Niemand kennt seinen Nachbarn
Werden Sie von Journalisten noch immer nach Ihrem berühmten Vater, Teddy Kollek, gefragt? Inwiefern hat sein Leben Einfluss auf Sie als Künstler gehabt?
Die Leute befragten mich stets über meinen Vater, etwa bis zu der Zeit, als ich den Film »Sue« drehte. Nicht mehr aber so sehr in den letzten paar Jahren.
Auch weil mein Vater seit Jahren nicht mehr Bürgermeister ist.
Insbesondere all die jüngeren Leute in Europa stellen diese Verbindung zu meinem Vater gar nicht her. Aber natürlich ist das oft ein Thema. In meinen frühen Jahren als Künstler, vor allem in Israel, war es immer so, dass die Leute eine Verbindungslinie zu meinem Vater gezogen haben.
Ihre zweite Frage ist schwerer zu beantworten. Mein Vater war durch und durch ein Mensch, der sein Leben der Öffentlichkeit, der Arbeit für Israel oder Jerusalem widmete. Meine Filme hingegen hatten meist andere Themen. Natürlich ist man auf die eine oder andere Weise immer von seinen Eltern beeinflusst, doch weder meine Mutter noch mein Vater sind wirklich movie people, sie orientierten sich an ganz anderen Dingen.
Man könnte sagen, sie führten ein politisches Leben?
Nicht nur politisch. Sie sind in Österreich, in Wien, geboren, und sie kamen nach Israel, bevor das Land Israel hieß, als es noch unter britischer Verwaltung war. Ich würde nicht sagen, dass meine Eltern zu jener Zeit vernarrt in Politik waren, aber es war ihnen wichtig, sich in Israel niederzulassen. Sie waren überhaupt nicht an Kunst interessiert, dafür hatten sie gar keine Zeit, und es fehlte ihnen auch die Neigung. Dann arbeitete mein Vater mit David-Ben Gurion zusammen, dann wurde er Bürgermeister von Jerusalem, ein Amt, das er 28 Jahre lang bekleidete.
Wir besuchten zwar Museen, und es gab bestimmte Aspekte an der Kunst, mit welchen meine Mutter und mehr noch mein Vater sich beschäftigten. Mein Vater war daran mehr interessiert als meine Mutter. Er führte mich ein in die Klassik, in die Museen usw. Aber an Filmen hatten sie gar kein Interesse. Es gab niemals wirklich Gespräche zuhause über diese Gegenstände, es ging meist um Israel und Jerusalem. Aber Sie wissen ja, Gottes Wege sind unergründlich, also weiß ich nicht, auf welche Weise Eltern ihre Kinder beeinflussen. Manchmal ist es das, was sie tun, oder es ist das, was sie nicht tun. Wer weiß das schon? Ich weiß es nicht. Jedenfalls haben sie mich nicht direkt beeinflusst.
Zuerst waren Sie Schriftsteller und haben Romane geschrieben. Wie kam es, dass Sie sich entschieden haben, Filmemacher zu werden?
Nein, so war das nicht. Ich entschloss mich zu schreiben, und ich hatte großes Interesse an Filmen. Und ich schrieb an etwas, von dem mir nicht genau klar war, was es war, aber ich dachte, es könne wohl so etwas wie ein Roman sein. Ich hatte gerade angefangen, etwas zu schreiben, und ich traf einen sehr bekannten US-amerikanischen Filmproduzenten, der nach Israel kam. Sein Name war Ray Stark, er produzierte »Funny Girl« und »Funny Lady«, Barbara Streisands Filme, viele große Filme.
Ich traf ihn zuhause, er war zu Besuch bei meinem Vater, und irgendwie kam es dazu, dass ich mit ihm darüber, was ich gerade schrieb, gesprochen habe. Es war unmittelbar nach dem Sechstagekrieg. Das Manuskript war ein bisschen autobiografisch, bis zu einem gewissen Grad. Ich habe ihm davon erzählt, woraufhin er sagte, das klinge wie ein Hollywoodfilm. »Warum schreibst du keine Zusammenfassung?« fragte er mich.
Ich schrieb noch in derselben Nacht die Zusammenfassung für ihn, denn er reiste am nächsten Morgen ab, und er gab mir einen Scheck dafür. Was mich schockte, denn ich war an dergleichen nicht gewöhnt.
»Schreib mir ein Treatment«, sagte er dann, und er bezahlte mir auch das Treatment.
