02.02.2005

Vor der Reise

Erinnerungen an den Schriftsteller Bernward Vesper. Von Henner Voss

Im Januar 1961 besuchten Bernward Vesper und ich die Buchhändlerschule in Rodenkirchen bei Köln und teilten, zusammen mit Ulf Miehe, der später Lyrik, zwei Romane und zahlreiche Drehbücher schrieb, und Albrecht Jahn, einem Buchhändler aus Unna, sechs Wochen lang dasselbe Zimmer.

Ulf Miehe und ich schlossen nach wenigen Tagen Freundschaft, und wir verbrachten die meiste freie Zeit in Rodenkirchen und Köln, wo wir an den Abenden mit Hajo Müller, dem Hörspielautor und Übersetzer, und Rolf Dieter Brinkmann zusammentrafen.

Miehe hatte Charme und eine mitnehmende narrative Begabung, die besonders Vesper vor dem Einschlafen so schrill wiehern ließ, dass wir uns wiederholt Tadel der Schulleitung einhandelten.

Bis auf sein schmeichelhaftes Gelächter hatte Vesper anfangs nicht viel zu bieten. Die Mehrzahl der Autoren, die Miehe und mich interessierten, war ihm fremd. Erst als er sich als Kenner der Kollaborateure (1) (außer Ezra Pound und Wyndham Lewis) outete, grübelten Miehe und ich: Vesper? Da gab’s doch einen Dichterfürsten, der Oden auf die Nazi-Größen zusammengestümpert hatte, die während des NS-Terrors in jeder Anthologie und jedem Lesebuch enthalten waren. Wie hieß der doch gleich? Wir konsultierten Lexika: Will Vesper. Lebte auf Gut Triangel bei Gifhorn. Sollte Bernward mit ihm verwandt sein?

War er. Bernward war Will Vespers Sohn, den sein Vater als Pfeil seines Bogens in die Bücherwelt entlassen hatte. Er hatte Bernward eine Enge verordnet, die Miehe und mich beklommen machte: Thomas Mann war Vaterlandsverräter, Kafka Jude, Freud gleichfalls, Brecht Kommunist, die US-Autoren kulturlos – verfemt in der Herrenhaus-Bibliothek des NS-Poeten.

Hemingway war der Ansicht, zu den Vorbedingungen, ein guter Autor zu werden, gehöre eine unglückliche Kindheit. Will Vesper, uneinsichtiger Nazi bis zu seinem Tod, richtete seinen Sohn zu seinem Double ab. Jedes Aufbegehren gegen die unbelehrbaren, bigotten Eltern, so erzählte Bernward mir später, sei mit Prügelstrafen und sozialer Ächtung unterdrückt worden. Die Abwesenheit einer protektiven Umgebung, Manipulation und Leistungsdruck – ein Ausgeliefertsein, das D. W. Winnicott als das wahre Selbst im Zustand der Nichtkommunikation beschrieb – betrogen ihn um seine Kindheit und vereitelten die Ausbildung von Autonomie und Individuation.

Als Bernward wenig später anfing, sich dem Clinch mit seinem Vater zu entwinden und erste eigenwillige Schreibversuche aus Tübingen mit nach Hause brachte, erging es ihm wie dem Hund von Coriolan, den man hielt, damit er bellte, und den man prügelte, als er damit begann.

*

Immerhin hatte Bernward, mit Ausnahme der russischsprachigen Autoren, die europäischen Klassiker intus. Doch wenn Miehe, der beleidigend belesen war, über Arno Schmidt sprach, wenn wir uns über die von Alfred Andersch herausgegebene Zeitschrift Texte und Zeichen austauschten, von Henry James, Hawthorne, Crane, Faulkner, Dos Passos, Fitzgerald, Virginia Woolf, Döblin, Karl Kraus oder Deschner schwärmten, der unserer Bewunderung und Verachtung mit seiner Streitschrift »Kitsch, Konvention und Kunst« eine Stimme gegeben hatte, starrte Vesper mit einem Glasauge durchs Schlüsselloch.

*

Mich hat das Scheitern in der Literatur immer stärker angezogen als das Glatte, das Unangreifbare. Mallarmé, Thomas Mann, Turgenjew erwärmten mein Herz nicht, dafür waren Melville, Cervantes, Kafka, Sterne, Dostojewskij zuständig. Vesper verzieh kein Scheitern. Ulf Miehe, Albrecht Jahn und ich teilten uns unsere kostbarsten Autorenentdeckungen mit; wir wurden nicht müde, über Lermontow, Flaubert, Joseph Conrad, Cummings, Apollinaire, Artaud, Valéry, Gertrude Stein, Broch, Musil, Proust zu sprechen, und Ulf las uns an einigen Abenden Verlaine und Rimbaud vor. Wenn Vesper sich einmischte, geschah das schroff, ohne Ergriffenheit und Achtung vor Integrität und Waghalsigkeit, vor Schönheit und Einfachheit. Meist abwertend. Nicht nachlässig belustigt, sondern intransigent, niedermachend, vernichtend. Sein ausschließliches Interesse an der Form fungierte – vor allem als er Majakowskij, Éluard, Aragon oder Sartre kennen lernte – als Desinteresse am Gesagten.

