Wir haben einen Kollegen, der so viel vom Fahrradfahren versteht, dass er möglicherweise annimmt, der Erfinder des Fahrrads sei ein gewisser Faraday gewesen. Der Kollege, nennen wir ihn Jonas, ist ein überzeugter U-Bahnfahrer, obwohl er es nicht weit hätte von seinem Zuhause in die Redaktionsräume. Sein Weg zur Arbeit wäre angenehm, am Kanal entlang, der von blühenden Bäumen gesäumt ist, da, wo Berlin fast wie eine Stadt aussieht. Doch Jonas will nicht. Er zieht es vor, in zugigen U-Bahn-Schächten auf verspätete Züge zu warten. Dachten wir.
Dann, eines herrlichen Frühlingstages, überrascht er uns und kommt, man höre und staune, mit dem Fahrrad zur Arbeit. Zugegeben, es mutet eigenartig und fremd an neben ihm. Vielleicht liegt es daran, dass es zu klein ist und die Farbe nicht zu Jonas’ schwarzem Jackett passt: Das Rad ist rosafarben.
Der erste Fahrradtag unseres Kollegen beginnt nicht nur mit einer Überaschung, sondern endet auch mit einer. Und zwar für eine Kollegin. Als sie sich nämlich auf ihr Fahrrad schwingen will, ist dieses spurlos verschwunden. Stattdessen steht eine herrenlose bicyclette im Flur. Rosafarben. Jonas hat sein neues Fahrrad mit einem anderen verwechselt und dieses mit nach Hause genommen. Aufgefallen ist ihm nichts. So ist er in Dingen des Alltags. Soll man es Konzentrationsschwäche nennen? Genialität? Schwebt er in anderen Gefilden, wenn er sich durch unsere stählerne Stadt bewegt?
Auch in den folgenden Tagen pflegt Jonas einen außergewöhnlichen Umgang mit seinem Fahrrad. Wie Augenzeugen berichten, benutzt er es nicht, um damit zu radeln, sondern er schiebt es. Wer sein Rad liebt, der schiebt, heißt es, doch Jonas scheint sein Rad derart anzubeten, dass er es immer und zu jeder Zeit schiebt. Nach der Arbeit wird er beobachtet, wie er es liebevoll zu einer nahe gelegenen Kneipe, fast möchte man sagen: auf Händen trägt. Eine andere Zeugin beobachtet ihn des nachts mitten in Kreuzberg, wie er seine bicyclette neben sich herrollt und zärtlich mit ihr turtelt und flirtet.
Was ist nur mit Jonas los? Wir erkennen ihn nicht wieder. Wir würden uns nicht wundern, wenn er sein Fahrrad eines Tages in eine Eisdiele einlädt. Oder mit ihm ins Kino geht, in »Easy Rider« oder »Vom Winde verweht«. Zu gerne wüssten wir, wo Jonas sein Fahrrad nachts abstellt. Aber Jonas sagt nichts. Er lächelt nur glückselig. Denn er hat das Rad neu erfunden.