comma control, die keineswegs nur sklavisch auf die Anwendung des Regelwerks achtet, sondern eine Art redaktionelles Gesamtkomma bildet.

Wie gesagt, wir lieben es. »Das Komma ist Kult«, sagen manche sogar. Wie schnell sich aber das Kultkomma zum Kommakult verselbständigen kann, zeigte sich letzte Woche, als wir in einem Verwaltungsschreiben ein Komma entdeckten, das sich seit Jahr und Tag an einer Stelle eingenistet hatte, wo seine erhabene Schönheit zu stinkender Fäulnis verwelkt war. Wir haben uns von ihm getrennt. Man muss auch mal einen Punkt machen können.