Seine Annäherungsbemühungen ließen Miehe und mich anfangs kalt. Da wir Einwände gegen Sippenhaft hatten, waren wir freundlich wie den anderen Kursanten gegenüber, mehr nicht. Er war nicht hip, nicht witzig und relaxed, nur anstrengend und lästig und usurpativ. Von Musik, die uns an die Kehlen fuhr, und Avantgardekino keinen Schimmer.

Er fand die Kneipen in Rodenkirchen, in denen wir abends rumhingen. Betrunkene sind meist bemüht, nüchtern zu erscheinen, doch es gibt auch Nüchterne, die sich verhalten, als seien sie abgefüllt bis an die Kiemen. Wir staunten über die geringen Mengen Alkohol, die Vespers Impulskontrolle exorzierten. Es war keine ansteckende Munterkeit, die seine Zurückhaltung verabschiedete, vielmehr ein – wie soll ich sagen? – jähes befremdendes Überschnappen, Ausrasten und Entgleisen, ein Verlust sämtlicher Sicherungen, der beunruhigend war, sodass Miehe, Jahn und ich uns ansahen: Was’n mit dem los? Ist das hier eine Freakshow?

Ich glaube, es war Leopardi, der bekannte: Ich bin gehemmt bei Frauen. Und resümierte: Folglich gibt es keinen Gott. Vesper war verlegen, befangen, verspannt, wenn Frauen mit am Tisch saßen. Er mied ihre Augen. Er wollte beeindrucken, wandte sich aber stets an Ulf, Albrecht und mich, wenn er sprach, und prüfte, wie Pferde das tun, aus schrägen Augen, ob das, was er für drollig oder geistreich hielt, bei den Frauen ankam.

*

Es muss nach etwas mehr als zwei Wochen gewesen sein, als sich unsere Haltung ihm gegenüber völlig änderte. Während einer Vorlesung über Sophokles ließ er einen Dozenten blass aussehen. Er unterbrach ihn. Er sagte nicht: »Ist es möglich, dass Sie sich irren?«, er sagte: »Was Sie da sagen, ist falsch!« und »Auch das ist unzutreffend«. Nicht triumphierend, sondern ruhig, kalt, dezidiert, kompetent, rücksichtslos. Vor fast siebzig Zuhörern. Ganz im Bewusstsein, mit der Klinge, die ihm in die Hand gefallen war, umgehen zu können.

Danach suspendierten Miehe, Jahn und ich unsere Geringschätzung, und Vesper, mit diesem Coup endlich in die Liga aufgestiegen, der er angehören wollte, wurde entkrampfter, nie lässig, aber zurechnungsfähig, auch nicht mehr so febril und besengt, wenn Alkohol im Spiel war.

Er kicherte vergnügt, wenn wir ihm, unterwegs in die Szenekneipen, die damals in Köln angesagt waren, sinnige Verhaltensweisen vorschrieben: »Hör gut zu, Bernward, wir möchten uns nicht wiederholen müssen: Trotz evidenter unausgeräumter Bedenken haben wir dir heute erlaubt, uns zu begleiten. Revivals musst du dir erst verdienen. Wir treffen gleich ein paar Leute. Du öffnest nur die Klappe, wenn du gefragt wirst, und beschränkst dich auf knappe, höfliche Antworten. Vor allem wird dein bescheuertes Lachen entbehrlich sein, das die Leute bange macht. Sobald du blau bist, schwirrst du umweglos zurück nach Rodenkirchen. Irgendwelche unbotmäßigen Widersprüche?«

»Au contraire«, sagte er bester Laune und boxte gegen unsere Oberarme.

Die Wochenenden verbrachte er auf dem Gut seiner Eltern. Dann fehlte er uns. Ulf und Albrecht kamen zwei-, dreimal mit zu meinen Eltern nach Remscheid, wo mein Vater unsere Deckel bezahlte.

*

Im Frühjahr ’61 ging Ulf als Lektor zu Sigbert Mohn nach Gütersloh, Albrecht Jahn verloren wir nach einer Weile aus den Augen, Bernward immatrikulierte sich in Tübingen (2), ich wurde Werbeassistent bei Luchterhand in Neuwied.

