06.04.2005

Sieger sehen anders aus

László Paszterkó arbeitet als Boxpromoter an der slowakisch-ungarischen Grenze und vermittelt Kämpfer, die fast nie gewinnen. von knud kohr (text) und thomas linkel (fotos)

Auf dem Rücksitz von László Paszterkós Pkw liegt ein Blaulicht. Das daran befestigte Kabel kann man in den Zigarettenanzünder stecken – dann heult die Sirene los. Paszterkó stellt das Licht regelmäßig aufs Dach, um an Verkehrsstaus in seinem Heimatort vorbeizufahren. Den Einwand, dass die Verwendung von Blaulicht doch eigentlich der Polizei vorbehalten ist, wischt der einen Meter zweiundneunzig große, gut zwei Zentner schwere Mann mit einem kurzen Lachen beiseite. »Ich darf hier alles.«

Hier ist Sturovo. Ein Ort mit 30 000 Einwohnern direkt am slowakischen Ufer der Donau. Auf der anderen Seite liegt das ungarische Esztargom. Auf der Fahrt durch Sturovo kann man ahnen, warum Paszterkó hier gewisse Vorrechte hat: An jedem zweiten Haus klebt ein gelbes Schild. Es besagt, dass das Gebäude von seiner Sicherheitsfirma »SBS Security« geschützt wird. Schnell stellt sich die Frage, ob das kleine Grenzstädtchen tatsächlich derartig von Kriminalität erschüttert ist, dass jede Imbissbude gegen ein monatliches Entgelt notfalls mit Waffengewalt beschützt werden muss. Aber wir sind hier, um über László Paszterkós zweites Gewerbe zu reden. Er ist Boxpromoter. Seine Kämpfer werden in ganz Europa angefordert, weil sie über zwei Fähigkeiten verfügen: Sie können akzeptabel boxen. Und sie gewinnen so gut wie nie.

Solche berufsmäßigen Verlierer werden von Großpromotern auf der ganzen Welt gebraucht, um ihren eigenen Schützlingen einen guten Kampfrekord aufzubauen. Der Kampfrekord beschreibt die Karriere eines Boxers in drei Zahlen. Lautet er beispielsweise 10-5-2, so heißt das: Dieser Boxer hat von seinen bislang 17 Kämpfen zehn gewonnen, fünf verloren und zwei unentschieden beendet. Um bei Fernsehveranstaltungen Hauptkämpfe zu bekommen und nach dem großen Geld zu greifen, muss der Rekord natürlich möglichst makellos sein.

Große Veranstalter – in Deutschland etwa Wilfried Sauerland oder Klaus-Peter Kohl mit seiner Universum-Promotion – bauen ihre Neulinge daher sorgfältig auf. Bei Kleinveranstaltungen oder in den Vorprogrammen der großen Box-Ereignisse – wenn die Kameras noch ausgeschaltet und die Hallen noch fast leer sind – erkämpfen sich viel versprechende Boxer ihre ersten zehn bis 20 Siege. Ihnen stehen Boxer gegenüber, die man »Fallobst« nennt oder die zu unerfahren oder zu alt sind. Oder die einfach wissen, dass ihr unerwarteter Sieg nur den ganzen Betrieb durcheinander brächte. Es sind Kämpfer, wie László Paszterkó sie unter Vertrag hat.

Paszterkó führt uns zur Begrüßung in ein Restaurant. »Regionale Spezialität. Darf sein?« fragt er in fließendem, etwas verschrobenem Deutsch. Wie sich später herausstellt, spricht er weitere fünf Sprachen. Wir nicken. Der Wirt serviert Pansengulasch mit Knödeln. Paszterkó betrachtet uns vorsichtig, aber freundlich. Auf seiner in 57 Profi- und rund 400 Amateurkämpfen zerschlagenen Nase balanciert eine Brille mit dünnem Gestell. Trotz seiner 44 Jahre kämpft er zuweilen noch, meistens auf Veranstaltungen in der Nähe und wenn seine knappe Zeit eine seriöse Vorbereitung erlaubt. Sein massiger Körper wirkt fit und gut trainiert. Es ist selten, dass seinetwegen Journalisten aus dem Ausland kommen. Paszterkó redet über das Boxgewerbe, streut beiläufig die Namen von Veranstaltern und ehemaligen Meistern ein und schaut, ob und wie wir darauf reagieren. Offenbar testet er uns; wie ein Kämpfer, der in der ersten Runde das Repertoire seines Gegners überprüft. Immer wieder muss Paszterkó das Gespräch unterbrechen, weil eines seiner zwei Handys klingelt. Seine Sicherheitsfirma ist dran, auf dem anderen Handy ruft seine Frau Erika an. In erster Linie ist er als Promoter gefragt: Allein bei diesem Essen bekommt er Angebote von drei Veranstaltern, die am kommenden Wochenende Kampfabende in Dänemark und in zwei französischen Städten organisieren.

