Pawelsche Reflexe
Hotel Polonia in Kraków, ulica Basztowa 25. Es ist Freitagabend, der 1. April, dem Papst in Rom geht es schlecht, aber er lebt noch, und im deutschen Fernsehen meldet sich der RTL-Reporter vom großen Marktplatz in der Altstadt, wenige hundert Meter entfernt. Kraków, so erklärt es der Mann seinen deutschen Zuschauern, ist die Stadt, in der es nur traurige Gesichter gibt, aus Sorge um den Papst lache hier niemand mehr.
Also raus aus dem Hotel, an lachenden Jugendlichen vorbei, die in Cliquen zusammenstehen und auf die Straßenbahn warten. Ein bisschen bereitet es Probleme, die stark befahrene Hauptstraße zu überqueren, aber wenn man von der Großstadthektik absieht, hat der RTL-Reporter Recht: Außer denen, die lachen, lacht gerade niemand in Kraków.
In der Altstadt bauen sich die Kamerateams auf. Viele polnische Sender sind da, mit ARD, ZDF, RTL und der Sat1-ProSieben-Gruppe sind vier deutsche Anstalten auf dem Marktplatz vertreten. Noch ein österreichisches Team, BBC und CNN finden sich ein, mehr sind nicht auszumachen.
Einen Tag später, auf dem großen Marktplatz. Die letzten Meldungen verkünden, dass es dem Papst immer noch schlecht geht. Zunächst leise, dann lauter und aus allen Richtungen erklingen Kirchenglocken. Es ist etwa zehn Uhr, und der Trompeter, der vom Turm der Marienkirche am Marktplatz jede volle Stunde einen kurzen Gruß hinausbläst, stimmt diesmal ein melodisches, trauriges und sehr langes Stück an.
Es ging los mit der Zygmunt-Glocke. Sie hängt in der Kathedrale auf dem Wawel und wird immer dann geläutet, wenn in Kraków etwas Wichtiges passiert ist. Der Wawel ist das die Stadt überragende Schloss, in dem früher die Könige regierten. Die auf dem Schloss angesiedelte Kathedrale gilt als die wichtigste der Stadt. Von der alten Zygmunts-Glocke geht die Botschaft an die anderen Kirchen der Stadt. Später ist zu erfahren, dass in Kraków die Glocken noch vor denen in Rom geläutet haben sollen.
Viele Menschen kommen auf den Marktplatz. In die Marienkirche kommt niemand mehr hinein. Vor ihr knien viele Menschen nieder. Vereinzelt weinen sie. Ein junges Pärchen, vielleicht 17 oder 18 Jahre alt, steht zusammen. Beide tragen abgewetzte Lederjacken, er trägt ein Che-Guevara-T-Shirt, sie einen Che-Aufnäher und beide Palästinensertücher. Sie weint, er umarmt sie. Vor der Kamera drehen sie sich ab. Die meisten harren aber auch dann aus, wenn ein Kameramann ganz nah an sie herangeht. Nicht einmal das grelle Licht verändert ihre Mienen.
Auf dem Marktplatz steht ein Querschnitt der polnischen Gesellschaft. Menschen in Trachten, die darauf verweisen, dass sie aus den Gebirgsdörfern der Tatra kommen. Anderen sieht man den gemeinen Städter an. Keine Gruppe dominiert die spontane Trauerfeier: nicht die jungen Frauen in Bauchfreimode, nicht die vielen Priester und Seminaristen, nicht die Studenten, nicht die Männer, von denen man die Zugehörigkeit zur neuen polnischen Bourgeoisie vermuten kann, nicht die fein gekleideten älteren Damen, die ihre Blumensträuße ablegen.
