Wo die wilden Tiere wohnen

Acht Tage auf Safaritour durch Kenia. Ein Reisetagebuch von jan süselbeck

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Tag I

Mein Bruder und ich machen uns auf den Weg nach Kenia, um einen alten Traum zu verwirklichen, seinen alten Kindheitstraum von den wilden Tieren in Afrika. Mich hat er einfach eingeladen mitzukommen. Das habe ich mir nicht zweimal sagen lassen.

Fernflüge allerdings sind auch nicht mehr das, was sie einmal waren. Die Annahme, unser LTU-Nachtflug von Düsseldorf nach Mombasa werde einen freundlichen Service samt dem für unseren heilsamen Schlaf unerlässlichen Gratis-Maß sedierenden Alkohols bieten, wird schnell enttäuscht: Während die Tragflächen enteist werden, reichen schlechtgelaunte Stewardessen Getränkekarten mit horrenden Preislisten herum.

Darauf waren wir nicht gefasst. Selbst der Versuch, uns ein Bier zu gönnen, misslingt an diesem Abend kläglich. Die gestressten Flugbegleiter weigern sich einfach, irgendetwas außer der Reihe zu servieren. Sogar an Wasser mangelt es in dieser Nacht.

Entsprechend durstig und übernächtigt kommen wir am Morgen in Afrika an. Feuchtheiße Luft schlägt uns auf dem Rollfeld entgegen, als wir an schwer bewaffneten Soldaten vorbei ins abgewrackte Flughafengebäude schleichen. Zusammen mit hunderten von deutschen Frührentnern und Bild am Sonntag-Lesern torkeln wir in eine von apathischen Menschen überfüllte Halle, um die Einreiseformalitäten zu regeln.

Dass wir uns bereits in Berlin ein Visum in der kenianischen Botschaft besorgt haben, erleichtert die Sache nicht. Nach einer halben Stunde geduldigen Wartens stehen wir endlich vor einem gelangweilten Mann. Er sitzt lässig an seinem Schreibtisch und drückt auf einem Handy herum. Die Einreiseformulare, die wir im Flugzeug ausgefüllt haben, nimmt er uns nebenbei aus der Hand und wirft sie wortlos auf einen wüsten Papierhaufen.

Dann winkt er uns durch zur nächsten Schlange. Wir beginnen zu schwitzen. Außerdem haben wir immer noch Durst. Nach einer weiteren halben Stunde stehen wir vor einem ramponierten Glashäuschen. Ein Beamter, der unsere Reisepässe desinteressiert durchblättert, fragt uns auf Englisch, wo wir unsere ausgefüllten Formulare gelassen hätten. Ohne sie kämen wir hier nicht durch. Wir sehen uns fassungslos an: Unmöglich, sich jetzt wieder ganz hinten anzustellen; unmöglich wahrscheinlich auch, diese Zettel überhaupt je wieder zu finden.

Doch dann geschieht zum ersten Mal etwas, was in Deutschland undenkbar wäre. »Akuna matata«, sagt die Frau neben dem Beamten, lacht freundlich und winkt uns durch. Später erfahren wir, dass das die Landessprache Kisuaheli war und »Kein Problem« bedeutet.

Als wir endlich unser Gepäck haben und damit durch die letzte Zollkontrolle gelangt sind, finden wir uns auf einem von Abgasen umnebelten, sonnendurchglühten Parkplatz wieder. Aus unerfindlichen Gründen laufen hier alle Motoren.

Bei einem Händler kaufe ich anderthalb Liter Wasser und trinke gierig. Dann stehen wir vor unserem klapprigen Kleinbus, der uns während der kommenden Woche durch ganz Kenia karren soll: von Nationalpark zu Nationalpark, Reise- und Safarigefährt in einem. Frei sind nur noch die engen, harten Plätze auf der Rückbank. Die anderen vier sind schon von unbekannten Mitreisenden besetzt, die schneller am Ziel waren. Es sind zwei deutsche Pärchen, im Schnitt Mitte dreißig.

Unser Fahrer begrüßt uns auf Deutsch. Er sei vom Stamm der Kikuyu und werde uns im Auftrag von Private Safaris begleiten. Lächelnd drückt er uns alberne Schlapphüte in die Hand. Dann fahren wir auch schon los: 250 Kilometer bis zum Tsavo-Ost-Nationalpark.

