Das Dritte Lager und die Nazis

Die FPÖ gründete sich aus dem Verband der Unabhängigen, einem Sammelbecken alter Nazis. von thomas schmidinger, wien

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Wo so vieler gedacht wird, da will Andreas Khol, der österreichische Nationalratspräsident, auch die Verdienste des »Dritten Lagers« gewürdigt wissen. Auch der Vorgänger der FPÖ, der »Verband der Unabhängigen« (VdU), sagte er im österreichischen Fernsehen, habe seine Verdienste für die Zweite Republik.

Dabei stehen gerade der VdU und die Geschichte des »Dritten Lagers« für die Kontinuität von der Ersten Republik über den Nationalsozialismus bis zur Zweiten Republik nach 1945. Als »Drittes Lager« wurde und wird das deutschnationale und antisemitische Parteienspektrum bezeichnet, das sich seit der Habsburger Monarchie neben den Christlichsozialen und den Sozialdemokraten etabliert hatte und dessen Anhänger in den dreißiger Jahren in die NSDAP strömten.

Zum Zeitpunkt der militärischen Niederlage des Deutschen Reiches war das »Dritte Lager« zwar identisch mit den österreichischen Nazis. Doch nachdem den rund 700 000 ehemaligen NSDAP-Mitgliedern das aktive Wahlrecht wieder zuerkannt worden war, versuchten die Nazis, mit dem VdU an die weniger belasteten Teile des »Dritten Lagers« anzuknüpfen. Die Gründung des VdU im Jahr 1949 überließ man daher einigen Liberalen wie dem nationalliberal, nicht nationalsozialistisch gesinnten ersten Parteiobmann, Herbert Kraus.

Nach der Unterzeichnung des Staatsvertrag und dem Abzug der Alliierten im Jahr 1955 sahen die alten Nazikader in der zweiten Reihe jedoch keine Notwendigkeit mehr für Versteckspiele. Der VdU spaltete sich. Die überwiegende Mehrheit der Mitglieder und Funktionäre gründete die nunmehr von strammen alten Kameraden geleitete FPÖ.

Mit Anton Reinthaller übernahm ein hoher NS-Funktionär die Führung der FPÖ. Reinthaller war Mitglied der Landesleitung der NSDAP in Österreich, gehörte 1938 dem nationalsozialistischen Kabinett von Arthur Seyss-Inquart an und wurde schließlich Brigadeführer der SS. Nach seinem Tod wurde mit Friedrich Peter erneut ein früherer führender Nazi und Kriegsverbrecher Parteivorsitzender. Peter, vor 1938 bereits in der illegalen HJ aktiv, war Mitglied der 1. SS-Infanteriebrigade, einer der schlimmsten Kriegsverbrecherbanden NS-Deutschlands, und stand auch nach 1945 stolz zu seiner NS-Vergangenheit. Selbst der Kanzler Bruno Kreisky (SPÖ) verteidigte den Vorsitzenden jener Partei, die 1983 die erste SPÖ-Minderheitsregierung stützte, gegen die Kritik Simon Wiesenthals.

In der FPÖ dominierten jedoch nicht nur in der obersten Riege die alten Nazis. Erst in der Ära des Vorsitzenden Norbert Steger (1980 bis 1986) gelang es einem jüngeren liberalen Flügel, in die Parteiführung vorzudringen. Der Versuch, die FPÖ von oben herab zu einer liberalen Partei umzugestalten, scheiterte nicht nur an den schlechten Wahlergebnissen Stegers, sondern auch am Unwillen der Basis. Spätestens mit dem innerparteilichen Putsch Jörg Haiders im Jahr 1986 und der Abspaltung des Liberalen Forums 1993 ist die FPÖ zu einer Partei der Neuen Rechten mutiert, die trotz aller Bekenntnisse Haiders und der ihm folgenden Vorsitzenden zum »Österreichpatriotismus« weiterhin einen klar deutschnationalen Flügel besitzt. Der wurde in Person Ewald Stadlers und des EU-Abgeordneten Andreas Mölzer erst in der vergangenen Woche aus dem Parteivorstand gedrängt.

Wer sich allerdings Jörg Haiders »Österreichpatriotismus« genauer ansieht, wird nicht umhin kommen, diesen in einer postnationalsozialistischen Tradition zu verorten. Rassismus, autoritäres und männerbündisches Denken, Antisemitismus und gegen die slowenische Minderheit Kärntens gerichtete antislawische Ressentiments verbinden den »Österreichpatriotismus« der heutigen FPÖ mit dem Nationalsozialismus ihrer Gründerväter.