Ich schrieb daraufhin das, was später mein erster Roman werden sollte. Ich dachte, er würde daraus einen Hollywoodfilm machen, aber dann ließ er es fallen. Ich war zu jener Zeit 22 Jahre alt und ich hatte keine Ahnung von irgendwas, ich hatte gerade meinen Wehrdienst beendet, und ich korrespondierte mit ihm, und dann ließ er die ganze Sache plötzlich fallen. Ich schrieb etwas und dachte, ich könne dann in Hollywood sein, und dann geschah es nicht (lacht). Also schrieb ich das Manuskript zu einem Roman um und gab es Ray Starks Partner, der ein Literaturagent war, und in New York fand man dann einen Verleger dafür.
Obwohl es ja so anfing, dass es ein Film werden sollte.
Es lief damals ziemlich gut für mich. Schriftsteller zu werden, schien mir ein leichter Weg zu sein, um Geld zu verdienen.
Sie entschlossen sich dann aber später, Ihre eigenen Filme zu machen.
Ich wollte von Anfang an Filme machen, aber ich wusste nicht genau, wie man das anfängt. Mit Filmen ist es ja nicht so wie mit Büchern. Man braucht viel Geld. Man kann sich hinsetzen und ein Buch oder ein Script schreiben, aber man braucht eine Million Dollar, um einen Film daraus zu machen. Ich brauchte eine Weile dazu, den Versuch zu unternehmen, Filme zu drehen. Das war sechs oder sieben Jahre später. Den ersten Film inszenierte ich nicht, aber ich spielte eine Rolle darin und schrieb das Drehbuch und koproduzierte ihn. Beim zweiten Film, an dem ich beteiligt war, führte ich Regie. Bis zu den Neunzigern schrieb ich mehr, als Filme zu drehen.
Den ersten Ihrer Filme, den ein größeres Publikum hier in Deutschland zur Kenntnis genommen hat, war Ihr Film »Sue« von 1997. Danach entstanden weitere – ich nenne die Filme einmal so – »Frauenporträts«. Ihre Arbeit wird hier in Europa von Kritikern sehr geschätzt. Könnte man sagen, Sie machen kleine, realistische Filme? So wie ich Ihre Filme sehe, gibt es in ihnen eine sehr spezielle Handschrift, ein besondere, sehr eigenständige Form. »Sue« beispielsweise ist ein finsterer, sehr negativer Film über Menschen in der Großstadt. Könnten Sie das Wesen Ihrer Filme genauer beschreiben?
Ja, ich würde sagen, ich habe Seiten, die sowohl in meinen Filmen als auch im normalen Alltagsleben eine Rolle spielen. Ich denke, ich reagiere auf eine Menge deprimierende Dinge, zum Beispiel Einsamkeit, auf eine dunkle Art.
Ein Charakter wie Sue reflektiert meine eigenen Gefühle. Manchmal wähle ich eine Frau als Hauptfigur anstatt eines Mannes, um irgendetwas, bestimmte Gefühle, ein wenig von mir selbst wegzurücken. Aber es sind meine eigenen Gefühle über die Angst vor der Einsamkeit oder über all die Dinge, die in einer Großstadt passieren können, wenn eine Person völlig verloren geht.
Und ich machte einige Filme, die in einem gewissen Maß von diesem Aspekt beeinflusst sind, aber in all diesen Filmen gibt es auch einen weiteren Aspekt, eine gewisse Art von Humor, den es auch in »Sue« gibt. Ich drehte auch Filme, die mehr in diese humorvolle Richtung gingen, wie beispielsweise »Fast Food, fast Women«, der aber auch das Thema Einsamkeit behandelt. Was die spezielle Handschrift angeht: Ich habe stets versucht, einen Film zu machen über ein Thema, das ich machen wollte, oder über etwas, das mit meinen Gefühlen zu tun hatte, das ist im Grunde alles. Ob sie alle eine ganz bestimmte Form haben oder nicht, weiß ich nicht.
Ich dachte dabei an ganz bestimmte Szenen. In Ihrem Film »Sue« sitzt die Protagonistin, eine kluge und elegante Frau, am Ende ohne Freunde, arbeitslos und obdachlos auf einer Parkbank in New York. Es ist ein sehr trauriger, man muss ja beinahe sagen, deprimierender Film.
Sehr deprimierend sogar.
Filme wie »Sue« oder »Fiona« geben dem Zuschauer kein Glücksversprechen, sie haben kein Happy End. Sie möchten also, dass die Filme traurig und, wenn man so will, »realistisch« enden?
Genau. Es gibt zweierlei: Ich denke, ich kannte Frauen, die bis zu einem gewissen Grad so waren wie die Figur der Sue. Zwar nicht ganz so extrem, und sie sind auch nicht unbedingt gestorben. Als ich »Sue« drehen wollte, versuchte ich, Geld für den Film zusammenzubekommen. Und es gab ein paar Leute, die sagten, sie seien möglicherweise an dem Film interessiert, wenn ich ein Happy Ending dafür hätte.
