18.05.2005

»Rock ist die Religion!«

ian svenonius, Sänger von Weird War und Glam-Polit-Punker vor dem Herrn, spricht über die Strokes, Rockrituale und die CIA.

Ian Svenonius ist der Star der Geheimgeschichte des Rock. Er war Frontmann der Nation of Ulysses, einer der unkonventionellsten Hardcoregruppen überhaupt. Jazz, Soul und den Protopunk von MC5 fusionierte die Gruppe mit dem knochentrockenen Postpunk der Szene aus Washington DC. Und sie war stilbewusst, es gab Anzüge, Krawatten, hochgegelte Frisuren, choreografierte Auftritte. Überraschend löste sich die Band 1992 auf. Wenig später rief Svenonius The Make Up ins Leben. Noch stilbewusster, noch inszenierter, noch mehr situationistisches Revolutionspathos. Svenonius gab die aufgedonnerte Diva, zuckte und zappelte auf der Bühne wie eine Mischung aus James Brown und Mick Jagger, sein Gesang kippte zwischen laszivem Hauchen und Falsettgekreische. Selten klang Pathos so cool. Schweiß kann ja richtig gut riechen! Auch The Make Up lösten sich überraschend auf.

Knapp fünf Jahre ist das her, und eigentlich war klar: Svenonius, der Prediger, muss jetzt ein Buch schreiben, ein postsituationistisches Manifest oder die Geheimgeschichte des Gospel-Blues-Punk. Hat er aber nicht, sondern mit einigen alten Mitstreitern von The Make Up eine neue Band gegründet: Weird War. Ende 2002 erschien das erste Album, vor einem knappen Jahr das zweite, jetzt das dritte. Svenonius macht einfach weiter. Marketingstrategie? Gibt es nicht. Interesse am aktuellen Rockgeschehen? Fehlanzeige. Hass auf die Retrobands, die den Rock so viel schlechter als Make Up spielen? Nicht zu spüren. Dementsprechend verhalten nehmen Kritiker die Alben von Weird War auf. »Illuminated by the Light«, die neue Platte, bildet da keine Ausnahme. Sie macht einen geradezu chronisch entspannten Eindruck, der musikalische Charakter ist privatistisch. Man wird sich gesagt haben: Hey, Leute, lasst uns mal wieder treffen, da sind ein paar Drinks im Kühlschrank, ein paar Kumpels haben ihre Instrumente dabei und wir machen dann später ein bisschen Livemucke. Es gibt Rock, Blues, Boogie und Psychedelica auf niedrigem Intensitätslevel – aber immer subtil. Es scheint, Svenonius nimmt sich ein wenig zurück, um genauer hinzuhören, um dann beim nächsten Mal den Schlag gegen das Schweinesystem umso präziser anzusetzen.

Svenonius bemüht sich sichtlich, beim Interview nicht exaltiert zu sein. Er ist aufmerksam und eloquent. Aber irgendwas brodelt in ihm. Er blättert die ganze Zeit – auch beim Reden – in einem Magazin, trommelt mit den Fingern auf die Tischplatte, nestelt an seinen Klamotten, klappert mit der Espressotasse.

The Make Up haben den Sound der Retrorockbands, die in den letzten Jahren aus dem Boden geschossen sind, vorweggenommen. Wirst du häufig auf eure Vorreiterrolle angesprochen?

Nicht sehr häufig, die meisten Leute sind gegenüber der Geschichte generell ignorant, ihre Aufmerksamkeitsspanne reicht drei Wochen. Besonders wenn es um Rockmusik geht. Natürlich gibt es ein Geschichtsbewusstsein im Rock. Aber es basiert auf einer komplett gefälschten Geschichte. Das ist meine große Obsession. Nimm die Geschichte der modernen Folkmusik, bevor sie zur Hippiebewegung transformiert wurde. Sie verkörperte das Ideal des Hobo, des Umherziehenden, des Wanderarbeiters – als Erinnerung an die amerikanischen Klassenkämpfe der ersten Jahrzehnte des vorigen Jahrhunderts. Aber auch als Symbol der Abgrenzung vom reaktionären Wirtschaftswundertraum und der Bejahung radikaler Egalität. Dieses Szenario war auch der Blueprint der Hippiebewegung. Sie transformierte Folk in eine universell verwertbare Ware, lud sie mit Mystizismus und Drogengewaber auf. Heute gelten die Hippies als großes Ereignis der Popkultur, während die Folkbewegung allenfalls für eine Randbemerkung gut ist. Das gilt als Spinnerkram. Wer will sich damit abgeben? Jeder will auf der Seite der Sieger stehen. Also stilisieren wir die Hippies zum Symbol einer Gegenkultur. Dabei markierten sie ihr Ende.