Miehe, Vesper und ich riefen uns an, wechselten Briefe, und Vesper kam einige Male nach Neuwied, um Franz Schonauer, damals Cheflektor bei Luchterhand, verschiedene Projekte vorzustellen. Aber Neuwied war wie die Kulisse des Cinéma Noir. Ich bewohnte möblierte Zimmer bei kleinlichen Vermietern, deshalb trafen wir meist in Remscheid zusammen; manchmal kam Ulf aus Gütersloh dazu.

*

Ich habe schon in »Mammut« (3) Vespers harmlosen Fauxpas bei seinem ersten Besuch in Remscheid erwähnt. Am Morgen nach unserer Ankunft bei meinen Eltern hatte er, noch im Bett, so ausdauernd geläutet, bis meine Mutter im Gästezimmer erschienen war. Vesper hatte sie für eine Hausangestellte gehalten und ihr kurz angebunden mitgeteilt, dass er ein Bad zu nehmen wünsche. Mehr belustigt als verärgert hatte mich meine Mutter im Nebenzimmer geweckt und von mir verlangt, mich um meinen sonderbaren Freund zu kümmern, den ich am späten Vorabend angeschleppt hatte.

Seither war mein Vater überzeugt, der gute Bernward habe eine Meise, doch meine Mutter mochte ihn mit jedem Besuch mehr. Vesper bot dann das volle Programm seiner konservativen Erziehung: Blumen für meine Mutter, erlesene Höflichkeit, heitere Konversation. Kindheitspraxis: Die saubere Hand wurde zum Gruß gereicht, die befleckte Flosse hinter dem Rücken verborgen.

Ich weiß noch, dass ich einmal eine Verabredung mit ihm an einem Freitagabend vergessen und an einer Geburtstagsfete teilgenommen hatte, bevor ich nach Remscheid kam. Vesper hatte mit meiner Mutter zusammen gesessen und meinen Wagen gehört. Er kam mir mit einer Freude entgegen, die seine Gefühlsarmut dementierte. Er half mir mit meinem Gepäck, und als meine Mutter erschien, befürchtete er offenbar, sie könne an einer Sehschwäche leiden, denn er versicherte ihr: »Er ist endlich gekommen.« Und noch während ich meine Mutter umarmte, mit seiner vibrierenden Wachheit: »Wie geht’s denn, geht’s dir gut, sag? Was läuft bei Lachterhund?«

Er lachte meckernd. »Und Schonauer und Borchers? Bist du müde? Bierchen gefällig? Haben wir gleich.«

Er trabte in die Küche, und meine Mutter lächelte nachsichtig, als ich sie mit milder Verzweiflung ansah. Solange keine fatalen Einflüsse erkennbar sind, haben es Eltern gern, wenn ihr Nachwuchs von Freunden umworben wird. Dass dieser Freund mit seiner verbalen Inkontinenz leicht abgedreht war, schien ihr nichts auszumachen.

Vesper kam zurückgehechelt: »Ich durfte doch an Ihren Kühlschrank? Ist ja nicht für mich, ich wollte Ihnen nur die Mühe ersparen. Fehlen nur noch Öffner und Gläser, und wir können zum gemütlichen Teil übergehen.«

*

An einem Wochenende machte ich Miehe in Wuppertal mit Gertrud Höhler bekannt, die Germanistik studierte, Gedichte schrieb, attraktiv war und noch nicht so trostlos verblödet und reaktionär. Heute kaum glaubhaft, wenn sie mit alienlike entblößtem Gebiss auf dem Bildschirm erscheint – ein Anblick, der für jede verpasste Daumier-Ausstellung entschädigt – und Leckerbissen aus ihrem unerschöpflichen Proviant an Trivialitäten serviert.

Miehe verliebte sich in sie, und 1962 veröffentlichte das Dichterpaar im Selbstverlag ein achtzehnseitiges Bändchen mit Gedichten, eine Hälfte Höhler, andere Hälfte Miehe. Mit ihren sechs Scherflein bereicherte Höhler die abendländische Lyrik um einige dreiste Plagiate, und auch Ulfs Beiträge waren keine Wolkenrisse.

Ich könnte mich heute noch mühelos übergeben, wenn ich mich Vespers und meiner Aufgeblasenheit entsinne.

