11.05.2005

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Wir lieben beide, den Salon und die Straße. Der Salon am vergangenen Mittwoch war der grüne, der in der Volksbühne. Da, wo früher Erich Böhme an seiner Brille kaute. Gedämpftes rotes und grünes Licht, leise Barmusik zur Einstimmung. Unser Böhme musste zwar ohne Brille auskommen, ansonsten aber begleitete er die in bequemen Sesseln und Sofas rauchenden Gäste charmant durch den vergnüglichen und anregenden Abend, an dem die Frage, wie links oder deutsch der 8. Mai sei, vielleicht nicht vollständig beantwortet wurde, aber sämtliche Belange sowohl der Linken als auch des 8. Mai leidenschaftlich erörtert wurden.

Drei Tage später dann ein ganz anderes Bild: Mehr als 10 000 neue Abonnenten rocken den Alex, bis es wehtut. Zwischen Fernsehturm und Neptunbrunnen, im Herzen Berlins: eine riesige Bühne, vier heiße Bands, Stagediver, ein nervöses Polizeiaufgebot, knallharte politische Ansagen von der Bühne. The guitar is back in town, let there be rock! Als sich die Menschenmenge gegen 23 Uhr so langsam aufgelöst hat, bietet sich ein Bild der Verwüstung: Alles ist übersät von zerbrochenen Bier- und Sektflaschen und anderem Müll. Wir stehen dazwischen, direkt unter dem angestrahlten Fernsehturm, schauen auf die schon halb abgebaute Bühne und denken: Wow, das war mehr als ein Konzert, das war ein Ultimatum an Deutschland!

Aber ob Debattiersalon oder Rock’n’Roll: wichtig war uns, zum 60. Jahrestag des Sieges über Nazideutschland eine klare Ansage zu machen gegen die deutsche Opferstilisierung und das neue deutsche Selbstbewusstsein. Das war eine würdige Feier zu Ehren der Sieger.

Gelungen war auch das Radioprojekt, das einmal mehr zeigte, wie notwendig ein Freies Radio in Berlin ist.

Wir danken allen Beteiligten, die das möglich gemacht haben, natürlich vor allem den Mitveranstaltern. Die Zusammenarbeit hat Spaß gemacht. Außerdem den Technikern, den Ordnern, überhaupt allen Helferinnen und Helfern, den Referentinnen und Referenten, den DJs, den Sponsorinnen und, und, und. Und natürlich den allesamt schwer sympathischen Bands Kassiopeia, Kraftpost, Tocotronic und Von Spar, die wirklich eine ganz großartige Show hingelegt und auf Gagen verzichtet haben, weil ihnen diese zentrale Gegenveranstaltung zum offiziellen Gedenken am Brandenburger Tor wichtig war.

Uff. Und jetzt? Jetzt machen wir wieder eine Zeitung. Irgendwo zwischen Salon und Straße, zwischen Glamour und Kritik. Der Schreibtisch hat uns wieder. Nur die Kaffeemaschine, die ist noch irgendwo, in irgendeinem Kofferraum. So heißt es.