Ist das wirklich ein substanzieller Vorwurf, zu behaupten, Rockgeschichte würde auf Fakes beruhen? Rock und Fake gehören doch zusammen. Jeder Szene ging es darum, ihre eigene Geschichte zu entwerfen, eine Tradition zu konstruieren, in die man sich dann stolz einordnet.

Sich-Selbst-Erfinden, das ist Mittelklasseideologie. Rock ist davon die religiöse Überzeichnung. Rock ist eine neue Religion, die in dem historischen Moment auf den Plan trat, als die christlich-calvinistische Ethik – »Arbeite jetzt und verschiebe Genuss und Erlösung auf das Jenseits!« – ausgedient hatte. Ich rede von der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Wirtschaft war komplett mobilisiert, es gab Vollbeschäftigung, die Arbeiter hatten so viel Geld in den Taschen wie noch nie zuvor. Dieses Geld floss in die Konsummärkte. Die Leute sollten kaufen – und konsumieren. Jetzt und sofort! Das erforderte eine entsprechende Religion, keine asketische mehr, sondern eine hedonistische. Gleichzeitig sollten die Leute über den passiven Charakter des Konsumierens getäuscht werden. Genuss musste auch ein rebellisches Element haben. Dafür wurde der Rock erfunden: Genuss, Rebellion und Bejahung der Werte des freien Westens gehen Hand in Hand. Der frühe Rockstar war gleichzeitig der Rebell und die Widerspiegelung des großen Industriemagnaten, des »schöpferischen Zerstörers«. Die Mittelklasse definiert sich über Konsum, aber sie will das Gefühl haben, etwas Wildes und Unberechenbares zu tun, selbstbestimmt zu handeln.

Der ganze Aufruhr, den der junge Elvis verursacht hat, war also inszeniert? Warum musste dann Elvis überhaupt domestiziert werden? In der Rockrebellion hat es immer das Moment gegeben, das nicht auf die ideologischen Erfordernisse des Monopolkapitalismus zurückzuführen ist.

Es ist paradox. Du hast vollkommen recht. Es gibt eine esoterische Komponente, einen emotionalen Überschuss, der unkalkulierbar ist. Musik ist eine große Kraft, das ist überhaupt der Grund, warum sie zum Träger von Ideologie wird oder warum sie von der Gegenseite, der Jugend, der Arbeiterklasse, den Marginalisierten, als Mittel der Kommunikation und der Agitation benutzt wird. Musik ist ein bedeutender Ort der Klassenkämpfe, ein umstrittener.

Wie gehen Weird War mit diesem Paradox um?

Es geht um Verantwortung. Ich trage Verantwortung. Als Sänger einer Rockband ist man ein Prediger. Rock ist die Religion – der Sänger ist der Pfarrer. Darüber muss ich mir im Klaren sein. Ich sehe mich in der Tradition der Befreiungstheologen. Wenn ich ein Bild wählen darf, dann das der lateinamerikanischen Priester auf der Seite der Guerilla, auf der Seite der Indiobauern in ihrem Kampf gegen die Großgrundbesitzer.

Du verstehst dich als Sänger explizit politisch?

Es gibt nichts Schlimmeres als politische Lyrik. Die ist schrecklich langweilig. Ein Songtext ist kein Essay und keine Vorlesung. Eine Vorlesung muss eindeutig sein, die Lyrik ist offen, ambivalent, muss sich auf die Musik einlassen. Mich interessiert an der Kunst nicht so sehr das Politische, sondern das Prophetische. Sergej Eisenstein hat 1938 in seinem Film »Alexander Nevsky« den Überfall der Deutschen auf die Sowjetunion nicht nur vorhergesagt, er hat auch um den Kriegsverlauf gewusst. Der Schlusskampf ist das vorweggenommene Stalingrad.