Vesper: »Wie konntest du dich zu einer so kompromittierenden Dummheit hinreißen lassen?«

Ulf war ein guter Typ, der mit unserem verdruckst-angeberischen Getue nichts am Hut hatte. Er sagte: »Jetzt mach aber mal halblang, bei der winzigen Auflage spielt das doch überhaupt keine Geige. Meinst du, ich verschwende einen Gedanken daran, wer sie abgreift?«

Und ich: »Cummings stellte seinen Gedichten die Zeile ›Diese Gedichte sind für dich und für mich und nicht für die Meisteleute‹ voran.«

Darauf Vesper: »Sollten wir denn nicht immer versuchen, das Beste aus uns rauszuholen? Das hast du doch wohl kaum. Und wenn du ein Faible für diese Hohler hast, kann das doch nicht heißen, der Peinlichkeit einer Veröffentlichung ihrer epigonalen Schnörkel zuzustimmen, die auch deinen Namen trägt. Du hättest vorher mit uns sprechen sollen.«

Wir waren bedrückt, und es wurde ein verkorkstes Wochenende. Für Vesper war Miehe als Autor gestorben, so rasch ging das bei ihm, und er wäre überrascht gewesen, als 1975 Miehes gekonnter erster Roman bei Piper erschien.

*

Im Sommer 1962, Vesper war schon mit Gudrun Ensslin zusammen, war eine Freundin in Tübingen von ihm schwanger. Er bat mich in einem Brief, mit ihm einen Arzt für die Abtreibung zu suchen.

Zwei Tage irrten wir durch Remscheid, Wuppertal und Köln und zogen nur Nieten. Nach jedem vergeblichen Anlauf steigerte sich Bernwards Larmoyanz: »Meine Divination sagt mir, das läuft so nicht.«

Am zweiten Tag stieg er gar nicht mehr aus dem Wagen. »Ich hab es nie erwähnt, ich hab’s am Herzen.«

Als ich eine Woche später eine Adresse hatte, war er genesen und teilte mir mit: »Es ist das einzig Mögliche, entweder am 21. oder 28. (Sonnabende!) nach Köln zu kommen. Diese Termine sind gänzlich ohne Aufsehen einzuhalten. Würdest du das, bitte, weiterleiten und festmachen?«

Dann am 17. Juli ein nicht minder knappes Telegramm: »Bitte mich anzurufen. Köln unbedingt Sonntag/Montag festmachen.«

Am 26. Juli klinkte sich Gudrun mit einem Telegramm aus Stuttgart ein: »X’ Ankunft 10.08 Uhr. Bernwards frühestens gegen 11 möglich. X abholen bitte.«

Beide schienen zu wissen, dass mir präzise Anweisungen, möglichst in schlichtem Babytalk, die mir eigene Denkanfälle ersparen, immer willkommen sind.

Am 2. August hatte Vesper in Triangel zu alter Gutsherren-Attitüde zurückgefunden: »Nach zwei Tagen war’s vorbei; gänzlich unbemerkt; weder mein noch Dein, noch irgendein Name ist hinterlassen worden oder genannt. Dir vor allem in der Sache Dank.«

*

In Remscheid zeigte mir Bernward zum ersten Mal Prosatexte von sich. Alles keine Herzschrittmacher. Als ich zu Ende gelesen hatte, blätterte ich verlegen in den Seiten.

»Und?« fragte er.

Ich riet ihm, falls er noch mehr davon habe, einen Ordner mit der Beschriftung Pueriler Waldfrevel anzulegen. Als ich aufsah und begriff, was ich angerichtet hatte, wünschte ich mir, ihn belogen zu haben.

*

Ende ’63 ging ich für ein Jahr nach Griechenland, und als ich im Herbst ’64 zurückkam, hatte Vesper mit Gudrun Ensslin den Verlag studio neue literatur in Berlin gegründet und mich in einem Werbemittel als Lektor ausgewiesen. Ich sollte ein Stipendium in Berlin bekommen, nachdem mir colloquium und Rias einen Erzählerpreis zuerkannt hatten. Das Vorstellungsgespräch endete in einem wüsten Streit zwischen einem volltrunkenen Assistenten Walter Höllerers und mir, und ich heuerte als Einmann-Besatzung bei der Voltaire-Verlagsauslieferung an, die Boye Kuhlmann eröffnet hatte, der später den legendären ersten Raubdruck von »Zettels Traum« lancierte.

Im studio neue literatur war bei meiner Ankunft in Berlin ein Titel erschienen: die Anthologie »Gegen den Tod – Stimmen deutscher Schriftsteller gegen die Atombombe«. In Vorbereitung war ein bibliophil gestalteter Band Gedichte von Gerardo Diego, übersetzt von Bernward Vesper-Triangel.

Mir schwebte eine Reihe im Format und Umfang der Diego-Edition (4) vor. Mit Gedichten von Alkaios, Cummings, Jessénin, Hikmet, Jiménez, Seferis, Ritsos, Melville, Alberti, Machado, Valle-Inclán, César Vallejo, Michaux und vor allem von Miguel Hernández, der 1942 an den Folgen der Folter in einem spanischen Gefängnis gestorben ist. Für die zahlreichen spanischsprachigen Texte würden wir die Übersetzungshonorare einsparen, wenn Vesper das machte.

