Haifa statt Hassan

Die Proteste im Libanon

von jörn schulz

Anzeige

Bei jeder Protestbewegung gibt es Verlierer. Einer von ihnen ist Ronald Voorn, der Direktor der Heineken-Brauerei im Libanon. Er hatte im Februar eine Umsatzeinbuße von 35 Prozent zu beklagen. »Es war wirklich ruhig«, stellte er bei der Erkundung des Beiruter Nachtlebens fest. Die Mittel- und Oberschicht verbringt die Nächte derzeit nicht in Diskotheken und Bars, sondern in Zelten rund um den Märtyrerplatz.

Zumindest über die Einbußen beim Verkauf des gottlosen Getränks müsste Hassan Nasrallah sich eigentlich freuen, obwohl der Generalsekratär der Hizbollah kein Freund der Protestbewegung ist. Etwa 500 000 Demonstranten, manchen Schätzungen zufolge sogar noch weit mehr, folgten am Dienstag der vergangenen Woche dem Aufruf zu einer prosyrischen Demonstration. Zwei Tage später wurde der unter dem Druck der Protestbewegung zurückgetretene Omar Karami erneut zum Premierminister ernannt.

Der britische Außenminister Jack Straw war darüber »sehr unglücklich«. Der ersten Enttäuschung der westlichen Freunde der Opposition könnte bei den Wahlen im Mai eine weitere folgen. Die Opposition konnte nie mehr als 100 000 Menschen mobilisieren, im Parlament ist sie eine Minderheit. Die Wahlen kann sie nur gewinnen, wenn die Abneigung gegen die syrische Dominanz jene 60 bis 75 Prozent der Libanesen, die den Wahlen bislang fernblieben, diesmal zur Teilnahme bewegt.

Auch für die Linke ist das Bild nicht allzu erfreulich: Auf der einen Seite die Opposition mit ihren Oligarchen und ehemaligen Warlords, der christlichen Rechten und ihrem Glauben an den kapitalistischen Fortschritt, auf der anderen Seite die prosyrischen Loyalisten mit ihren Oligarchen und ehemaligen Warlords, der islamistischen Rechten und ihrem Glauben an die Güte der syrischen Besatzungsmacht.

Doch die Entwicklung im Libanon zeigt, wie weit die Erosion der autoritären Verhältnisse schon fortgeschritten ist. Auf die Proteste konnten die Regierungen des Libanon und Syriens nicht mit Gewalt reagieren, und ohne den Erfolg der Hizbollah wäre die Wiedereinsetzung Karamis nicht möglich gewesen. Im Streit über die syrische Dominanz, die eine Folge des Bürgerkriegs ist, sind die Libanesen zum ersten Mal gezwungen, über ihre eigene Rolle in diesen Machtkämpfen zu debattieren.

Die Oppositionellen sind überwiegend Christen, die Loyalisten überwiegend Schiiten. Doch auch die konfessionellen Communities zeigen Auflösungserscheinungen. Die populärste Schiitin im Libanon ist die Popsängerin Haifa Wehbe, die bei ihren Auftritten nicht nur auf den Schleier, sondern fast gänzlich auf Kleidung verzichtet.

Dass die puritanische Ablehnung der »westlichen Dekadenz« so populär ist, liegt nicht zuletzt daran, dass sich die meisten Libanesen ohnehin kein Bier in einem Beiruter Nachtclub leisten können. Musik und Sex dagegen sind billig zu haben. In der Popkultur des Libanon und anderer arabischer Staaten, die lange Zeit ein christliches Phänomen war, ist die Entkonfessionalisierung am weitesten fortgeschritten.

»Muslimische Sängerinnen beginnen, erotische Provokationen in einen traditionellen, sogar spezifisch muslimischen Kontext einzubringen«, stellte Charles Paul Freund bereits 2003 fest. Er spricht der durch die Popkultur geförderten »Freiheit, eine selbst gemachte und wandelbare Identität zu erreichen«, ein revolutionäres Potenzial zu. Wichtiger als die Zusammensetzung des nächsten libanesischen Parlaments ist die Frage, ob eine entkonfessionalisierte Jugendkultur den Kampf gegen die Partriarchen in Staat und Familie aufnimmt und so eine gesellschaftliche Demokratisierung einleitet.