23.03.2005

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Einwohner von Kühlschränken fragen sich oft: Wodurch eigentlich ist es so kalt geworden? Günter Kunert richtete mit diesen Zeilen den Blick auf das Verhältnis vom Äußeren zum Inneren der Unfreiheit. Auf die Disziplin also, die ja nur anfangs Ergebnis von Repression ist. Wie hier bei uns. Keine Stechuhr, kein Personalchef, es existiert nicht einmal ein Formular für Kündigungen – aber wer das Haus vor 20 Uhr verlässt, tut das mit einem schlechten Gewissen. Oder wie im »Würgeengel« von Luis Buñuel: Keiner kann die Villa verlassen, obwohl die Party längst zu Ende ist und die Türen offen stehen.

In einem alten Kursbuch (Nr. 40) kann man nachlesen, wie Zirkusflöhe dressiert werden, angeblich so: Man sperrt sie in eine Zigarrenkiste, auf die man eine Glasscheibe legt. Wenn die Flöhe versuchen, aus der Kiste zu hüpfen, knallen sie volle Kanne gegen die Scheibe. Nach einiger Zeit lernen sie, wie hoch sie hüpfen können, ohne sich zu stoßen. Dies wird in immer niedrigeren Kisten wiederholt, bis sie nur noch Platz zum Kriechen haben. Man kann den Deckel dann getrost abnehmen: Sie haben das Springen verlernt und sind reif für den Flohzirkus.

So ist das hier auch. Vor einem Jahr montierte man in unserem illegalerweise, aber regelmäßig zur Personenbeförderung genutzten Lastenfahrstuhl auf zwei gegenüberliegende Seiten »Lichtgitter« genannte Lichtschranken, die bei Kontakt den Aufzug sofort zum Stillstand bringen, manchmal für immer. Wir haben also gelernt, möglichst stillzuhalten. Nicht atmen, keine hektische Bewegung, damit nicht die über dem Rücken baumelnde Tasche das unsichtbare Lichtgitter streift, oder ein Zopf, oder ein flatterndes Hosenbein. Mit der Zeit verloren wir die Angst, immer souveräner und geschickter zwängten wir uns zwischen die Gitter und fanden das irgendwann völlig normal.

Kürzlich stellte sich nun durch einen Zufall heraus, dass die Lichtgitter gar nicht mehr funktionieren. Seit wann, ist unbekannt. Womöglich schon lange. Wie hätten wir das auch merken sollen? Wir machten ja keine Fehler mehr.

Nun denken Sie vermutlich: Mensch, diese coolen Jungle-Leute sind ja genau so arme Würmer wie andere Menschen auch. Wir können Sie beruhigen: Was uns von Flöhen und der bürgerlichen Gesellschaft unterscheidet, ist, dass wir sofort wieder Umswitchen konnten und im Fahrstuhl nun wieder hemmungslose Partys feiern. So lange, bis mal wieder einer stecken bleibt.