Zum Entsetzen meines Bruders, der nach der strapaziösen Anreise im Hotel einen gewissen Komfort erwartet hatte – z.B. so etwas wie eine kurz unterm Äquator durchaus Sinn ergebende Klimaanlage und ein ordentliches Bett –, werden wir bei unserer Ankunft in der Voi-Wildlife-Lodge in einem simplen Zelt untergebracht. Darin ist es noch heißer als im Freien. Es gibt zwar eine angebaute Nasszelle voller Malariamücken, jedoch kein ordentliches Licht und für uns zwei nur ein enges Bett unter einem engen Moskitonetz. Zum Glück haben wir unsere Taschenlampen dabei: An der Zeltdecke sitzt bereits eine riesige Stabheuschrecke. Dicke Spinnen huschen umher. Kein Zweifel: Wir sind in Afrika angekommen!

Ein vom grinsenden Portier überreichter Zettel begrüßt uns als »Mr. and Mrs. Süselbeck«. Zu besserwisserischen Reklamationen bleibt uns jedoch keine Zeit mehr: Schnell einige hektische Happen am Hotelbüffet, von dem aus man auf ein richtiges Busch-Wasserloch mit trinkenden, wilden Elefanten blickt, und dann müssen wir auch schon wieder zu unserem Bus hetzen – auf zur ersten Pirsch!

Tag II

Als wir am nächsten Morgen um fünf Uhr aufstehen, um zur Hauptstadt Nairobi weiterzufahren, fühlen wir uns schlecht. Wenn zwei Brüder zusammen unter einem Moskitonetz nächtigen müssen, kommt selten Gutes dabei heraus. Wir sind jetzt zwei Nächte fast ohne Schlaf. Hinzu kommen diffuse Nebenwirkungen der Malaria-Prophylaxe, die wir seit einigen Tagen auf das dringende Anraten des Tropeninstituts hin einnehmen: trockener Mund, erste Verdauungsbeschwerden. Oder ist das schon die Cholera?

Ich komme mir vor wie in einem sonderbaren Traum. Gestern dieser leuchtend rote Sand in der Wildnis, die ersten erspähten Elefanten, Wasserbüffel und Antilopen. Alle fotografierten wie wild aus dem aufgeklappten Busdach heraus, ausgerüstet mit digitalen Video- und Fotokameras – dem modernen Ersatz für Ernest Hemingways Jagdbüchsen. Verwundert hatte auch ich als notorischer Skeptiker festgestellt, dass mich das Erlebnis begeistert hatte – mehr noch als die Tiere beeindruckte mich die Sir-Rider-Haggard-artige Landschaft, durch die wir zockelten.

Die sieben Stunden Fahrt nach Nairobi werden zur Tortur. Immer wieder passieren wir stundenlang das, was unser Fahrer lachend »Mamma-mia-Straßen« nennt: brutale Geröll- und Schlaglochparcours, mit denen selbst ein Geländewagen seine Probleme hätte. Wir haben jedenfalls keinen. Und die einzigen Stoßdämpfer auf der Hinterachse sind unsere Bandscheiben.

Als wir nach einer halben Ewigkeit endlich auf einer albernen Krokodilfarm in Nairobi ankommen, wo man uns bei wildem Folkloretamtam direkt aus dem Bus heraus an ein aus mächtigen Fleischbergen bestehendes Büffet drängt, tritt mir der Angstschweiß auf die Stirn. Stammelnd frage ich irgendeinen Kellner nach den Toiletten, wo sich wenig später Unsagbares abspielt. Keine Frage, ich habe schon Durchfall.

Am freien Abend in Nairobi bekomme ich dann auch noch Fieber, während mein Bruder beim unvermeidlichen Beefsteak-Abendessen mit gezuckertem »White Cap«-Wasserbier erstmals anhebt, über unsere Mitreisenden zu lästern. »Die sind bestimmt so blöd, heute abend wie bescheuert aus dem Hotel zu rennen und einmal die Straße rauf und runter zu latschen, nur um zuhause erzählen zu können, sie seien auf eigene Faust in Nairobi unterwegs gewesen. Dabei werden sie natürlich sofort ausgeraubt. Du wirst sehen …«

Ich habe gerade andere Probleme. Plötzlicher Schüttelfrost sagt mir, dass ich dringend ins Bett muss. Doch auf dem Flur begegnet uns auch schon die Hamburger Mitreisende, vollkommen aufgelöst: »Wir waren bloß die Straße runter in dieser Pizzeria. Unser Rucksack mit den Pässen, Kreditkarten, Flugtickets und Kameraakkus war plötzlich weg! Wir können morgen früh nicht weiterfahren! Wir müssen dringend zur kenianischen Polizei und zur deutschen Botschaft!«

Tag III

Das berühmte Masai-Mara-Reservat, ein nördlicher Ausläufer der sich bis tief nach Tansania hinein erstreckenden Serengeti, in dem für unsere Gruppe am frühen Abend eine erste Safari anberaumt ist, liegt rund 300 Kilometer entfernt. Mit dem frühen Aufbruch aus Nairobi wird es aber nichts.

