Mein Leben in Rosarot

Nichts ist schöner als der Transgender-Pop von Antony & The Jonsons. von ulrich kriest

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Candy says, I’ve come to hate my body / And all it requires in this world.« Haben dieser Song, »Candy Says« von The Velvet Underground, und sein Autor Lou Reed all die Jahre auf Antony Hegarty gewartet? Auf die Frage, wie er seinen Mentor Reed kennengelernt habe, spricht er zunächst von Marc Almond. Der hatte als Marc & The Mambas 1982 Reeds Song »Caroline Says« gecovert. »Dieser Song hat mein Leben von Grund auf umgekrempelt. Seine Bilder haben meine Arbeit über Jahre beeinflusst«, sagt Antony Hegarty im Gespräch.

Beim Schorndorfer Konzert am Freitag sparte sich Antony dann aber doch »Candy Says« für die Zugabe eines zutiefst beeindruckenden Konzerts auf, und seine wirklich hinreißende Version schien auch einen neuen Blick auf Lou Reed, besser: auf dessen Sentiment zu ermöglichen. Im Original war es jedoch nicht Reed, der diesen Song sang, sondern Doug Yule. Reed hat einmal davon gesprochen, dass die perfekte Reinheit von Yules Gesang nichts mit »Singing«, sondern vielmehr mit »Being« zu tun habe. Auch bei Antony ging es um das »Being«.

Wie aber konnte es überhaupt zu dem Phänomen Antony & The Jonsons kommen? Da inszenieren Musikindustrie und ihr publizistischer Arm einen Hype nach dem anderen, wahlweise ausgebrannte Bands wie U2, Oasis oder Coldplay oder irgendeine neue Retroband, die den Plattenschrank der Eltern durchwühlt hat.

Und schon schreiben wir wieder 1975, nur eben in reverse: Das Establishment ist alternative oder spielt Retro-Post-Punk, während die kreative Gegenbewegung sich im Folk- und Singer/Songwriter-Outfit tummelt. Was zumindest hierzulande Rufus Wainwright, Coco Rosie, Antony and The Jonsons und (am Rande) auch Animal Collective eint, ist die Geschichte ihrer Promotion. Diese ging zögerlich, aber vor allem jenseits der meinungsbildenden Musikmagazine vor sich: Die Alben all dieser Bands kursierten unter ein paar Eingeweihten, wurden weiter empfohlen, bevor dann die Feuilletons zu schwärmen anfingen.

Tourpläne und Zuständigkeiten für diese Platten änderten sich fortan im Monatstakt, es ist fast schon ein Wunder, dass Wainwrights aktuelles Album »Want Two« hierzulande überhaupt vertrieben wird. Antony kann da nur müde lächeln; er schwimmt auf einer Welle der Anerkennung. Jüngst postulierte die SZ, er sei »die derzeit aufregendste Figur im internationalen Pop«. Sarkastisch beurteilt Antony die Situation: »Klar, die Anerkennung jetzt tut gut. Gerade, wenn man wie ich das Gegenteil erlebt hat. Damals machte ich ein Album und erntete dafür ein Schulterklopfen, das auch als Achselzucken durchgegangen wäre.« Sein »blaues Album« entstand bereits 1997/98, wurde aber erst im Jahr 2000 veröffentlicht und ging völlig unter. Obwohl es sich nicht so sehr von seinem aktuellen Album unterscheidet, vielleicht etwas verspielter und burlesker im Ton ist. Doch es befinden sich bereits dort überlebensgroße Songs wie »The Atrocities«, in dem Gott sein Werk betrachtet und sich angesichts der verlorenen Seelen mit blutendem Herzen eine Träne nicht verkneifen kann.

Antony zelebriert seine Songs – kammermusikalisch raffiniert arrangiert, live ohne Schlagzeuger – mit einer mutigen Mischung aus Pathos und Zerbrechlichkeit. Seine empfindsamen Nummern erzählen von Einsamkeit und Sehnsucht auf einer so fundamentalen Ebene, dass man unwillkürlich an die großen Soulsänger denken muss. Auf seinem Konzert covert er dann neben Stücken von Moondog, Leonard Cohen und Lou Reed auch Donny Hathaways »The Dream«.