Nur wenige hundert Meter entfernt befindet sich die ulica Franciszkanska mit dem Bischofspalast. Auch hier, vor diesem großen gelben Gebäude, haben sich viele Fernsehteams aufgebaut. In dem Zimmer über dem Haupttor zu dem Palast lebte Wojtyla, als er Bischof von Kraków war. Wenn er als Papst zu Besuch war, übernachtete er hier, hielt Reden am Fenster, und bis zu seinem Tod blieb das Gebäude Wojtylas Meldeadresse, er hatte sich nie bei den polnischen Behörden abgemeldet, nachdem er in den Vatikan umgezogen war.
Vor dem Bischofspalast versammelt sich am Samstagabend auch eine große Menge trauernder Menschen. Anders als auf dem Marktplatz wird hier nicht geschwiegen. Nonnen singen, eine Gitarrengruppe, zu der wir nicht vordringen können, spielt. Es ist ein spontaner Trauergottesdienst, der zelebriert wird.
Nur wenige der hier versammelten Polen wollen mit ausländischen Reportern reden. Geknipst werden, gefilmt werden – ja. Aber nicht gestört werden. Die wenigen Sätze, die man hört, sind so pauschal wie kitschig. »Er war wie ein Bruder zu uns«, sagt ein junger Mann. Eine ältere Dame sagt: »Der Papst ist der wichtigste Mensch in unserem Leben.« Eine andere ältere Dame sagt: »Ich kann mir ein Leben ohne ihn nicht vorstellen.«
Auf dem Marktplatz werden Extrablätter der großen Zeitungen verteilt. Gut bebildert und mehrere Seiten stark, zeichnen sie das Leben des Jan Pawel II nach. Viele Menschen bleiben einfach irgendwo stehen, um die Blätter zu lesen. Jedes Detail aus dem Leben des im Alter von 84 Jahren Verstorbenen interessiert hier. Was der Papst für die meisten Polen bedeutet, ist nur schwer nachvollziehbar. Aber an diesem Abend in Kraków ist es nicht übersehbar.
Der architektonische Gegenentwurf zu den Krakówer Kirchen, Religionsschulen und Bischofspalästen liegt am Stadtrand. Er heißt Nowa Huta und wurde Anfang der fünfziger Jahre des vorigen Jahrhunderts von den regierenden Kommunisten als Modellstadt für die Hüttenarbeiter gebaut. Nowa Huta ist großzügig angelegt, zeigt viele Grünflächen, breite Straßen, die Häuser im Zuckerbäckerstil besitzen bis heute einen gewissen Charme. Es sollte die Stadt für den neuen Menschen sein. Der Arbeiter sollte morgens durch Alleen zu seinem Betrieb spazieren, nach Feierabend sollte er in einem der Kinos oder Theater sich zur sozialistischen Persönlichkeit entwickeln.
Eine Kirche war für diesen Stadtteil nicht geplant, im Denken der Städtebauer war für so etwas kein Platz. Jahrelang stand auf einer Freifläche einfach ein sehr großes Holzkreuz. Ab 1959 hielt Wojtyla vor diesem Kreuz Messen ab. 1967 setzte er, inzwischen Bischof geworden, gegen den Widerstand der Kommunistischen Partei den Bau einer Kirche in Nowa Huta durch. Sogar zu straßenkampfähnlichen Ausschreitungen soll es gekommen sein. In den siebziger Jahren wurde die Kirche eingeweiht. Sie heißt Arka und erinnert von ihrer Form her an die Arche Noah, ihre Außenseite ist mit tausenden Flusskieseln verziert. Die Einweihung der Arka nahm Karol Wojtyla vor.
In den achtziger Jahren zeigte sich, wie wichtig es aus Wojtylas und aus Sicht der Kirche war, ausgerechnet in der sozialistischen Modellstadt Nowa Huta das Holzkreuz durch ein großes Gebäude ersetzt zu haben: Die Arka wurde eins der wichtigsten Zentren der Gewerkschaft Solidarnosc und anderer oppositioneller Gruppen. Als Wojtyla 1979 als frisch ernannter Papst Kraków besuchte, kamen drei Millionen Menschen, um ihn zu hören und ihm zuzujubeln. Der polnischen Regierung gelang es, ihm einen Besuch in Nowa Huta zu untersagen, aber der Papst setzte sich in einen Hubschrauber und warf über der Musterstadt einen Blumenstrauß ab.