Ich wohnte zunächst bei Boye Kuhlmann, dann – das war der absolute Tiefpunkt – bei einem früheren Fremdenlegionär in der Pohlstraße, dann bei Vesper in der Cuvrystraße. Thomas Mann schrieb davon, sich daran zu gewöhnen, dass man sich an etwas nicht gewöhnt. Als ich bei Bernward eincheckte, dämmerte mir, dass die strangulierende Enge der Wohnung, das Sperrmüllinterieur, der Heizölgeruch, die Ausgestorbenheit so dicht an der Mauer, dass diese ganze Tristesse dauerhaft unannehmbar für mich sein würde.

*

Nach meiner Ankunft in Berlin hatte Vesper ausgeglichen gewirkt. Die Verhandlungen mit Boye Kuhlmann wegen der Auslieferung seines Verlagsprogramms hatte er ruhig und elastisch geführt. Heute kann ich sagen, dass ich nie jemandem begegnet bin, der so viele troubles in so schneller Serie verursacht hat wie Vesper und sich so ignorant der Tatsache gegenüber verhielt, Urheber dieser troubles zu sein.

Schon am ersten Abend warf er sich seinen zerschlissenen Wintermantel um – den, den ich später den Hyde-Mantel nannte –, wir enterten seinen VW, und es ging, wie schon an so vielen Abenden, bevor ich sein Untermieter wurde, ab im Takt des Bikersongs »Je schneller wir fahren, desto schneller kommen wir nirgendwohin«. Immer auf der Suche nach literarischer Prominenz, nach Roehler, Elsner, Johnson, Bachmann, Gombrovicz, immer auf der Jagd nach einem Thrill. Vesper anomisch wie in seinen schlimmsten Zeiten, fuchtelnd, pausenlos redend, lallend und Rempeleien – »Pull over your Pullover« – in Richtung Frauen auf Bürgersteigen und Zebrastreifen johlend.

Vesper hatte kein Herzensgedächtnis, wie Puschkin die Fähigkeit zu Dankbarkeit, Treue, Loyalität, Empathie nannte; er hatte ein instrumentelles Verhältnis zu Bekannten: Beschleunigen sie meinen Spurt in Richtung Geltung, Einfluss und Ruhm?

In »The Book of Evidence« lässt John Banville seinen Ich-Erzähler grübeln: Ich habe mich niemals wirklich daran gewöhnt, auf dieser Erde zu sein. Das schien auch auf Vesper mit seiner sozialen Deprivation, seinem Herostratismus, seiner Versagensfurcht und der idée fixe von einem frühen Suizid zuzutreffen. Selbsttötung als Schlupfwinkel folgenloser Anstrengung.

*

In der Gnosis gibt es eine asketische und eine orgiastische Ecke: Menschen, die sich selbst kastriert, und andere, die öffentlich kopuliert haben. Vesper wieselte zwischen diesen beiden Nischen beständig hin und her.

*

Wie schon in Rodenkirchen diente ihm Alkohol als Schluckimpfung gegen seine Schüchternheit, Selbstzweifel und Dysthymie. Fünf, sechs Gläser räumten seine sämtlichen Hemmschwellen ab. Seifige Eröffnungen, wenn er sich Kneipenwirten zuwandte: »Superbes Bier, das Sie da zapfen.«

»Was soll damit sein?«

»Könnte ich mich dran gewöhnen.«

»Dann tun Sie sich keinen Zwang an, Chef.«

Und Vesper schleimend, wobei seine outrierte Sprache nie für gute vibrations sorgte: »Sie sehen aus, als hätten Sie früher nichts anbrennen lassen.«

»Das kannst du aber laut sagen.«

Und dann – beim ersten Mal traute ich meinen Ohren nicht – der gewisperte acte gratuit: »Dann haben Sie doch sicherlich ein paar Serviererinnen mit massig Holz vor der Hütte, die mein Freund und ich flachlegen können. Wir garantieren elitäre Gene und verschwenderische Alimentierung bei potenziellem Nachwuchs.«

Mit witzig, fand ich, hatte das so wenig zu tun wie Baudelaire mit einem Adventskalender, und es machte so müde, unentwegt beschwichtigen, ausgleichen und versöhnen zu müssen, damit er nicht abgemurkst wurde.

*

Ich weiß nicht, warum wir ständig in so lausigen Schuppen mit lauter schrägen Vögeln rumhingen. Als wir Zeugen einer blutigen Schlägerei mit fliegenden Gläsern und Flaschen wurden, hatte sich Vesper, physisch unheilbar feige, hinter einem entlegenen Tisch verschanzt, Arme um den Unterleib geschlungen, als hätte er sich einen Bauchschuss eingefangen, gebannt, devital.