Es ist Dienstag – das Rahmenprogramm wird immer kurzfristig besetzt. Zwei Boxer kann Paszterkó selbst beschaffen, beim dritten braucht er die Hilfe eines Kleinpromoters aus Wien. Er flucht und ballt die Faust fester ums Handy, als der nicht ans Telefon geht. Dabei sieht man, wie erstaunlich klein und zart seine Hände sind. Als die Teller leer vor uns stehen, sagt er: »Ist jeden Abend Training. Hier und in Budapest. Wenn ihr wollt, ihr könnt gucken.«

Am Abend holt er uns ab. Das Training findet in einer Schule statt. Die Sporthalle ist klein und schlecht ausgestattet. Einen Ring gibt es nicht. Aber zu unserem Erstaunen ist sie voll mit einem Dutzend Kindern und Jugendlichen, die Boxen lernen. Eines der Mädchen ist Paszterkós Tochter. Er hüpft zwischen den Trainierenden herum, scherzt, mahnt, treibt sie an. Später kommen noch zwei Profis aus Budapest dazu. Anscheinend hat Paszterkó seine besten Leute für dieses Training gerufen.

Einer der Kämpfer heißt Zoltán Petrány. Er ist ungarischer Meister im Schwergewicht und erstaunlicherweise Europameister im Dart. Ihm gehört ein Pub in der Budapester Innenstadt. Der andere heißt auch Zoltán, ein technisch brillanter, blitzschneller Halbschwergewichtler, der schon Champions wie Dariusz Michalczewski und Thomas Ulrich auf ihre Titelfights vorbereitet hat. 100 Euro am Tag bekommt er dafür. Und einen Kampf im Vorprogramm der Champions. Bei einem größeren Promoter mit mehr Macht könnte er sicherlich höher in den Ranglisten stehen. Vor einiger Zeit trat Zoltán in Italien an, als Herausforderer um einen unbedeutenden Meistergürtel, den der Einheimische unbedingt behalten sollte. Als er den Champion in den ersten Runden zwei Mal zu Boden schlug, ließ der Veranstalter spontan das Licht in der Halle ausfallen, bis sein Favorit sich erholte. Den Rest erledigten die Punktrichter.

Wenn Zoltán, der eine Frau und eine Tochter hat, nicht im Ring steht, arbeitet er nachts im Hotel. Als Nachtportier? Pászterkó wiegt den Kopf: »Offiziell. Du rufst Zoltán an, wenn du Mädchen willst. Oder andere Sachen. Zoltán bringt dir.«

Als die ersten Kinder das Training schon beenden, erscheint noch Anton Glofák. Ein 34jähriger Leichtgewichtler von zweifelhaftem Ruhm. Sein Rekord steht bei 55 Niederlagen und zwei Siegen. Beide Siege gelangen ihm in Sturovo gegen Debütanten. Im Internet wird er in der »Hall of Shame« als einer der schlechtesten Boxer der Welt geführt. Wenn man ihm beim Sparring zuschaut, verwundert das zunächst. Er ist nämlich kein unbegabter Kneipenschläger, sondern ganz offensichtlich durch eine hervorragende Amateur-Ausbildung gegangen. Seine Beine sind zu schnell für den Sparringspartner, der ihn kaum einmal trifft. Das Gesicht ist glatt, die Nase wahrscheinlich noch nie gebrochen worden. Er greift so gut wie nie an. Seine spärlichen Attacken reichen gerade aus, dass kein Ringrichter dazwischen gehen und ihn mit den gefürchteten Worten »No fight, no money!« wegen Inaktivität disqualifizieren kann. Natürlich verliert er so jeden Kampf nach Punkten. Aber der Promoter des Gegners weiß nach dem Kampf, ob sein Mann schnell ist und nachsetzen kann. Glofák hat die Flucht durch den Ring zu seinem Geschäft gemacht. Paszterkó stellt sich zu uns und betrachtet ihn wohlwollend. »Guter Mann. Hat scheiße Rekord, aber er boxt gesund.«

Glofák ist hauptberuflich Pfleger in einem Krankenhaus in der Nähe. »Ich wollte nie Weltmeister werden«, sagt er, während er auf dem Weg zum Duschen seine Bandagen löst. »Meine Töchter sollen auf eine gute Schule, mein Haus soll renoviert werden. Und manchmal rufe ich László auch an, wenn meine Frau ein neues Kleid möchte.« In zwei Jahren will er aufhören. Dass sich bis dahin die meisten Boxexperten über ihn lustig machen, ist ihm gleich. Im Gegensatz zu vielen ehemaligen Weltmeistern wird er nach seiner Karriere weder unter dem Parkinson-Syndrom noch unter Artikulationsstörungen leiden.

Nach dem Training nimmt Paszterkó uns mit in sein Büro in einem nahe gelegenen Plattenbau. In einem der Räume lungern drei Mitarbeiter der Security auf einer Sitzgruppe. Zwischen ihnen lehnt ein Gewehr. Sie warten darauf, dass der Computerbildschirm auf dem Schreibtisch einen stummen Alarm meldet. »Alles in Ordnung?« fragt ihr Chef. Sie nicken. Meistens passiert nichts. Neulich ließ Paszterkó seine Angestellten ausrücken, um den Hund eines Freundes zu suchen.

