02.02.2005

Bimmelbammel

liebe ware

Produkte, die wir auch nach dem Kapitalismus nicht missen wollen. Fest gemauert in der Erden, steht die Form aus Lehm gebrannt, heute muss die Glocke werden, Deutschland einig Vaterland. Täteretäää: 2005 ist Schillerjahr! Die Glocke läutet: Deutschland erwache! Wenn irgendetwas Leitkultur ist, dann dieses schier endlose Geseiere Schillers. Mann, der konnte reimen. Die »Glocke« ist ein Stück deutscher Nationalidentität. Es war nicht alles schlecht in Germany: Einstein, Goethe, die Autobahnen und eben die Glocke. Allerdings verehrt der Deutsche das lange Gedicht und nicht den belangvolleren Gegenstand.

Früher rief man per Glockenschlag zum Gottesdienst. Doch auch heute wird noch zu mancher Konferenz mit einem Glöckchen geläutet. Selbst bei linken Wochenzeitungen, wie man hört. Und der Glocke steht gerade nach dem Kapitalismus eine große Zukunft bevor. Denn Glocken braucht, wer keine Uhr besitzt. Uhren und Wecker aber werden als fiese Handlanger der Lohnarbeit als erstes dran glauben müssen. Und dann brauchen wir irgendein Gebimmel, das uns daran erinnert, wann es Zeit ist, zum Subotnik anzutreten und wann im Ersten Harald Schmidt kommt. Wer keine Glocken hat, stellt sich Muezzine oder Hilfsmuezzine aufs Türmchen: entfremdete Arbeit, für die nach der Revolution kein Platz mehr sein wird. Glocken hingegen läuten automatisch heutzutage.

Die Glocke ist Antimoderne und Postmoderne zugleich. Sie steht für die Barbarei ebenso wie für das kommunistische Glücksversprechen. Glocken wird es immer geben.

ivo bozic