Die polnische Gesellschaft besteht zu 93 Prozent aus Katholiken. Andere Religionsgruppen oder Atheisten fallen nicht ins Gewicht. Eine neue Studie, die im Auftrag der katholischen Kirche Polens erstellt wurde, besagt, dass nur 1,3 Prozent der Polen (nicht nur der Katholiken!) kein Vertrauen in Johannes Paul II. hatten.
Das erklärt vielleicht auch, warum die Wahrnehmung in Deutschland so gründlich anders ist als die in Polen. »Fernab jeder Achtundsechzigerdebatte um Verhütungsmittel und Feminismus symbolisierte er in Polen das Progressive schlechthin«, schreibt Adam Soboczynski in der Zeit. »Nicht nur, weil der Papst so schön unkonventionell war: Kraxelte er doch mit seiner weißen Soutane gern in der Hohen Tatra umher oder fuhr in Zakopane auf Skiern die Piste hinab.« Ein wenig ahnt man, warum der Papst nicht nur in Polen als Popstar verehrt wurde, der mehr Leute in die Fußballstadien zog als die Rolling Stones, als Michael Jackson oder sogar die Puhdys.
Johannes Paul II. war für die katholische Kirche der richtige Papst, als in den Jahren 1989 bis 1991 mit dem Ende der so genannten Zweiten Welt die Erschließung des Weltmarkts noch mal einen besonderen Drive erhielt. Da war er mit seiner vor ihm ungekannten Reisetätigkeit derjenige, der das katholische Angebot auf dem Ideologien und Werthaltungen nachfragenden Weltmarkt gut unterbreiten konnte. Und als Osteuropäer mit Dissidentenvita war er der richtige, um das als atheistisch verschriene ehemalige sozialistische Lager für die katholischen Angebote einzusammeln. Und dann war Johannes Paul II. ja noch der ehemalige Schauspieler, der die Wirkung von Gesten kannte und einsetzen konnte: hinknien, die Hände vors Gesicht schlagen, starr gucken, den Arm würdevoll angewinkelt zum Gruß heben. Der Papst war, was man in Schauspielerkreisen eine »Rampensau« nennt. Eine Eigenschaft, die man in der Weltmediengesellschaft nicht unterschätzen sollte. Sogar einen Videoclip ließ Johannes Paul II. produzieren und vertreiben.
Gerade die Attraktivität des Papstes für Jugendliche, die er in Polen, aber auch in weiten Teilen Lateinamerikas besaß, ist in Deutschland nicht zu verstehen. Hier hält man die irrenden Armen eher für arme Irre, die von dem merkwürdigen Mann aus Kraków, der ein erotisches Verhältnis zu Flughäfenböden besaß, verführt wurden. Nicht wenig daran ist aber eine deutsche Überheblichkeit mit antipolnischem Bodensatz: Die hätten schon den Sozialismus nicht kapiert, und nun machten sie so einen Scheiß.
In Polen erklärt man sich das Phänomen des Popstars Papst anders. »Die meisten der jungen Leute hier sind Ungläubige«, zitiert die Neue Zürcher Zeitung Jaroslaw Gowin, den Rektor der katholischen Europäischen Hochschule. »Sie sehnen sich nach einer besseren Welt, protestieren gegen den Konsumterror.«
Die Marienkirche hat zwei Eingänge: An normalen Tagen, an denen gerade nicht um den Papst getrauert wird, darf der eine nur von Gläubigen genutzt werden, der andere nur von Touristen. Nimmt man den letztgenannten, kommt man nahe an den Altar und muss dafür aber vier Zloty zahlen, etwa einen Euro. Viele Touristen sparen sich das Geld und setzen sich zu den betenden Polen, oft auch mit Digitalkameras. Männliche Touristen behalten auch gerne ihren Hut auf. Das wirkt respektlos und störend, und viele Polen sind darüber empört, wenn es neben ihnen plötzlich blitzt. Ihre Vorstellung vom Glauben ist eine, die weder mit dem Zahlen von Eintritt noch mit den Insignien des Massentourismus wie etwa Digitalkameras, Basecaps oder bunten T-Shirts etwas zu tun hat.