Sie sagten: »Okay, es ist eine beeindruckende Story, aber am Ende musst du eine Botschaft zurücklassen. Dass es Hoffnung gibt, dass es irgendetwas gibt. Aber lass’ sie nicht einfach da auf der Parkbank sitzen. Lass’ ihren Freund zurückkommen, der sie dann abholt, und dann macht sie ihre Augen auf usw.« Naja, Sie wissen schon.
Und ich wollte das wirklich nicht so machen, weil ich dachte: Nein, das kann einem Menschen wirklich passieren. In anderen Worten: Der Film könnte auch glücklich ausgehen, vielleicht passiert auch so etwas einmal, aber das war nicht das, was ich für die Wahrheit hielt.
Ursprünglich sollte der Film »Dying in New York« (Sterben in New York) heißen, das war der Arbeitstitel. Und ich ging zu ein paar Leuten, und sie sagten: »›Dying in New York‹. Wir möchten in diesen Film nicht investieren. Was für eine Geschäftsidee, die Leute zu deprimieren!« Aber das Script war nun mal eine traurige Geschichte.
Einige Jahre später, als ich dann »Fast Food, fast Women« drehte, ging es mir auch besser: Ich hatte ein paar erfolgreiche Filme gemacht, ich habe zwei Töchter, die ich wirklich liebe, und meine Frau usw.
Ich machte zwei oder drei Filme, die ein fröhlicheres Lebensgefühl vermittelten, weil das auch etwas war, das ich zu der Zeit fühlte. Aber ich habe niemals versucht, mir vorzuschreiben, dass es unbedingt ein Happy Ending oder ein Sad Ending sein müsse. Es geht mir darum, wovon die Geschichte handelt.
Die Einsamkeit, diese ganze Sache … Was schützt uns in diesem Leben davor, immer mehr hinabzugleiten in ein schreckliches Schicksal?
Wissen Sie, ich kenne eine Menge Leute. Und ich denke, einige Menschen führen ein normales, perfektes Leben. Manchmal jedoch gibt es eine kleine Wendung, die ihr Leben ein wenig verändert, und dann finden sie keinen Anschluss mehr an ihr vorheriges Leben. Sie werden einsam, und eine Sache führt zur nächsten usw. Und plötzlich treffen Sie diese Leute dann ein Jahr später, und sie haben kein Geld, keine Freunde, keine Familie mehr. Sie sind bereit, Selbstmord zu begehen. Oder wenn sie noch nicht so weit sind, stehen sie zumindest kurz davor oder sind nur einen Schritt vor der totalen Selbstzerstörung. Und ich kenne solche Menschen derzeit, denn ich lebe die meiste Zeit in New York. Ich wohne immer in einer Stadt, ich kenne die Stadtmenschen. Ich bin nicht sicher, ob dergleichen auch in kleineren Orten passiert.
Es hat mich sehr mitgenommen, als ich das erste Mal aus Israel nach New York kam. Denn wenn Sie in Israel in ein Apartment einziehen, kennen Sie innerhalb von zwei Stunden alle Ihre Nachbarn. In New York dagegen habe ich zu verschiedenen Gelegenheiten an vielen verschiedenen Orten gelebt, und ich kannte nie auch nur irgendjemanden im ganzen Gebäude. Selbst wenn ich dort zwei oder drei Jahre lang wohnte, kannte ich noch nicht einmal meine unmittelbaren Nachbarn. Niemand kennt seinen Nachbarn. Manchmal sehen Sie einen Menschen und begreifen dann, dass es sich um Ihren Nachbarn handelt, denn Sie wohnen hier schon ein paar Monate und haben ihn einige Male gesehen, und vielleicht grüßen Sie sich dann.
In Israel werden Sie gefragt: »Möchten Sie Tee oder Kaffee? Sind Sie verheiratet, wo sind Ihre Kinder?« Und die Leute fragen dies und jenes…
In New York ist es das exakte Gegenteil. Dort können sie sterben. Und niemand kümmert sich darum. »Okay, er ist tot, was soll’s schon?« Es gibt sehr viel Isolation dort.
Es klingt beinahe nach dem Drehbuch von »Sue«.
Ja, das ist, was ich sage. Es hat mich sehr mitgenommen in New York. Sie kennen niemanden dort. Es fühlt sich an wie die größte Stadt der Welt, und alles ist sehr verdichtet. Es gibt tausend Menschen in einem Gebäude, und Sie kennen nicht einen davon, nicht einen einzigen. Wenn ich das Bedürfnis habe, nach einer Tasse Kaffee oder einem Aspirin zu fragen, kann ich das nicht tun. Sie könnten das tun, aber man kommt sich verrückt vor dabei.
interview: thomas blum
In der nächsten Ausgabe erscheint der zweite Teil des Gesprächs, an dem auch die Schauspielerin Anna Thomson teilnimmt.