Franz Müntefering trat forsch an die Mikrofone, um die Kunde zu verbreiten, die SPD werde im Endspurt »ganz auf Gerhard Schröder setzen«; man wolle, »dass Frieden ist in der Welt«. Glückauf! Kaum war er abgetreten, schleppten fleißige Hausgeister die Skulptur »Non Violence«, einen kitschigen Western-Colt mit Knoten im Lauf, vor das Kanzleramt. Günther Grass stellte sich dazu und sprach, das Schießeisen sei »ein wichtiges Signal dafür«, dass Schröders Nein zum Irak-Krieg international gewürdigt werde, weshalb der Kanzler ein »Kandidat für den Friedensnobelpreis« sei. Augenblicklich enthüllte der Osloer dpa-Korrespondent, Schröder sei für den Friedensnobelpreis nominiert. Der Kanzler protzte: »Meine bescheidenen Beiträge zur Lösung von internationalen Konflikten werden dem Preis nicht gerecht«, und Münte brach am Rednerpult ohnmächtig zusammen.
Es kommt heute nicht darauf an, ob jemand das Theater durchschaut, sondern wie die ästhetische Bewertung ausfällt. In der grauen Reproduktion desselben blüht die Magie des Zauberers wieder auf. Was er treibt, ist unwahr, aber wie ist es ihm gelungen? Richard Wagners »Parsifal« ist ein germanenkultiges Blutswerk, also fragen alle belanglos: Wie war Schlingensiefs Aufführung? Müntes Stück war reife Tragikomik, brachte aber nur einen Punkt in der Sonntagsfrage ein, weil Geir Lundestadt vom norwegischen Nobel-Institut nicht mitspielte. Es gebe 199 Anmeldungen, sagte er, und: »Deutsche Politiker sind häufig Kandidaten, weil deutsche Abgeordnete beim Friedensnobelpreis zu den vorschlagsfreudigsten Parlamentariern der Welt gehören.«
Warum sind deutsche Politiker so versessen auf Friedensnobelpreise? Es ist ihre Nähe zur Eroberung und zum Krieg, der eine Erlösung sein soll. Schröder ließ Belgrad bombardieren, damit Deutschland sich »als gleichwertiges Mitglied in die Staatengemeinschaft zurückmeldet«. Für den Erlösungsmythos erfand Rudolf Scharping Serben, die Embryos auf dem Grill brieten, und Joschka Fischer verklärte den Einsatz zur Sühne für Auschwitz. Damals rief Grass: »Dieser Einsatz ist nötig … Bitte nicht aus falschen Gründen einknicken!« Zwei Jahre später sagte Scharping: »In 25 Jahren ist das Gas in der Nordsee alle, aber in der Region um Afghanistan und im Kaukasus ist alles vorhanden.« Also drängte man den USA deutsche Soldaten auf und sprach von der Rettung der afghanischen Frauen.
Schröder war gegen den Irak-Krieg, weil er am Machtblock gegen die USA bastelte und wusste, dass die USA dort deutsches Kapital hinauswerfen würden. Im Iran operieren über 400 deutsche Firmen. Deshalb ermahnt er die USA: »Nehmt die militärischen Optionen vom Tisch!« Das EU-Waffenembargo gegen China will er wiederum aufheben; da sieht er Chancen, die USA zu beerben. Alle Aktionen haben einen Nenner: neue deutsche Großmachtpolitik. Schröder dehne Deutschlands »wieder gewonnene Souveränität bis zum Äußersten«, schrieb der stern, »so risikobeladen, dass es als wichtigste Gegenmacht der Amerikaner wahrgenommen wird«.
Hinter dem Wahlkampfgag verbirgt sich das Bestreben, Gewissenlosigkeit in Moral zu kleiden. Ginge es nach den Deutschen, wäre Graf von Stauffenberg, der nichts gegen die Ermordung der Juden und den Krieg der verbrannten Erde hatte, erster Anwärter auf den Friedensnobelpreis – Glückauf!
Rainer Trampert beobachtet für die Jungle World die letzten Wochen von Rot-Grün.