Johannes Paul II., wie er in Polen gesehen wird, steht für eine Soziallehre, die mit dem Kapitalismus nichts gemein haben will, zumindest nicht mit einem entfesselten Kapitalismus. Das klingt vermutlich nicht nur nach Attac, das hat wohl auch damit zu tun und erklärt vielleicht am ehesten, was diesen Papst so populär macht.
Hinzu kommt der Nationalismus. »Eine besondere Rolle spielt die Tatsache«, sagt ein Pater namens Wojciech Swiatkowicz der Neuen Zürcher Zeitung, »dass es sich bei ihm um ›unseren Papst‹ handelte, einen, der unsere Nation vertrat.« Und das tat Karol Wojtyla nicht erst, seit er Papst wurde, und nicht nur, weil er die polnische Staatsangehörigkeit besaß. 1920 geboren, verkörperte er einen Teil der polnischen Geschichte.
Als die Nazis Polen besetzten, musste der Literaturstudent und Schauspieler Wojtyla Zwangsarbeit leisten, zunächst in einem Steinbruch, dann in einer Chemiefabrik. Er studierte illegal katholische Theologie und wurde 1946 Priester. Dem Aufbau des Sozialismus widersetzte er sich. 1979, als sich in Polen die ersten Arbeiterunruhen zeigten, wurde Karol Wojtyla Papst, also bekanntester und wichtigster Pole in der Welt.
General Wojciech Jaruzelski, der im Dezember 1981 das Kriegsrecht in Polen verhängte, sagte im Nachhinein, dass er den Einfluss, den der polnische Papst besaß, unterschätzt habe. »Wie viele Divisionen hat der Papst?« war schon Stalins hämische Frage gewesen, und dass politische Macht nicht unbedingt und nicht immer aus den Gewehrläufen kommt, hatte sich zumindest nicht bis zu Jaruzelski herumgesprochen.
»Die päpstlichen Worte ›Fürchtet euch nicht!‹ haben 1979 das Volk aufgeweckt«, sagt Lech Walesa, der mit Wojtyla zum Symbol für die Proteste wurde und dessen Gewerkschaft Solidarnosc Trägerin der Umwälzung wurde. Walesa, der Friedensnobelpreisträger und Staatspräsident wurde, hat in Polen keinen großen Rückhalt mehr: Zu sehr hat er sich in der konkreten Politik desavouiert.
Johannes Paul II. aber, der in Rom residierte und wie kein Papst vor ihm durch die Welt jettete, musste sich im Konkreten nicht beweisen, sondern blieb auf der Ebene der Symbolik – und also populär.
Wieder zurück im Hotel Polonia. Im ZDF erläutert eine Moderatorin, dass der Papst ja einerseits in Kirchendingen stockkonservativ gewesen sei. Andererseits aber sei er auch sehr fortschrittlich gewesen, zwei Beispiele fallen ihr spontan als Belege fürs Progressive ein: Er war gegen den Irak-Krieg und gegen den Kommunismus.
In den fünf polnischen Fernsehsendern, die im Hotel Polonia zu empfangen sind, läuft seit Tagen nonstop ein Papst-Programm. Experten, die allesamt Priestertrachten tragen, wiegen den Kopf hin und her und beantworten die Fragen von Journalisten, die schwarze Krawatten tragen.