Ich ging in die Hocke. »Los, komm«, fuhr ich ihn an, »wir müssen schnellstens raus hier. Mach schon!«

»Lass mich«, murmelte er und spähte an meiner Schulter vorbei in Richtung action. »Lass mich, das ist Gorkijs Nachtasyl live.«

*

Einmal zögerte er vor einer Kneipe in Kreuzberg, die wir angesteuert hatten: »Erinnerst du dich, dass wir vor einiger Zeit über Demosthenes, Apuleius, Eugene Aram und die Kleist’sche Methode der allmählichen Verfertigung der Gedanken beim Reden sprachen? Komm, ich liefere dir eine kleine Lektion in Sachen Logos, die dich anturnen wird. Paar Wochen her, da hatte ich mit dem Wirt hier ein ochsiges Rencontre. Bleib ganz ruhig, was auch passiert. Komm jetzt!«

Als wir eintraten, kam der Wirt auf uns zugeschossen, wies auf Vesper und röhrte: »Du hast hier Lokalverbot.«

Bernward mit der Dröhnung im Bauch, die ihn angstfrei machte: »Ich? Wieso? Das ist eine Verwechslung, ich habe Ihr Lokal noch nie betreten.«

»Red keinen Scheiß, ich kenn dich.«

»Was werfen Sie mir vor?«

»Du hast mich« – er senkte die Stimme, um die anderen Gäste nicht mithören zu lassen – »selten dummes Arschgesicht genannt, noch gar nicht lange her.«

In das Lächeln, das ich aufrechtzuerhalten suchte, schlich sich labiale Verkrampfung ein.

Ich fand den Laden immer scheißer und sagte: »Komm, Bernward, wir zischen ab, ich hab Durst.«

»Sie können bestellen«, bot der Wirt mir mürrisch an.

»Ich trinke nur im Kollektiv mit meinem Freund.«

»Wir sind Dioskuren und trinken immer simultan«, erläuterte Vesper.

Und zu mir: »Ich will das hier aufklären, versteh das, bitte. Ich werde einer Flegelei bezichtigt, an der ich nicht beteiligt war. Ich kann nicht billigen, dass meine Reputation ins Zwielicht gerät. Es handelt sich hier unstreitig um ein flagrantes, für beide Seiten schmerzliches Missverständnis.«

Er verharrte statuarisch. Dann hieb er eine Handfläche gegen seine Stirn. »Ich weiß jetzt. Natürlich. Warum ich nicht gleich darauf gekommen bin: Das muss mein Bruder gewesen sein. Das ist die einzig mögliche Erklärung. Wir sind zwar keine Zwillinge«, verklickerte er dem Wirt, »er ist ein knappes Jahr jünger als ich, doch wir ähneln uns verblüffend. Das war mein Bruder, der Ihnen diese Kränkung zugefügt hat.«

»Hör auf, mich besoffen zu quatschen«, sagte der Wirt. »Verzieh dich.«

»Hören Sie«, sagte Vesper appellativ, »opfern Sie mir nur noch zwei Minuten Ihrer fraglos kostbaren Zeit. Dies ist«, stellte er mich vor, »Dr. Dante Alighieri, sein Name wird Ihnen aus Funk und Fernsehen geläufig sein. Sie werden seine Lauterkeit nicht anzweifeln. Er kann bestätigen, dass zutreffend ist, was ich sage: Ich habe Ihr Lokal bis heute nie betreten.«

Der Wirt sah mich an, und ich senkte blasiert die Augenlider.

»Herr Dr. Dante Alighieri ist Kynologe mit einem Lehrauftrag an der Bundeswehrhochschule in Koblenz«, delirierte Vesper. »Wir verdanken ihm das Wissen, welcher Rasse Hekate angehörte, wenn sie in Gestalt eines Hundes auftrat.«

Und an mich gewandt: »Welche Rasse war’s doch gleich?«

»Dobermann, unkupiert.«

»Genau.« Er musste lachen und um das zu rechtfertigen, wieder an den Wirt gewandt: »Die physiognomische Ähnlichkeit meines Freundes mit seinem Forschungsobjekt wird Ihnen bei näherer Betrachtung nicht entgehen, Signum der Hingabe und Akribie, mit denen er sich seiner wissenschaftlichen Arbeit widmet.«

Einige Schritte von uns entfernt ließen sich Gäste vernehmen, die einen reichlich beschickerten Eindruck machten: »Nun gib den Jungs doch endlich ihr Bier, die sind doch nicht uneben.«

»Bier?« fragte der Wirt.

Wir bejahten. Er füllte zwei Gläser, parkte sie vor uns und sagte: »Jedes Getränk wird sofort gelöhnt, damit es gar kein Vertun gibt.«

Wir kamen mit den anderen Gästen ins Gespräch und revanchierten uns mit einer Runde für ihre Intervention. Einer war Vater geworden und feierte das mit seinen Freunden. Er habe bereits vier oder fünf Kinder, rühmte er seine Virilität.

