09.03.2005

Die Wanne ist toll

liebe ware

Produkte, die wir auch nach dem Kapitalismus nicht missen wollen. Das Beste an einem Mercedes ist die serienmäßig eingebaute Vorfahrt, die andere Verkehrsteilnehmer, aus Angst vor erhöhten Versicherungsbeiträgen, stets Platz machen lässt. Das gilt um so mehr, wenn die Karosse aussieht, als sei sie in einen Steinhagel geraten. Wie beim Kastenwagen Daimler Benz 508 D, dem für die Zweitverwertung interessanten, grün-weißen und blau leuchtenden Schrecken der Straßen Berlins. Aus ihm kann urplötzlich eine Gruppe bewaffneter Schergen herausstürmen, um der herrschenden Ordnung wieder Geltung zu verschaffen, weswegen die Bevölkerung mitunter ihre den Insassen geltende Abneigung durch Pflastersteinwürfe auf das Fahrzeug zum Ausdruck bringt und damit bewusst die Einsatzdauer des Kultgegenstands verkürzt.

Denn zahllos und oft berichtet sind die Vorzüge und die gemeinsamen Erlebnisse mit der Wanne. In Ferienlagern beispielsweise sollen 50 Kinder gleichzeitig vom Stadtbummel zum Zeltplatz gebracht worden sein. Wagenbürger erzählen von unzerbrechlichen Schiebefenstern aus thermoisolierender Plaste und vom großartigen, den Einbau von Einrichtungsgegenständen geradezu einfordernden Laderaum – er hat auf unzähligen Festivals Schutz vor Regen, Sonne, Wind und indiskreten Blicken geboten. Der satte Sound und die Abwärme des innen liegenden Motors der Wanne machen Radio und Heizung unnötig, und das für über 500 000 Kilometer mit Biodiesel-Frittenduft, legal geöffneter Fahrerschiebetür und der die Schönheit der Landschaft würdigenden Höchstgeschwindigkeit von 80 Stundenkilometern.

Nun aber ist Eile geboten. Zurzeit sind die letzten zu haben.

karsten wagner