Der letzte Punk der US-Literatur ist tot. Erst vor wenigen Tagen wurde bekannt, dass sich Tristan Egolf vor gut drei Wochen im Alter von 33 Jahren in Lancaster, Pennsylvania, das Leben nahm. Er soll seit geraumer Zeit unter starken Depressionen gelitten haben. Der von Psychiatern bei Depressionen gern gegebene Rat, Aufregung und Chaos zu vermeiden und das Leben neu zu ordnen, dürfte bei Egolf wenig hilfreich gewesen sein. Mit ihm starb der Schöpfer der totalen Unordnung. Im Vergleich zu seinem Debütroman »Monument für John Kaltenbrunner« wirkt jedes anarchistische Traktat so brav wie ein christlicher Kalender.
Der Protagonist des Romans, John Kaltenbrunner, der unübersehbar autobiografische Züge hat, wächst auf einer heruntergekommenen Farm in Baker auf, einem hinterwäldlerischen Nest in der tiefsten Provinz. Als der Vater ermordet wird und die kranke Mutter in die Fänge methodistischer Frömmlerinnen gerät, zerstört John die gesamte Farm, landet im Gefängnis und wird zu sechs Jahren Arbeitsdienst verurteilt. Nach seiner Entlassung kehrt er nach Baker zurück, wo er innerhalb kurzer Zeit einen Streik der Müllabfuhr organisiert, der die Kleinstadt in Schutt und Asche legt. Nie zuvor war ein Arbeitskampf in der Literatur so unterhaltsam.
Auch Egolfs zweiter, vor zwei Jahren auf Deutsch erschienener Roman »Ich und Louise« enthält wunderschöne Momente von Unordnung und Subversion. Aber an sein erstes Buch reicht er bei weitem nicht heran. Dieses Monument eines schönen, verlotterten Lebens für die absolute Zerstörung der Ordnung hat uns Tristan Egolf hinterlassen.
maik söhler
Tristan Egolf: Monument für John Kaltenbrunner. Suhrkamp, FfM 2000, 528 S., 12 Euro