Das Leben, ein Roman

Am 21. März wäre Hubert Fichte 70 geworden. Es ist Zeit für eine Wiederentdeckung. von jan-frederik bandel

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Hamburg, ABC-Straße 55, ein paar Schritte nur vom Gänsemarkt entfernt. Hier ging es einst vier Stufen hinab in die »Palette«. Das schmuddelige, rauchverhangene Kellerlokal, in dem Aschenbecher grundsätzlich unterm Tisch ausgeleert wurden (die Stammgäste wussten noch im volltrunkenen Zustand, wann sie die Füße wegzuziehen hatten), war in den Fünfzigern und frühen Sechzigern Hamburgs Treffpunkt für bohemeneugierige Oberschüler, Ausreißer, Halbkriminelle und Halbkünstler, Hafenarbeiter, Seeleute, Springerredakteure – und eben Tramps und Gammler, wie sich die Voll-, Teilzeit- und Wochenenddropouts der Wirtschaftswunderjahre nannten.

Heut geht es an derselben Stelle vier Stufen hinauf zu den Schaufenstern des Marriott-Hotelkomplexes. Von der geheimnisvollen Neustadt mit ihren engen Gassen, schäbigen Antiquitätenläden, Seemannskneipen und der alten Bordellstraße, von diesem Hamburger »Klein-Moskau«, dem nicht erst 1933 der Krieg erklärt wurde, ist schon lang nichts mehr zu sehen. Dafür verspricht der Fischer-Verlag, pünktlich zum 70. Geburtstag des Hamburger Schriftstellers Hubert Fichte dessen bekanntesten Roman »Die Palette« aus dem Jahr 1968 als Taschenbuch wiederaufzulegen: ein vielschichtiges, barock ausuferndes Portrait des seit eben diesem Buch bekanntesten deutschen Beatnikschuppens.

Deutscher Beatroman, überdrehte Hamburgensie oder schwuler Popklassiker, so wurde das Buch immer wieder genannt. Vor allem aber ist Fichtes zweiter Roman der Ausgangspunkt eines vermessenen Riesenwerks, das mit dem Tod des Autors 1986 labyrinthisches Fragment blieb. Da wären die frühen Romane Fichtes, die im Laufe dieses Jahres wieder veröffentlicht werden, die ungezählten Radioarbeiten, die Interviewbücher der Siebziger, die ethnografischen Erkundungen und schließlich die nachgelassenen Romane, Interviews, Radiofeatures und Tagebücher der umfassenden »Geschichte der Empfindlichkeit«. Das alles sind Zeugnisse einer nicht zuletzt erotischen Entdeckungslust, des Versuchs, das eigene Leben zum Roman umzugestalten.

Die Bewegungen dieser Entdeckungsgeschichte reichen vom Schrobenhausener Waisenhaus bis zu den Voodootempeln Brasiliens, von Hans Henny Jahnns Blankeneser Hirschpark bis zu Allendes Chile, von Hamburgs schwuler Lederszene bis ins Haiti Papa Docs, von St. Paulis Eroszentren zu einem psychiatrischen Dorf im Senegal, vom Literarischen Colloquium in das Portugal Salazars und vom Star-Club zur Uni Bremen.

Fichte zu lesen, ist wie eine Entdeckungsreise. Was wüsste man ohne ihn von Otto Habermann alias Cartacala, dem glatzköpfigen Transvestiten im Stellinger Schrebergärtlein, der sich in St. Pauli von Trance zu Trance tanzte? Wem sonst als Fichte hätte Hans Eppendorfer die Geschichte seines Mordes anvertraut, seine Erfahrungen in zehnjähriger Einzelhaft, seine Erkundungen der SM-Szene? Wer sonst hätte Jean Genet im Interview zu einem solchen Gemisch von intimen Bekenntnissen, Analysen und Bildungsparlando bewegen können? Wie hätte man ohne ihn Wolli Köhler kennen gelernt, den sächsischen Paulianer, marxistischen Bordellier, NVA-Offiziersanwärter, dichtenden Bergarbeiter und indienfahrenden Privatethnologen, den Fichte in dem Gesprächsband »Wolli Indienfahrer« (1978) portraitiert hat?