Es stellt sich nach ersten grotesken Szenen bei der afrikanischen Polizei bald heraus, dass unser Fahrer und der aus unerfindlichen Gründen zugestiegene, verschwiegene Typ mit dem Walkie Talkie entgegen eigener Angaben gar nicht genau wissen, wo sich die deutsche Botschaft in Nairobi überhaupt befindet.

Wir stehen im Stau zwischen überfüllten Sammeltaxis und atmen Abgase ein. Es ist heiß. »We are searching for the german Embassy«, erklärt unser Fahrer einer Passantin. »A restaurant?« lautet die irritierte Antwort. Als wir uns endlich in die Nähe unseres Ziels durchgefragt haben, fällt einer Frankfurter Mitreisenden plötzlich ein, dass ihr ein diplomatischer Beamter gestern am Telefon ja noch gesagt habe, die Botschaft sei umgezogen. Ans andere Ende der Stadt.

Stunden vergehen, und erste gruppendynamische Spannungen werden manifest. Auf dem Parkplatz vor der Botschaft heißt es weiter warten. Um uns die Zeit zu verteiben, kommen mein Bruder und ich mit dem Walkie-Talkie-Mann ins Gespräch. Ob die Deutschen oft von Löwen gefressen würden, fragen wir. Ja, sowas passiere immer wieder mal, lacht er begeistert. Neulich erst sei auf dem Grundstück der Masai Mara Sopa Lodge, unserer künftigen Unterkunft, ein Mann von einem Elefanten gekillt worden. Das Tier habe vor dem Apartment des Touristen Gras gefressen, und der Mann sei mit der Kamera immer näher herangegangen. Man sehe Elefanten ja selten an, wenn sie wütend würden. »Die essen ganz friedlich und plötzlich – hopp! – fliegt man zehn Meter durch die Luft und ist tot, haha!«

Genüsslich erzählen wir die Geschichte unseren Mitreisenden. Doch die kontern mit der Horrornachricht, es ginge jetzt nochmal in die Stadt und wieder zurück zur Botschaft, denn sie müssten für ihre Ersatzdokumente erst noch Passfotos machen lassen. »Damit ist unsere Safari für heute endgültig gestorben!« bemerkt unser Fahrer lachend.

Nach einer unglaublichen Hetztour durch das weite Rift-Valley, über endlose »Rambazamba-Straßen« und ausgedehnte Geröllfelder landen wir am Abend dann doch noch halbwegs rechtzeitig in der Masai Mara.

Es ist nur schwer in Worte zu fassen, was so eine atemlose Rallye bedeutet: Wenn es in Kenia überhaupt eine geteerte Straße gibt, fahren darauf nur Allradjeeps, da die Pisten in der Regel schlechter befahrbar sind als das gewellte Staubgelände daneben. Mit Folgen: Oft passiert man umgekippte Trucks am Straßenrand. Einmal sehen wir hilflose Arbeiter um einen unter seinem Führerhäuschen eingeklemmten Verletzten oder Toten stehen. Wir rauschen achtlos vorbei.

Tag IV

In der Masai Mara Sopa Lodge beginne ich endlich mit meiner Reiselektüre, Georg Groddecks »Buch vom Es« (1923). Mit dem Werk des wilden Psychoanalytikers unter dem Arm, von dem Sigmund Freud sich seine Bezeichnung der Instanz des Unbewussten lieh, treffe ich das erste Mal in meinem Leben auf eine frei umherlaufende Affenfamilie. Sie verstellt mir auf der Veranda unseres Apartments frech den Weg und versucht, durch das Fenster einzusteigen. Als ich drinnen unter die Dusche gehe, schauen sie mir von draußen zu und klopfen schreiend an die Scheibe.