Im Raum daneben hat er sein eigenes kleines Museum eingerichtet. Rund um seinen Arbeitsplatz hängen Bilder und Urkunden, stehen Pokale. Er druckt die Liste seiner Boxer aus. Über 50 Männer und vier Frauen. Die Kampfrekorde zeigen, dass alle weit häufiger verloren als gewonnen haben. Auch sein eigener ist dabei. 21 Siege, 34 Niederlagen. Es ist einer der besten in seinem Boxstall.

Während wir die Liste studieren, beginnt Paszterkó, per Telefon Geschäfte zu machen. Als seien wir gar nicht dabei, bespricht er mit zwei Kollegen aus Österreich und Tschechien, wie man eine neue Hoffnung aufbauen kann. Er selbst hat einen 17jährigen Ukrainer unter Vertrag, der seinen ersten Kampf durch KO binnen weniger Sekunden gewann. Nun wird jeder der drei Promoter in den nächsten zwölf Monaten drei Kampfabende veranstalten und dem Ukrainer schlagbare Gegner entgegenstellen. Am letzten Abend soll es um irgendeinen regionalen Titel gehen, damit der Neue als Champion gelten kann. Die Vermarktungsrechte wird Paszterkó dann meistbietend an einen Großpromoter in Deutschland oder Frankreich verkaufen und seine Kollegen am Gewinn beteiligen.

Ich höre gebannt zu. An diesem Abend habe ich mehr über das Profigeschäft erfahren als in den letzten fünf Jahren zusammen. Die plumpen Tricks dieser Provinzpromoter erscheinen mir plötzlich als brillante Schachzüge. Zwei Stunden später werde ich László zum ersten Mal duzen. Und mich morgen darüber ärgern.

Bei den Großen des Geschäfts werden Männer wie er als notwendiges Übel gesehen. Bestenfalls. Jean-Marcel Nartz, Manager bei der Hamburger Universum-Boxpromotion, nennt Paszterkós Kämpfer »auf Deutsch gesagt: Fallobst. Mit denen kann man nur in der ersten Aufbauphase eines Kämpfers arbeiten, dann brauchen unsere Leute bessere Gegner.« Michael Casper, Berliner Boxtrainer und Betreuer mehrerer internationaler Titelträger im Boxen und Kickboxen, nennt Paszterkó schlicht »den Verheizer der slowakischen Boxer«.

Der Verheizer sieht das natürlich anders. Natürlich werden seine Kämpfer nie Weltmeister werden, und das schmerzt ihn. Aber andererseits kostet ein bei ihm gebuchter Kampf über vier Runden 600 Euro. 400 davon bleiben dem Boxer, egal ob er gewinnt oder verliert. Das ist viel Geld in der Slowakei. Die Sicherheitsleute im Zimmer nebenan verdienen 200 Euro im Monat, ein Durchschnittslohn in der Slowakei.

Am nächsten Abend nimmt László uns mit zu einer Trainingsgruppe nach Budapest. Er ist gut gelaunt. In zwei Wochen wird ein großer Kampfabend in Berlin sein, und er erwartet stündlich den Anruf von Universum. Während der Fahrt durch die Dunkelheit beginnt er, mehr von sich zu erzählen. 1960 wurde er in Budapest geboren. »Mit acht war die Ehe meiner Eltern kaputt. Wir sind in die Slowakei gegangen. Mein Vater ist noch in Budapest.« László machte Abitur, begann, als Amateur zu boxen, besuchte die Hotelfachschule und wurde Hotelleiter. Nach dem Zusammenbruch des Sozialismus wird er Profi. Zu spät. Zwar kämpft er gegen große Namen wie Axel Schulz, gegen den er nach Punkten verlor, obwohl er ihn zweimal am Boden hatte. Aber auf einen 30jährigen Namenlosen hatte niemand gewartet. Einige Zeit lang drohte er in die Unterwelt abzudriften – »Im- und Export, Automaten, böse Sachen«, sagt er –, dann wurde er 1995 selbst Veranstalter. Als die Lichter von Budapest auftauchen, macht er wieder seine wegwischende Bewegung.

Im Gym in Budapest – auch hier gibt es keinen Ring – stehen einige düster blickende Männer in Daunenjacken an der Wand. Zwischen zwei Sparringsrunden mit Zoltán – in denen László nicht besonders gut aussieht – sagt er beiläufig: »Das sind Freunde aus Budapest. Wenn meine Security Ärger hat, rufe ich sie. Dann ist Ärger schnell vorbei.« Nach dem Training verabschiedet er sich. Er fährt zurück nach Sturovo, wir bleiben hier. Zum Abschied verspricht er uns, dass wir in Berlin in die Umkleidekabinen zu seinen Boxern dürfen.

Zwei Wochen später. Am Morgen der Boxveranstaltung in Berlin rufen wir László an, um einen Treffpunkt in der Halle auszumachen. Er wirkt kleinlaut am Telefon. »Gab Irritation. Universum hat nicht angerufen. Aber nächste Woche sind wir bestimmt in Deutschland. Oder nächsten Monat. Ich melde mich.«