Rabehls langer Marsch

Bernd Rabehl, ein Wegbegleiter Dutschkes, sinniert in der Deutschen Stimme über sich, die Linke und die NPD. von jean cremet

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Alles verändert sich, wenn du es veränderst. Doch du kannst nicht gewinnen, solange du allein bist.« So hieß es in der Version des »Solidaritätsliedes« der Band »Ton Steine Scherben«. Damals war die Welt noch in Ordnung, Bernd Rabehl jung und Nutznießer des Ruhmes von Rudi Dutschke. Zwar fehlte ihm das Charisma, zwar wusste er nicht so gewandt als Theoretiker zu brillieren, zwar mokierten sich die Genossen, weil er stets dann verschwunden war, wenn körperliche Auseinandersetzungen drohten, doch ein Systemüberwinder, der unverdrossen und subversiv nach einem dritten Weg jenseits von »Sozialimperialismus« und Sozialdemokratie sucht, bescheidet sich auch mit der wenig dankbaren Rolle als zweiter Mann der Bewegung. Damals war die Welt noch in Ordnung. Heute dagegen seufzt Rabehl: »Der Zusammenbruch des Sozialismus und die wissenschaftlich technische Revolution haben in der Welt alles durcheinander gebracht.«

Der Gesprächspartner, dem er sein Leid klagt, heißt Arne Schimmer und ist wissenschaftlicher Berater der sächsischen Landtagsfraktion der NPD. Die Zeitung, der er seine Erkenntnisse vermittelt, ist die Deutsche Stimme, das Organ der NPD. Wie alle Renegaten legt der ehemalige Professor für Soziologie und Veteran der Apo Wert darauf, dass sich zwar alles verändert habe, nicht jedoch er selbst. Er selbst sei den alten Werten und Idealen treu geblieben.

Nicht alle sehen das so. Die Hans-Böckler-Stiftung des DGB, deren Vertrauensdozent an der FU Berlin er war, hat ihn nach seinen ersten Auftritten bei der extremen Rechten zur persona non grata erklärt. Und ich bin doch der alte Rebell geblieben, mag sich Rabehl gedacht haben, als er umgehend zum Gegenschlag ausholte. Im Jahr 2000 trat er aus dem DGB aus, weil er »dessen rückwärtsgewandte und asoziale Politik« nicht mehr mit seinen Beiträgen »unterstützen« wollte. In einer Pressemitteilung verkündete er: »Wir dürfen nicht zulassen, dass realitätsferne Funktionäre und Gewerkschaftsbonzen Deutschland in den Abgrund treiben und unsere Zukunft aufs Spiel setzen. Die Politik des DGB ist genauso pervers wie das unpatriotische Verhalten von Steuerflüchtlingen.«

Inzwischen hat er eine neue Heimat gefunden, eine ohne Gewerkschaftsbonzen und mit Patriotismus, nämlich den Deutschen Handels- und Industrieangestelltenverband. Dort ist man erfreut über den Neuzugang, und man will ihn gar für den Posten des stellvertretenden Vorsitzenden vorschlagen. Mit Rabehls »Erfahrung und Elan« werde man den DGB unter Druck setzen, meint der Berliner Landesvorsitzende des Verbandes, Klaus Gröbig, im Magazin Der Selbstständige. Er ist ein Mann des rechten Flügels der FDP. So findet zusammen, was zusammengehört.

Rabehl beteuert, er habe sich nicht verändert. Im Gegenteil. »Ich selbst wurde zu verschiedenen Zeiten des ›Linksfaschismus‹ verdächtigt, weil mein Denken nicht der ›Parteilichkeit‹ eines Verfassungspatriotismus folgte und weil ich über eine bestehende ›politische Konstellation‹ hinausdachte«, sagt er seinem Gesprächspartner Schimmer. So wie die Geschichte die von Klassenkämpfen sei, so sei die der Grünen eine von Putschen. Deshalb sei er heute auch nicht Minister in einer rot-grünen Regierung. Denn die grüne Partei »wurde stromlinienförmig als Machtapparat für die bestehende Staatlichkeit geformt«. Und er erläutert weiter: »Für mich war schon deshalb diese Partei versperrt, weil diese vielen Commandantes mit Recht in mir einen Gegner sahen. Derartige ›Führerparteien‹ hatten keinen Platz für Zweifel an ihren ›Generallinien‹.«

Mit den Grünen hat Rabehl noch immer nichts am Hut. Dafür mit der NPD, die er vom Vorwurf, den Nationalsozialismus zu befürworten, freispricht. Der langjährige NPD-Vorsitzende Adolf von Thadden gründete Rabehl zufolge »mit der NPD nicht etwa die NSDAP neu, sondern er schuf eine Partei, die für die unterschiedlichen sozialen Interessen offen war, aber zugleich die historische Aufgabe wahrnahm, als eine mitteleuropäische Nation zwischen Ost- und Westeuropa auszugleichen und zwischen den Blöcken Freiheit und Unabhängigkeit zu erkämpfen. Außerdem wollte er den deutschen Nationalismus herausführen aus den Allüren von Revanchismus und Chauvinismus.«

So wie Rabehl Rudi Dutschke in seinem Bändchen »Revolutionär im geteilten Deutschland« (Jungle World, 19/03) zum Nationalrevolutionär umdeutete, glaubt er heute, in der NPD eine tendenziell nationalrevolutionäre Partei zu erkennen. Wenn sie auf seine Ratschläge hört: »Ob nun DVU oder NPD eine rechte Radikalopposition bilden können, die irgendwie anschließt an die Apo der sechziger Jahre, hängt davon ab, inwieweit sie sich von nationalsozialistischen und rassistischen Positionen freihalten können und inwieweit sie die Wiedergeburt einer Nation mit den bedeutenden historischen Tugenden der Deutschen in Verbindung setzen: mit Solidarität, Verantwortung, Fleiß, Selbstbehauptung und Toleranz. Wichtig wird auch sein, diese Parteien freizuhalten vom ›Extremismus‹ der Staatsexekutive, die sich durch Agenten und Provokateure gerne den ihr genehmen ›Nazi-Feind‹ schaffen möchte.«

Aber war die Apo nicht eine politische Kraft, die die ausgebliebene Entnazifizierung beklagte und jede Wahlveranstaltung des NPD-Vorsitzenden Thadden angriff? Das darf man alles nicht so eng sehen, meint Rabehl. »Die Verfassungskonformität konnte bisher der NPD nicht abgesprochen werden. Jede Partei, die sich gegen die vorherrschende ›Einheitspartei‹ von Regierung und Opposition behaupten will, wird der Abweichung vom Grundgesetz und des faschistischen Extremismus verdächtigt werden«, sagt er. Die Linke sei ohnehin keine Alternative mehr, denn ihr »Gesinnungswandel« habe dazu geführt, »dass die Staatslinke inzwischen das eigene Volk hasst. Dieser Hass wird auf die übertragen, die an nationale Interessen erinnern.«

Rabehl hat zweifellos einiges gelernt. Und dennoch droht ein zweites Scheitern. Früher ständig im Schatten von Dutschke, dürfte er auch heute wieder nicht hinreichend gewürdigt werden. Denn der Schatten Horst Mahlers droht.