Fichte zu lesen, bedeutet auch, sich, mal lustvoll, mal widerstrebend, der Monomanie zu überlassen, mit der die Geschichte von Fichtes Zentralgestalten, Jäcki und Irma, entwickelt wird. Fichtes poetisches Double, Jäcki, wächst auf, ohne den Vater – einen emigrierten Juden – jemals zu kennen, verbringt als hamburgisch-protestantisch erzogener, amtlich erklärter »Halbjude« ein Jahr im katholischen Waisenhaus, tief im Bayrischen, kehrt heim in ein Hamburg während den Bombardierungen, glaubt – zehnjährig – an den Neuanfang, der am Theater stattfinden soll, und lässt sich von Hans Henny Jahnn aus dem Urin die Bisexualität lesen.

Er schmeißt die Schule, spielt Neben- und Hauptrollen, zieht mit Alexander Hunzinger, dem Enfant terrible der Hamburger Bühnen, um die Häuser, kommt in den Stimmbruch, fällt durch die Schauspielprüfung und trampt durch Frankreich. Er landet in den Obdachlosenlagern des Abbé Pierre, wird dort zum Lagerleiter, holt sich eine Hepatitis und muss zurück ins Wiederaufbaudeutschland. Er macht eine Landwirtschaftsausbildung bei einem ehemaligen SS-Mann, arbeitet in einem anthroposophischen Jugendheim in Schweden, lebt einige Zeit in der Provence, hütet halbtags Schafe und schreibt halbtags ungelenke Theaterstücke.

Anfang der Sechziger landet er wieder in Hamburg, entdeckt die »Palette«, taucht ab in den schwulen Untergrund und in den Literaturbetrieb. Er bedichtet Willy Brandt, liest von Beat begleitet im Star-Club, macht Interviews auf dem Kiez. Als Studenten das Schauspielhaus besetzen, um dort die Weltrevolution zu beginnen, beargwöhnt er das Gerede und die Gewaltfantasien, träumt von einer »Verschwulung der Welt« und lobt den Tourismus. Er interviewt Salvador Allende und hofft – einen Moment lang – auf den demokratischen Sozialismus, besucht Juan Bosch, Echeverria und Senghor, erforscht die afroamerikanischen Religionen in Bahia, Haiti, Trinidad, Santo Domingo, Venezuela, Miami, Grenada. Wenn er wirklich konsequent wäre, findet er, müsste er mit allen Männern der Welt schlafen. Und mit einer Frau, Irma.

Dann kommt Aids. Der Traum von der bisexuellen Welt ist vorbei, das Netzwerk schwuler Clubs und Saunen bricht zusammen. Depression, Paranoia, Wechseljahre, Schwächeanfälle. Ein 50. Geburtstag und viel Arbeit. Noch im Krankenhaus schreibt er verbissen an seinem letzten großen Roman über Brasilien, »Explosion«.

Natürlich ist Jäckis Geschichte auch seine eigene Geschichte. Denn Hubert Fichte zu lesen, das heißt nicht zuletzt, einen prächtig gescheiterten Versuch der Verwandlung zu beobachten. Stigmatisierung wird überführt in Selbstmythisierung, die Lebenserfahrung geht über in Buchstaben, wird entgrenzt ins Fiktive. Die Geschichte eines ganzen Jahrhunderts soll sich in der Geschichte einer einzigen Empfindlichkeit verdichten. Die Bezüge vervielfältigen sich.

Zwischen Dammtorbahnhof und Stephansplatz, Hamburger Universität und Gänsemarkt hat Fichte sein Denkmal mit hinreichend kuriosem Namen, die »Fundgrube für Bücherfreunde«. Hier tauschte er, jugendlich, Theodor Däubler gegen Theodor Körner ein, hierhin kehrte er später wieder zurück, um – schräg gegenüber eines NS-Kriegsklotzes mit seinen marschierenden Gefallenen, schräg gegenüber der Inschrift »Deutschland muss leben, auch wenn wir sterben müssen« – auf die Jagd zu gehen, dort, wo das Antiquariat endete und die Klappe begann. Jahre später, die Szene hatte sich längst in den Park verlagert, kam er noch einmal vorbei, um Widmungsexemplare und andere Lästigkeiten loszuwerden, mit denen ihn Kollegen bedachten. Der Bestand ist heute Teil einer privaten Sammlung von Fichtiana in Köln, gar nicht weit von jenem einstigen Hotel Garni, in dem die »Geschichte der Empfindlichkeit« beginnt.

Der Rest ist Philologie? Keineswegs. Der Rest ist eine Einladung.