Ich nuschelte etwas in der Art, dass Kinderreichtum meist auf dem Unvermögen fuße, intellektuell anspruchsvoll konversieren zu können, und Vesper schüttete sich aus vor Lachen. Er kriegte sich gar nicht mehr ein. Die Co-Säufer neben uns wollten die Ursache seiner Heiterkeit wissen.

»Ein Witz«, japste Vesper, »mein Freund hat einen klasse Witz auf Lager.«

»Erzähl doch mal, damit wir mitlachen können.«

Ich wiegelte ab: So gut sei er gar nicht, doch es gab kein Entkommen, und so gab ich den einzigen Witz zum besten, den ich behalten kann: »Ein Schulkind beginnt einen Satz: ›Ich ist …‹ Darauf der Lehrer: ›Das heißt: Ich bin.‹ Das Kind unbeirrt: ›Ich ist …‹ Der Lehrer prononciert: ›Das heißt: Ich bin.‹ Und das Kind schließlich resignierend: ›Ich bin ein persönliches Fürwort.‹«

Vesper starrte mich einen Moment entgeistert an, um dann erneut loszuprusten. Unsere neuen Freunde verzogen keine Miene, auch der Wirt nicht, und Vesper versuchte, ihnen auf die Sprünge zu helfen, aber sie lächelten nur matt, ohne dass ihr Verständnisvolumen aufgehellt worden wäre.

Dann raunte Vesper: »Trink aus und mach dich auf einen hastigen Abgang mit anschließender Jogging-Einheit gefasst.« Und an den Wirt adressiert, als er seinen Mantel angezogen hatte: »War ein netter Abend bei Ihnen.«

Wir gingen zur Tür, und er antizipierte die Columbo-Macke, indem er nochmals zurückkehrte, sich mit einer Hand über die Stirn fuhr, forciert lächelte und meinte: »Was ich noch sagen wollte: Vaya con Dios, du Arschgesicht.«

Wir kollidierten an der Tür, was uns Zeit kostete, die wir nicht hatten, denn der Wirt musste mit der Promptheit eines Kniesehnenreflexes geschaltet haben. Vielleicht hatte er auf eine Abschiedsrüpelei gewartet und schon länger in den Startblöcken gehockt.

Wir hatten vielleicht zwanzig Meter Vorsprung. Vesper eierte schwerfällig neben mir her. Flöten gegangene Pöbellaune, als er keuchte: »Das ist ein Faschist, der will uns abkehlen.«

»Nicht uns – dich!«, berichtigte ich.

Der Typ kam näher, es hatte keinen Sinn. Vielleicht ist Hass ein wirksamerer Katalysator als Angst.

»Lauf weiter«, sagte ich und blieb stehen.

Obwohl es die Tabakkonzerne Mitte der Sechziger noch verschwiegen, schadete auch damals schon Rauchen der Gesundheit. Mit schwerer Atmung, aber sonderbar friedlich sagte der Wirt: »Scheiß Nikotin, ich hätte auch nicht mehr lange gekonnt.«

Er hielt einen Knüppel mit was dran in der Hand, sah aus wie ein prall gefüllter Klingelbeutel mit verstümmeltem Stiel.

»Was haben Sie denn da an das Ende des Stiels gebunden?«, wollte ich wissen.

»Sand«, erklärte er mir. »Ist ein Lederbeutel mit Sand. Bricht jedem Orang-Utan sämtliche Rippen.«

Offenbar einer jener durchblickenden Berliner, die, wie ihr Innensenator – Ihr Hummer, Herr Lummer –, wenige Jahre später Guerilla mit Gorilla verwechselten.

»Ingeniös«, sagte ich so ruhig, wie mir das nach dieser Belehrung möglich war, »aber würde es Ihnen furchtbar viel ausmachen, damit nicht vor meiner Nase rumzufuchteln?«

Er ließ sein Gerät sinken und sagte: »Gegen Sie habe ich nichts.«

Vesper hielt sich in sicherer Entfernung und maulte: »Was redest du da mit dem eierlosen Sack?«

»Was ist mit dem?« erkundigte sich der Wirt. »Hat der alle paar Wochen Freigang? Warum geben Sie sich mit so was ab? Der ist doch zu blöd zum Milchholen.«

»Tourette-Syndrom«, erklärte ich. »Sie kennen sicherlich Menschen, die kleine Ticks haben, Zuckungen, sich sonderbar verrenken. Mein Freund dort zuckt gewissermaßen verbal, er äußert zwanghaft Beleidigungen, eine lockere Schraube im Kopf, unter der er leidet.«