Wie arbeitest du mit Weird War?

Die Band arbeitet konsequent als Kollektiv, es gibt keinen Bandleader. Weird War ist nicht Ausdruck meiner Vorlieben, im Gegenteil: Mindestens die Hälfte der Sachen, die die Band macht, passen mir nicht. Das liegt nun mal in der Natur der Sache. So eng und kontrovers hat noch keine Gruppe gearbeitet, in der ich Mitglied war.

Aber du hast eine sehr exponierte Rolle, du bist der Sänger, der Frontmann.

Ich bin kein Musiker. Das ist das einzig Besondere an meiner Rolle. Ich habe kein musikalisches Talent. Ich kann unbelastet in die Songs gehen, muss mich nicht um meine Stimme oder um irgendwelche Akkorde kümmern. Das ist großartig. Ich kann mich ganz auf den Rock’n’Roll-Mythos konzentrieren, ihn aufsaugen. Das Problem der ganzen Retrobands, wie es sie heute massenhaft im Rock gibt, ist, dass sie musikalisch zu gut sind. Sie machen das, was Bands wie Gang of Four oder Joy Division vor 25 Jahren gemacht haben – nur eben besser. Aber die Bands damals haben nicht Musik gemacht, damit sie später mal »verbessert« werden kann! Weird War möchte so klingen wie die Beach Boys und besser als alle Biker-Rock-Bands der frühen Siebziger. Daran scheitern wir. Aber nur so können wir unseren eigenen Weg finden.

Du beschreibst deine Rolle als Performer, als eine Kreuzung aus Exorzist und Dilettant. Das hört sich reichlich bizarr an. So bizarr kommt es real gar nicht rüber, sondern charismatisch. Vielleicht sollten wir lieber über Charisma reden.

Es geht mir nicht um einen Zustand oder um eine klar definierte Rolle, sondern um einen Prozess, darum, wie auf der Bühne Emotionen transformiert werden. Die Grundlage der Performance ist Scham, eine tiefe Scham, die du kompensieren willst. Leute, die sich auf der Bühne komplett entäußern, haben eine große Unsicherheit. Der charismatische Performer steht am Endpunkt einer Entwicklung, die aus ihrem totalen Gegenteil erfolgt ist. Diesen Prozess finde ich spannend.

»It’s Only Rock’n’Roll But I Like It.«

Die meisten halten Rock für etwas Normales, Alltägliches, mittlerweile auch Langweiliges. Ach ja, es gibt bessere Musik… Aber das ist es nicht! Rock ist eine hochabstrakte Kunstform, abstrakter als die Malerei von, sagen wir … Rothko. Musik hat immer soziale Funktionen erfüllt – die Kriegstrommeln, die Bänkelgesänge, Musik für Hochzeiten, Ernten, Beerdigungen. Was ist nun die soziale Funktion von Rock? Du kannst damit alles machen, zum Krieg anfeuern und den Frieden beschwören. Rock ist gleichzeitig losgelöst von konkreten sozialen Umständen, kann aber auf alle sozialen Umstände reagieren. Das ist eine moderne Form von Magie – von Beschwörungen und Ritualen.

Und was die Sache noch surrealer und gefährlicher macht: Die meisten, die in diesem Medium arbeiten, haben keine Ahnung, wie vermint das Gelände ist. Sie haben völlig falsche Vorstellungen von dem, was Rock ist. Als würden sie in einer Bombenfabrik arbeiten und denken, sie stellen Zahnbürsten her. Das ist wie mit Jackson Pollock. Ein Geschöpf der CIA. Er wusste höchstwahrscheinlich nicht, was für eine ideologische Rolle seine Kunst im Kalten Krieg, in der antikommunistischen Strategie der USA gespielt hat. Abstrakte Kunst, die größtmögliche schöpferische Freiheit darstellt und sich betont unpolitisch gibt. Ein wunderbares Bild für den freien, den überlegenen Westen! Das gleiche wiederholt sich bei den Strokes. Die sind auch von der CIA ins Leben gerufen worden und wissen es nicht. (Fängt an zu lachen.)

