Deformation des Denkens

in die presse

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Er hätte den florierenden Handwerksbetrieb seines Vaters übernehmen können, bevorzugte aber die Null-Stunden-Woche und zog mit einer Gruppe langhaariger Unruhestifter umher. Die etablierten Autoritäten und die Familienbande verachtete er, doch auch für den nationalen Befreiungskampf konnte er sich nicht begeistern. Dennoch berufen sich Reaktionäre unverdrossen auf den antinationalen Religionskritiker Jesus von Nazareth, um ihren engstirnigen Lehren höhere Weihen zu geben.

So auch Henry Nitzsche, der CDU-Direktkandidat für den Wahlkreis Großenhain-Hoyerswerda-Kamenz. Sein diesjähriges Wahlkampfmotto lautet: »Arbeit, Familie, Vaterland«. Ein bewährter Slogan, den schon das Vichy-Regime in Frankreich benutzte, dass während des Zweiten Weltkriegs eng mit den deutschen Leistungsträgern kooperierte. Im vergangenen Jahr stand der Parteitag der NPD unter diesem Motto.

Nitzsche, der bereits 2003 der Jungen Freiheit erläutert hat, dass »weder Amerika noch die ›Vergangenheitsbewältigung‹ unser Souverän ist, sondern das deutsche Volk«, stört das nicht. Schützenhilfe erhält er vom ehemaligen sächsischen Ministerpräsidenten Kurt Biedenkopf (CDU), der bei den Kritikern Nitzsches eine »Deformation des Denkens« erkennt. Es habe einen »nationalsozialistischen Missbrauch« solcher Worte wie »Vaterland« gegeben, »aber wir müssen uns doch nicht über Generationen hinweg diesen Missbrauch vorhalten lassen«, sagte er der Leipziger Volkszeitung.

»Politisch unanständig« findet dagegen der stellvertretende SPD-Parteivorsitzende Wolfgang Thierse »diese Art der Anbiederung an die Sprache und Argumente der Neonazis«. Rätselhaft bleibt nicht nur, wo sich zwischen Arbeit, Familie und Vaterland die Argumente verstecken, sondern auch, was Thierse eigentlich inhaltlich gegen diese heilige Dreieinigkeit einzuwenden hat. Sollte es besser heißen: »Mehr Arbeit schaffen«, »Für eine moderne Familienpolitik« und »Vertrauen in Deutschland«, wie es die SPD propagiert?

jörn schulz