Avanti, Vaterland!

Nach dem Tod des Geheimdienstagenten Calipari im Irak herrscht in Italien ein nationalistisches Klima, das Linke und Rechte gegen die »amerikanische Arroganz« eint. von federica matteoni

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Ungewöhnlich am Fall Sgrena ist nur, dass sich Amerika dafür entschuldigt hat«, schrieb Richard Neville in der vergangenen Woche in einem Artikel auf der Website counterpunch.org. Der italienische Geheimdienstagent Nicola Calipari, der am 4. März von US-amerikanischen Soldaten erschossen wurde, ist nicht der Erste, der wegen Fehlern der an Checkpoints eingesetzten Soldaten im Irak sterben musste. Er wird auch nicht der letzte sein. Wenn die Toten an den Checkpoints anonyme Zivilisten sind, ist das jedoch selten eine Nachricht wert.

Es ist aber etwas anderes, wenn das Opfer leitender Geheimdienstagent eines alliierten Staats ist, der gerade eine Mission erfolgreich beenden wollte. Tatsächlich beendet wurde lediglich Caliparis Leben, »ein äußerst bedauerlicher Vorfall«, wie US-Präsident George W. Bush es formulierte. Die Affäre um Calipari drohte in der vergangenen Woche zu einer italienisch-amerikanischen Krise zu eskalieren. Der Erschossene war immerhin Agent Nummer Eins der Auslandsoperationen des Militärgeheimdienstes Sismi im Irak und in der Hierarchie des Sismi die Nummer zwei. Die öffentliche Meinung und die Politik in Italien erwarten von den USA daher mehr als Beileidsbekundungen.

Die aus ihrer Geiselhaft befreite Journalistin Giuliana Sgrega korrigierte inzwischen ihre Darstellung der Ereignisse am Abend ihrer Freilassung. In einem Interview stellte sie klar, sie habe nie gesagt, dass die Amerikaner sie töten wollten, sondern dass das Geschehen »die Dynamik eines Hinterhalts hatte«. Sie überlebte ihre Entführung und ihre Freilassung. Calipari wurde hingegen in einem mit der Trikolore umhüllten Sarg nach Hause gebracht, und erneut hatte Italien einen Nationalhelden. Er wurde zur Projektionsfläche eines in der Linken wie der Rechten neu erwachten, gegen die »amerikanische Arroganz« gerichteten Nationalstolzes. Die Medien beschrieben den Agenten abwechselnd mit religiöser Rhetorik und nationalem Impetus: Er habe »sein Leben geopfert, um ein anderes Leben zu retten« oder sei »ein treuer Staatsdiener« gewesen, der »im Dienst für seine Heimat gestorben ist«, heißt es über alle politischen Fronten hinweg. Und wirklich tat er auf dem Weg zum Flughafen lediglich seinen Job. Er hatte großes Pech dabei, denn einer der Schüsse, die auf den Wagen abgegeben wurden, traf ihn am Kopf.

»Calipari hat uns das Vaterland zurückgegeben«, fasst Gianni Letta, der für die Geheimdienste zuständige Staatssekretär, die derzeit in Italien herrschende nationalistische Hysterie in klare Worte: Wer zu »uns« gehört, war am Tag vor dem Staatsbegräbnis am »Altar des Vaterlands« in Rom zu beobachten, wo Calipari die letzte Ehre erwiesen wurde. Seite an Seite ließen sich dort nicht nur Politiker aller Couleur weinend sehen, sondern auch linke Journalisten, Friedensbewegte und die von allen Medien mit Rührung erwähnten »cittadini comuni«, die einfachen Bürger, die bei diesen Gelegenheiten immer in Massen herbeiströmen.

Selbstverständlich ist die Redaktion der Tageszeitung il manifesto Calipari besonders dankbar. Daher ist es kaum verwunderlich, dass dort von dem Agenten als »Freund« und »einem von uns« die Rede ist. Im von Emotionen bestimmten Italien wird auch die politische Analyse sehr schnell von Gefühlsduselei bestimmt. So kommt es, dass Leute wie der Neokommunist Fausto Bertinotti ihren Erzfeind, den Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi, »einen guten Politiker« nennen, nur weil dieser nach dem Vorfall sofort vom Botschafter der USA eine Erklärung forderte.

Die italienische Linke koppelt derzeit ihre Kritik am Verhältnis von Italien und Amerika und an dem Verhalten der alliierten Truppen im Irak mit einem von ihr selbst heraufbeschworenen Nationalstolz. Bertinotti ging in einer Fernsehsendung so weit, von der Regierung einen »patriotischen Ruck« einzufordern.