Ok, wir sind jetzt im Reich der Verschwörungstheorien angelangt.

Sagen wir es so: Es würde mich nicht wundern, wären sie von der CIA kreiert worden. Jackson Pollock hat wirklich großartige Kunst geschaffen, und die »Sun Sessions« von Elvis sind richtig gut. Ich kann mich nicht auf eine Seite schlagen. Ich möchte nur bewusst machen, was für ein heftig umkämpftes Schlachtfeld die zeitgenössische Kunst ist. Und das größte Schlachtfeld ist der Rock. Rock hat eine Energie, eine Macht, die jenseits ihrer ursprünglichen ideologischen Funktion ist. Daran knüpfen wir an.

Du hast am Anfang unseres Interviews davon gesprochen, wie die Folkbewegung der frühen sechziger Jahre systematisch umgedreht, ihre Intentionen verkehrt wurden. Du kommst aus der Washingtoner Hardcoreszene, hast den amerikanischen Rockunderground der achtziger und neunziger Jahre miterlebt. Seit ein paar Jahren gilt der krudeste Rock als unglaublich hip, werden Rockalben aufwändig billig produziert, gilt aus der Not geborener Post-Punk-Trash abermals als chic und ist zum teuren Markenlabel avanciert.

Natürlich gibt es Parallelen. Das Interessanteste daran ist, dass es nicht darauf ankommt, wie »hart« oder wie »ehrlich« eine Musik ist, im Gegenteil: Je »härter« und »ehrlicher« eine Musik ist, desto besser lässt sie sich umdrehen. Vieles, was mit dem New Yorker Underground oder der New Yorker Avantgarde identifiziert wird, bekommt das höchste Gütesiegel. Dabei ist »New York« sehr häufig ein ideologischer Ausdruck: Die New Yorker Avantgarde der fünfziger Jahre – eine Waffe im Kalten Krieg oder, wie im Fall der Musik von Morton Feldman oder John Cage, ostentativ unpolitisch. Der Garagenrock der Strokes – Ausdruck einer entpolitisierten, ultrakonsumistischen Haltung. New York, die aufregendste Stadt der letzten 100 Jahre, ist ein ideologisches Synonym für die konservative Wende in vielen Untergrund- und Avantgardeszenen. Eine großartige Camouflage. Daran denke ich, wenn ich sage: Die Strokes könnten vom Geheimdienst gegründet worden sein. Ich will keine Paranoia kultivieren. Ich gehe immer zuerst von der großen Macht der Kunst aus, um dann besser zu verstehen, was die aktuellen Strategien der herrschenden Klasse sind und wie sie angewendet werden. Natürlich ist es lächerlich, hinter allem die CIA zu vermuten. Aber an dritter oder vierter Stelle der Analyse muss man eben auch die Operationen der Geheimdienste berücksichtigen.

Wie verortet sich Weird War in dieser Situation? Es scheint, dass es nicht mehr viel Platz für eure Interventionen gibt, jedenfalls weniger als zu Zeiten von The Make Up.

Das stimmt. Es ist schwieriger geworden. Was ist unsere Szene? Ich weiß es nicht, alles scheint zersplittert. Es gibt befreundete Bands, befreundete Veranstalter, aber es ist keine Szene mehr. Eine Tatsache ist: Musik und Haltung sind heute kommerzieller und viel weniger politisch, zumindest in meinem Umfeld. Rock war immer auf einer Mission, immer sollte die Welt verändert werden. Rock hatte eine große Botschaft, und die ist offensichtlich verloren gegangen. Rock wird bedeutungslos, Konzerte zu leeren Ritualen. Immer häufiger gehe ich zu Shows und frage mich, was das soll. Was ist die Bedeutung dieses Rituals? Und was bedeutet es für die Zuschauer? Keine Ahnung. Es ist eine sehr merkwürdige Situation zur Zeit. Darauf versuchen wir zu reagieren.

text und interview: felix klopotek