Antony – ein Soulsänger mit einem Faible für das europäische Kunstlied? Er antwortet auf die Frage mit großer Ernsthaftigkeit: »Die Arrangements stammen von den Musikern, mit denen ich arbeite. Rufus (Wainwright) kennt sich bei klassischer Musik sehr gut aus. Ich bin viel mehr von Popmusik beeinflusst. Und von Soulmusik, von Otis Redding, David Ruffin oder Jimmy Scott. Soul-Sänger inspirieren mich.«

Antony ist ein eigentümlicher Sänger. »Hope There’s Someone«, der Eröffnungssong seines aktuellen Albums »I am a bird now«, trifft die Hörer mit voller Wucht. Er ist ein schmerzhafter Song über die Angst vor der Einsamkeit angesichts von Todesahnungen, vorgetragen mit brüchiger, zwischen den Tonlagen changierender Stimme, die wahlweise an Klaus Nomi, den jungen Bryan Ferry, Stuart Staples oder insbesondere Nina Simone denken lässt. Keine Verzweiflung ist spürbar, sondern nur eine unendliche Traurigkeit, stets auf der Kippe zum Verstummen.

Antony Hegarty, geboren um 1970 in Sussex, verliebte sich als Kind in die Musik von Kate Bush, Boy George, Alison Moyet und Marc Almond. Dann kam es zu den bereits angesprochenen Begegnungen mit »Caroline« und »Candy« und »Transformer«, dem bahnbrechenden Album von Lou Reed. Antony besingt diese Zeit so: »One Day I Grow Up I’ll be a wonderful woman / One day I grow up I’ll be a wonderful girl / But for today I am a child / But for today I am a boy.« Antony, das sollte man wissen, ist ein Transgender-Popstar.

Sein Weg führte ihn dann nach New York, wo er Mitglied der radikalen Performance-Truppe »Blacklips« wurde, die mit kontroversen Performances auf Aids reagierte. »Naja, wir haben blutige Leber auf die Bühne geworfen und dazu Liebeslieder gesungen. So haben wir auf Aids reagiert.«

»I am a bird now« ist erst sein zweites Album, auf dem unter anderem Boy George und Lou Reed mitwirken. Ist es nicht riskant, wenn man sich derart mit Promis umgibt? Seine blitzschnelle Antwort lautet: »Warum? Weil ich nicht den Solo-Star gebe? Die Leute haben verstanden, aus welchem Geist dieses Album entstanden ist. Es ist eine kollektive Platte, weil sich das Album auch inhaltlich mit der Community beschäftigt. Die Präsenz dieser Künstler verkörpert diese Szene.«

Mit seinen Alben legt Antony eine Spur zurück in die späten sechziger und frühen siebziger Jahre, zu Warhol, den Stonewall Riots von 1969, den Anfängen des Gay Liberation Movement und der Queer Culture von damals.

»Für einen Europäer mag das alles wie Geschichte rüberkommen«, sagt er, »aber für mich ist das die Umgebung, in der ich mich bewege. Mit dem Album wollte ich eine kollektive Stimme und eine persönliche Stimme zusammenführen. Dadurch, dass so viele Künstler daran mitgearbeitet haben, ließ sich diese Idee realisieren. Das fängt bei dem Foto von Candy Darling auf dem Plattencover an, das mein Lieblingskünstler Peter Hujar gemacht hat, und geht über die Gastsänger und Musiker bis hin zu den Arrangeuren.«

Zehn fragile, aber auch ekstatische Songs erzählen auf seinem Album von Transgender-Fantasien, vom Gefangensein und von Sehnsucht nach Freiheit und Vergebung, von Einsamkeit und Transformationsängsten. Antony singt vom Schmerz, von der Schuld und Schande, die er damals empfand. Sein Leben wurde von der Musik gerettet, von Lou Reed und von Boy George, der einst wie ein Engel erschien und ihm den Weg wies. Als er nun Boy George für seinen Song »You are my sister« ins Studio einlud, sind die Erinnerungen an damals zurückgekommen. »Als wir fertig waren und Boy George abreiste, habe ich tagelang nur noch geheult.«