»Lockere Schraube?« fragte er. »Nicht gequirlte Scheiße? Sie sollten ihn schleunigst aus dem Verkehr ziehen, sonst übernimmt das ein anderer Zeuge seines Leidens.«

So viel Schlagfertigkeit hatte ich ihm nicht zugetraut. Ich sagte eindringlich: »Mein Freund ist Sohn einer hochgestellten Persönlichkeit. Sein Vater war Minister.«

»Was für ’n Minister?«

Es sollte nicht witzig sein, es war ein Blackout, der mich behaupten ließ: »Brentano, ehemaliger Außenminister, erst kürzlich verstorben.«

»Brentano?« fragte er. »Wollen Sie mich verarschen? Der war doch schwul wie Winnetou.«

»Hatte aber zwei Söhne«, beharrte ich. »Um zu vermeiden, dass Vorkommnisse wie heute in Ihrer Gaststätte – ich gestehe freimütig, dass das heute abend kein singulärer Ausrutscher war – in den Medien Erwähnung finden, bin ich streng genommen nicht befugt, Sie davon in Kenntnis zu setzen. Da Sie aber ein rechtschaffener Mann zu sein scheinen, möchte ich vermeiden, dass Sie Ihre Konzession gefährden, indem Sie sich an ihm vergreifen.«

Er sah unschlüssig rüber zu Bernward, der fröstelnd von einem Fuß auf den anderen trat, und rief: »Ich mach mich nur warm, gleich nehme ich eine retrograde Geburtenkontrolle an dir vor.«

»Der ist doch eindeutig behämmert«, sagte der Wirt. Dann sah er mich an. Lange. Und fragte: »Kann man denn heute keinem mehr trauen?«

»Das ist eine Frage«, pflichtete ich ihm bei, »die mich gleichfalls unablässig beschäftigt.«

Er tat mir leid, als er mit gesenktem Kopf und Knüppel müde davonschlich, bestimmt überzeugt, gelinkt worden zu sein. Das macht böse.

»Was hast du ihm untergejubelt?« wollte Bernward wissen.

»Hab dich psychiatrisiert, was sonst? Hab ihm gesagt, du seist gaga, plemplem, deviant. Kleine Revanche für den Kynologen und die Bundeswehrhochschule.«

Wir gingen eine Weile. Beruhigter Puls. Vesper mit gesenktem Kopf und großen Schritten eine Armlänge voraus. Wie ein Landvermesser. Schultergelenke bis dicht unter die Ohren verrenkt. Arme verschränkt und an die Brust gepresst, als trüge er eine Zwangsjacke. Sporadisch aufflackerndes Kichern, für das er keine Erklärung lieferte.

»Hör zu, Bernward«, sagte ich, »deine Mätzchen werden langsam reichlich happig.«

»Das war eine Retorsion«, grummelte er, »das ist ein ganz übler Kunde, ich sag’s dir, hat sich vor Wochen schwer mausig gemacht. Nemo me impune lacessit.«

Anmerkungen

(1) Vesper konnte sie im Schlaf herbeten, die meisten hatte er gelesen: Ernst Jünger, Gottfried Benn, Knut Hamsun, Pierre Drieu la Rochelle, Céline (kannte er damals nur vom Hörensagen), Gerd Gaiser, Ina Seidel, Agnes Miegel, Hans Grimm, Werner Beumelburg, Hans Baumann, Gerhard Schumann, Arnolt Bronnen, Hanns Johst usw.

(2) Michael Kapellen: Bernward Vesper in Tübingen. Spuren-Heft, Marbach, 2004; Michael Kapellen: Doppel-Leben. Bernward Vesper und Gudrun Ensslin. Die Tübinger Jahre. Klöpfer & Meyer, Tübingen, 2005.

(3) Mammut. März Texte 1 & 2. 1969–1984. Eine Anthologie. Herausgegeben von Jörg Schröder. März Verlag, 1984.

(4) Mir gefielen Zweisprachigkeit, Format, Volumen und Typographie der Gedichte von Diego. Ich warb um Vespers Zustimmung für eine Lyrik-Reihe, die in gleicher Ausstattung erscheinen sollte. Ich wollte mit Vorzugsausgaben in kleinen nummerierten Auflagen, denen signierte Originalgraphiken, Gouachen oder Zeichnungen junger Künstler beigelegt werden sollten, die Kosten für die Normalausgaben finanzieren. Keine umwerfend neue Idee, aber Mitte der Sechziger lagen auch Kleinverlage mit bibliophilen Produktionen gut im Rennen.

Gekürzter Nachdruck mit freundlicher Genehmigung des Verlags aus: Henner Voss: Vor der Reise. Erinnerungen an Bernward Vesper. Edition Nautilus, Hamburg 2005. 80 S., 14 Euro.