17.08.2005

Merkel-Mobbing

the final countdown von rainer trampert

Als der brandenburgische Innenminister, Jörg Schönbohm (CDU), den Ostdeutschen eine Neigung zum Kindermord attestierte, galt das noch als bekloppt. Als Baden-Württembergs Ministerpräsident, Günther Oetting (CDU), das Land nicht den »Mutlosen im Osten« überlassen wollte, wurde man hellhörig. Seit Edmund Stoiber (CSU) pausenlos den »Frustrierten im Osten« das Recht abspricht, über »das Schicksal Deutschlands« zu bestimmen, erkennt man die Methode. Es geht bereits um die Zukunft Deutschlands, die durch die Alimentierung seines Ostteils in Mitleidenschaft gezogen worden ist. Er verschlingt jedes Jahr über fünf Prozent des Sozialprodukts der weltmarktfähigen Regionen, verharrt aber unter Italiens Armenhaus, dem Mezzogiorno.

Dass sie dort falsch wählen wollen, ist ein weiteres Ärgernis. Viele Ostler träumten davon, erstklassige Deutsche zu werden, wachten aber als drittklassige auf. Da reicherten sie den deutschen mit einem ostdeutschen Patriotismus an. Stoibers Mutmaßung, sie würden wie dumme Kälber ihre Metzger selber wählen, weil sie halt nicht so klug wie die Bayern seien, sollte Gerhard Polt klären, denn Angela Merkels Rechtfertigung, sie nähmen »nahezu jede Arbeit an«, könnte zu Stoibers Gunsten ausgelegt werden.

Das alleine ist es aber nicht. Stoiber plagen Ost- und Frauenkomplexe. Im Jahr 2002 wurde er vor der Ziellinie abgefangen, weil Gerhard Schröder sich in der Pose des Deichgrafen Hauke Haien in den Wind stellte und die Entsendung deutscher Truppen, die niemand angefordert hatte, ablehnte. Vor allem Ostdeutsche hätten ihm die Inszenierung abgenommen, hieß es. Als die Union ihm auch noch die Frau aus dem Osten vorzog, nannte Stoiber das Duo »Merkel-Westerwelle« verbittert »Leichtmatrosen«, die den Kontrahenten das Wasser nicht reichen könnten. Sein Verdruss ist verständlich. Nie war es leichter, Kanzler zu werden, und da soll die unter Wählern, Medienmännern und diversen Ministerpräsidenten der Union gleichermaßen unbeliebte Frau das Rennen machen?

Nun wollen die meisten wieder Kumpel Schröder als Kanzler, dem die SPD jedoch wie eine Sträflingskugel am Fuß hängt. Merkels Sympathiekurve zeigt abwärts. Die Wirtschaft schilt ihre Feigheit, und für andere hat sich »Kohls Mädchen« in eine Hexe verwandelt. Man bestaunt ihre diabolische Kraft und sammelt Reisig für den Scheiterhaufen. Bei Kohl und Schröder war es die hohe Schule der Politik, bei Merkel findet der Spiegel es »unheimlich«, wie sie »Kohl und Schäuble erledigte«. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung meint: »Ihre Sammlung von Skalps kann sich sehen lassen.« Sie sei die »Mathematikerin der Macht« (Bunte), die »Physikerin der Macht« (stern), die »Chefin Gnadenlos« (Focus). »Ihr Lieblingsspiel ist Schiffe versenken« (»Tagesschau«).

Diese Männer mordende Frau soll die Nation regieren? Schnell setzte Stoiber ihre Stimmenmarke auf 45 Prozent. Sollte sie diese verfehlen, wird die Anti-Merkel-Front in der Union ihr Scheitern, das sie im Osten selber forciert, ausrufen. Ein Parteienforscher meint, Stoiber wolle sie dann als Kanzler einer großen Koalition beerben. Vielleicht ist das seine letzte Chance. Momentan sieht es eher danach aus, dass Merkel das nächste Alphamännchen gar nicht beseitigen muss, weil es ihr diese Arbeit abzunehmen scheint. Wer weiß, wie es ausgeht?

Rainer Trampert beobachtet für die Jungle World die letzten Wochen von Rot-Grün.