18.05.2005

Völkerverständigung auf der Kirmes

raucherecke

Streng genommen ist Tempelhof-Mariendorf der unauffälligste Stadtteil Berlins, der es deswegen auch lediglich zwei Mal im Jahr ins Lokalfernsehen schafft. Einmal, wenn die örtliche Jugoslawen-Mafia wieder einmal einen ganz besonders bescheuerten Kunstraub durchgezogen hat; der letzte endete damit, dass sie das gestohlene Bild in Einzelteilen an die Polizei schickte, die daraufhin, wie immer, die Gersdorfstraße umstellte und die mutmaßlichen Täter verhaftete.

Die zweite Gelegenheit ist der Mariendorfer Kulturlustgarten, eine euphemistische Umschreibung der lokalen Kirmes mit Unmengen Fressbuden, einem altersschwachen Karussell, schrecklichen Alleinunterhaltern und örtlichen Rockbands. Und einem Polizeiaufgebot, das nur unwesentlich kleiner ist als das in Kreuzberg am 1. Mai. Denn an jedem Abend endet die dreitägige Veranstaltung mit einer Massenschlägerei zwischen deutschen Jugendlichen auf der einen und russischen und arabischen Jungs auf der anderen Seite.

Was ist das eigentlich für eine Veranstaltung? Eine, auf der Ein-Mann-Bands zwischen endlosen Songs von Elvis Lustiges à la »Was heißt ›onanieren‹ auf türkisch? Rübbel die Gürk!« darbieten und es bei original deutschem Met richtig doll viele Teutonen-Prolls anzuschauen gibt, die sich mit einschlägigem Blick durch die Menge bulldozern und immer mal wieder Bemerkungen wie »Hey Igor, hör auf, meine Frau so anzuschauen« fallenlassen. Was Igor in aller Regel sehr verwirrt, denn zum einen hat er die blondgefärbte, recht übergewichtige Schnalle in dem äußerst unvorteilhaften rosa-beigen Ensemble nur mit einem gewissen fassungslosen Entsetzen kurz gemustert, zum anderen sollte eigentlich klar sein, dass jemand, der einen Zwillingskinderwagen vor sich her schiebt, nicht darauf aus ist, sein Leben mit einer weiteren Frau zu komplizieren.

Nur wenige Stunden später ist es dann so weit: Die Jugend übernimmt den Ort des Geschehens und macht sich daran, sich im Volkspark Mariendorf zu verhauen. In aller Regel gewinnt die russische und arabische Gruppe, obwohl die Deutschen in diesem Jahr erstmals durch recht haarlose Gestalten aus dem angrenzenden östlichen Umland Verstärkung erhielten. Wem im nächsten Mai nach körperlichen Auseinandersetzungen ist, der sollte nach Anbruch der Dunkelheit unbedingt zum Kulturlustgarten kommen. Die russischen Jungs können ein paar Mann mehr sicher gut gebrauchen.

elke wittich