Was muss das für ein Krach gewesen sein! Damals im November 1989 in der Normannenstraße. Als draußen die empörten Bürger und Geheimdienstler aus aller Welt darauf warteten, die heiligen Hallen der Stasi zu stürmen. Da standen die aufrechten Kämpfer der guten alten DDR an den elektrischen Aktenvernichtern und ließen die Geräte heißlaufen. Tagelang, rund um die Uhr, schredderte man Akten, soviel es ging, bis ein Apparat nach dem anderen den Geist aufgab. Das war die »Aktion Reißwolf«, die in manchen MfS-Außenstellen noch wochenlang weiterging.
Wir haben inzwischen einen Eindruck davon, was die armen Herren von der Stasi erleiden mussten in diesen Tagen. Grrrrrrr, macht es auch hier in der Bergmannstraße inzwischen. Denn der Herr Geschäftsführer hat sich, der prekären Finanzlage zum Trotz, einen Aktenvernichter angeschafft. Die Faszination für dieses eigentlich völlig anachronistische Gerät war in den ersten Tagen derart groß, dass so ziemlich alles in seinem gefräßigen Schlitz landete, was nicht niet- und nagelfest war.
Doch wie immer, wenn der Herr Geschäftsführer eine außerplanmäßige Ausgabe tätigt, fehlt es nicht an Skepsis. Was hat er denn so Wichtiges zu vernichten, was wir nicht in die Hände bekommen sollen? Und haben wir, die einfachen Redakteurinnen und Redakteure, es etwa nicht mit bedeutendem Material zu tun? Sind unsere Angelegenheiten etwa weniger wichtig, weniger heiß?
Und überhaupt, während unsereins zusehends verarmt, kann sich der Betrieb eine solche Anschaffung leisten, ohne die wir schließlich bisher auch ganz gut ausgekommen sind? Schnell geht das Gerücht, dass der Apparat 300 Euro gekostet haben soll. Und wenn so ein Gerücht erstmal die Runde macht, dann hilft es wenig, dass der Geschäftsführer immer wieder erklärt, das Ding habe er für 9,90 bei Rossmann erstanden. Obwohl der Augenschein unseres Reißwölfchens dies tatsächlich nahe legt. Drückt man auf den »Rev«-Knopf kommt das Papier wieder heraus, in Streifen, die man nur zusammenzukleben braucht.
Aber es geht wie so oft im Leben um die Geste. Und da ist es schon ein leicht berauschendes Gefühl, ein Blatt Papier für immer über den Jordan zu schicken. Da spürt man plötzlich in den von Druckerschwärze gezeichneten Büroarbeiterfingern den Hauch der Macht. Dass der Herr Geschäftsführer an jenem Tag gegen alle seine Gewohnheiten auch noch in einem weißen Hemd erschien, vervollkommnete das Bild. Wir warten nun darauf, dass er sich Ärmelschoner zulegt. Und sobald er aus dem Haus ist, werfen wir seinen Schredder an, und machen unsere eigene Aktion Reißwolf. Früher wollten wir immer einen Kicker. Aber so geht es natürlich auch.