Später sehen wir im Gelände drei Löwinnen, die gerade einen Büffel fressen. Abends dann die Hyänenfütterung mitten in der Hotelanlage. Von einer offenen Terrasse beobachten wir, wie zwei vor Angst zitternde Hotelangestellte eine Tonne Knochen und Fleischreste aus der Küche in einen Trog am nahen Waldrand werfen.

Zähnefletschende, schrill schreiende Hyänen brechen zu Dutzenden aus den Büschen und stürzen sich gierig auf die Beute. Hinter mir sagt ein abgeklärter Rheinländer nur trocken: »Jetz’ geht dat Geknacke wieder los!«

Tag V

Bei Sonnenaufgang brechen wir auf. Den ganzen Tag fahren wir durch die Wildnis bis zur tansanischen Grenze an den Mara-Fluss. Unterwegs haben wir eine Panne. Mein Bruder muss den schützenden Bus verlassen, damit unser Fahrer die Motorklappe unter seinem Stehplatz öffnen kann. Wir machen von der Fotoluke aus blöde Witze: »Tja, jetzt wirst du wohl gleich gefressen, Alter!« Als wir wieder anfahren, bemerken wir, dass in 50 Metern Entfernung tatsächlich ein Löwe im Gebüsch gelauert hat.

Am Mara-Fluss warnt mich ein Ranger mit einer Flinte im Anschlag: »Don’t you go too near to the water, my friend. Even if you don’t see them – the crocodiles are there! Last week a few kilometers from here a german lady was eaten.«

Tag VI

Den ganzen Tag fahren wir über Schlaglöcher in Richtung Naivasha-See. Am Straßenrand stehen halbnackte Kinder vor rostigen Wellblechhütten und winken uns zu. Sie zapfen Trinkwasser aus schrottreifen Tanklastern. Müll und Plastiktüten überall. Armut.

Um so grotesker dann unsere Unterkunft am See: In einem riesigen Park liegt die palastartige Lodge – ein Luxus, wie ich ihn in meinem ganzen Leben noch nicht gesehen habe. Abends beim Dinner spreche ich die anderen darauf an: Ob sie sich jetzt beim Filetsteakessen nicht zumindest etwas merkwürdig vorkämen nach alledem, was wir den ganzen Tag vom Auto aus gesehen hätten? Man begegnet mir mit überraschter Verständnislosigkeit.

Tag VII

Wir fahren durch den berühmten Amboseli-Nationalpark am Kilimanjaro, dem höchsten, schneebedeckten Berg Afrikas. Bis vor 15 Jahren sollen in dieser Gegend, die durch Hemingways Roman »Schnee am Kilimanjaro« weltberühmt geworden ist, noch Bäume gestanden haben. Mittlerweile ist das gesamte Gebiet nur noch eine öde Wüstenei, weil sich der Grundwasserspiegel verändert hat. Die vielen in der kargen Landschaft umherirrenden Tiere deprimieren mich.

Unser Fahrer macht aufmunternde Witze über die gigantischen Geschlechtsteile der Elefantenbullen. »Guck mal da, der Papa mit den fünf Beinen, haha!« Auch die Hamburgerin kichert ins Fernglas: »Hihi, das Baby da vorne hat aber auch ein Riesending, Schatz!«

Tag VIII

Die letzte Station unserer Rundreise ist der Tsavo-West-Nationalpark. Wir wohnen in der ältesten Safarilodge Kenias, Ngulia. Alle sind müde und ausgelaugt und genervt von der angeblich schlechten Unterkunft.

Mir gefällt sie. Man fühlt sich hier wie in einem Hollywood-Setting der sechziger Jahre. Dazu die unglaubliche Landschaft: überall aberwitzige Felstürme mit Affen drauf, und tief unten breitet sich eine unendliche Buschebene aus, in der es noch wilde Leoparden geben soll.

Als wir am Abend dort herumkurven, haben wir das Glück, einen zu erspähen. Diverse Safari-Cracks flippen aus, als wir im Speisesaal davon erzählen. Seit zehn Jahren seien sie immer wieder hierhergekommen, um einen Leoparden zu erpirschen – vergeblich.

Ein Urvieh haben allerdings auch wir am Ende verpasst: das Nashorn. Wie ein Bekloppter starre selbst ich auf der letzten Frühpirsch noch einmal aus dem Auto.

»Da ist doch eins!« »Nee, ist doch bloß wieder ein Elefant, Mensch!«

»Akuna matata«, schmunzelt unser Fahrer noch.

Und dann fahren wir endgültig ab, in Richtung Mombasa.