09.03.2005

Sophies Schwestern

in die presse

Aus der Geschichte lernen, lautet das oberste Lernziel der Deutschen. In ihrer jüngsten Ausgabe nimmt sich die Frauenzeitschrift Emma des Themas an und stellt prominenten jungen Frauen aus Deutschland die Frage: »Wofür würde Sophie Scholl heute kämpfen?«

Die Schauspielerin Sibel Kekilli verirrt sich zunächst in Zahlenspielen: »Auch heute gibt es Sophie Scholls, wenn auch weniger.« Eins minus wie viel macht was? Egal, Hauptsache die historische Transferleistung stimmt. Schließlich könnte auch eine halbe oder geviertelte Sophie »für den Tierschutz, den Naturschutz, die Menschen- und Frauenrechte« eintreten.

Dann aber hurtig mit Minh-Khai Phan-Thi weiter zur nächsten Kundgebung. Sophie Scholl würde nach Ansicht der ehemaligen Viva-Moderatorin und Schauspielerin heute »Demos organisieren, wenn die chinesische Regierung oder George W. Bush auf Deutschlandbesuch wäre«. Und wenn die Fantasie schon durch die Weltgeschichte springt, könnte sich Sophie doch auch »gegen die weltweite Globalisierung engagieren«.

Fehlt da nicht ein Krisengebiet? Die Schriftstellerin Julia Franck weiß zu helfen: »Wenn sich Sophie Scholl heute nicht für andere in unserem Land zu Tode verfolgte Menschen einsetzen würde, führe sie nach Israel und würde sich dafür engagieren, dass auch diese Mauer fällt.« Schwing die Abrissbirne, Sophie!

Keine Atempause, das Böse schläft nicht. In dieser Welt voller Umwelt-, Globalisierungs- und Mauer-Nazis müssen noch viele Flugblätter geschrieben und verteilt werden.

Da es dich, Sophie, aber nicht mehr oder Frau Kekilli zufolge irgendwie nur noch weniger gibt, bleibt entschlossenes Handeln wohl deinen heutigen Schwestern überlassen. Sollte jemand in nächster Zeit ein Häufchen Frauen sehen, das laichbereiten Kröten über eine viel befahrene Straße hilft, dann sind unter Umständen die Antifaschistinnen der Emma am Werk, um Sophie Scholls politisches Erbe zu bewahren.

markus ströhlein