Weiße Tischtücher sind auf weißen Plastiktischen drapiert, an welche die Menschen sich hilflos anlehnen. Stühle gibt es nicht. Die SPD beabsichtigt wohl, eine gelöste Stimmung unter den Gästen zu erzwingen. »Pop meets Politics«, lautet der Titel der Veranstaltung im Willy-Brandt-Haus, und unter den Podiumsteilnehmern finden sich die Kulturbetriebsnudeln, von denen man insgeheim hoffte, sie nie wieder zu hören, etwa die Schlagersängerin Ulla Meinecke und der Unternehmer Tim Renner. Mit Pop, das wusste man, haben die Sozialdemokraten so viel zu tun wie eine Wurststulle mit einem Champagnerkübel voll Kokain.
Der Vorsitzende der SPD, Franz Müntefering, entert das Podium. Die SPD wolle »Kontakt halten« zur Kunst und zu »jungen Menschen«, erläutert er. But dead men can’t dance. Den Kontakt zu mir hat er, der lebende Leitzordner, schon verloren. Die Worte »Fortschritt«, »innovativ«, »zukunftsfähig«, »Erneuerung«, »Zusammenhalt« dringen zu mir durch wie in einer Endlosschleife. Die angekündigte Diskussion über Popmusik hat noch gar nicht begonnen, da ist man schon deprimiert.
Dann schwatzen die anderen. Dieter Gorny nennt Kunst »creative industries«. Jörg Tauss, der medienpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, trägt ein grellrotes T-Shirt unter seinem weißen Oberhemd. Offenbar glaubt er, locker zu wirken. Er sei froh, über die Radionächte »mit ausschließlich deutscher Musik«. Wenn der Mann »Rogg« und »Bobbmussich« sagt, ahnt man, dass er nicht im Geringsten weiß, worum es sich dabei handelt. Was Popmusik in Deutschland ist, erklärt ein »Executive Producer« vom Idiotensender RTL. Sie sei ein »emotionales Produkt«, das die »breitestmögliche Masse ansprechen« müsse.
Schließlich betritt ein biederer Mann von einem Versicherungskonzern, der die Veranstaltung gesponsert hat, die Bühne und bekräftigt in seifigem Tonfall, wie sehr auch seiner Firma seit je die »Rock- und Popmusik« am Herzen liege (»John Lennon war Rebell und Romantiker«). Deshalb werde zum Ausklang des Abends die junge, preisgekrönte Band »Schrottfisch« aufspielen. Woraufhin Müntefering mit seinen Leibwächtern so rasch das Gebäude verlässt, als wisse er, was jetzt kommt.
Die betulichen Streber von »Schrottfisch« spielen daraufhin einen von jeder Originalität befreiten Schweinerock mit Herzschmerzlyrik, der so subversiv daherkommt wie ein Spülschwamm: »Ich wäre Frontenlegionär / Wenn es so weit wär’«, singt der Gitarrist. Na, da ist er bei der SPD ja richtig.
thomas blum