31.08.2005

Kein Mensch ist illegal

Eine türkisch-deutsche Kurzgeschichte von Imran Ayata

Refik brütete schon den ganzen Tag vor dem Computer und kam nicht weiter. Er hatte genug von Programmierung. Jetzt ein kühles Bier, dachte er. Als Refik aus der Küche eine Flasche holen wollte, saß Maren dort mit einem Gast, den er zuvor noch nie gesehen hatte. Die beiden aßen vergnügt Spaghetti, was Refik leicht irritierte, weil seine Mitbewohnerin eigentlich nur Männer mit ihrem Lieblingsgericht bekochte, an denen sie interessiert war. Das konnte sich Refik bei diesem Mittdreißiger auf keinen Fall vorstellen. Er kannte ihren Geschmack, sie seinen.

Maren bat Refik, ihnen Gesellschaft zu leisten.

»Sag mal, hast du etwas dagegen, wenn er einige Tage bei uns bleibt?« fragte Maren einfühlsam und nickte in Richtung des Schnauzbartträgers.

»Schläft er bei dir?« gab sich Refik amüsiert.

»Ehrlich gesagt, ungern. Ich dachte, er könnte bei dir …«, antwortete Maren.

Nein. Nein. Neiiiiiin. Refik wollte definitiv mit niemandem sein Zimmer teilen, schon gar nicht mit einem, den er überhaupt nicht kannte.

»Schau, er ist ein politisch Verfolgter aus der Türkei und steckt in echten Schwierigkeiten. Wir müssen ihm helfen«, sagte Maren.

Nachdem Refik sich jahrelang in einem antirassistischen Projekt engagiert hatte, existierten in seinem Leben irgendwann nur noch Flüchtlinge. Das war nicht nur verdammt viel Arbeit, es kostete ihn zu viel Nerven. Vor drei Monaten hatte er dem Aktivismus abgeschworen. Und jetzt ein Flüchtling in ihrer Küche.

Refik überlegte nicht lange, packte hektisch einige Klamotten zusammen und wünschte Maren im Gehen eine gute Zeit mit Kein Mensch ist illegal, so hatte er in seiner Wut den neuen Gast getauft. Der rief ihm auf Türkisch nach, dass er alles andere als Umstände machen wolle. Er sei bedrückt, dass Refik jetzt einfach so verschwinde.

Refik seinerseits fand für zwei Wochen Asyl in einer anderen Wohngemeinschaft in Tübingen. Die Tage im provisorischen Zufluchtsort vergingen viel zu schnell. Refik hatte keine Lust, in seine Wohnung zurückzukehren. Hin und wieder hatte er Maren angerufen, um in Erfahrung zu bringen, ob wichtige Post für ihn angekommen und sonst alles in Ordnung sei. Nein, keine Post, sagte Maren und ließ Refik wissen, dass das Zusammenleben mit dem neuen Mitbewohner ganz hervorragend klappe.

»Das freut mich wirklich zu hören«, erwiderte Refik ironisch.

Um die Rückkehr in die WG hinauszuzögern, entschied sich Refik, in Urlaub zu fliegen. Seine Geschäfte liefen seit einigen Monaten prächtig. Nachdem Kein Mensch ist illegal nun aber seine Wohnung belagerte, konnte er auch einfach eine Reise machen. Als er beim Schlendern im Schaufenster eines Reisebüros ein günstiges Angebot für die Halbinsel Samana in der Dominikanischen Republik entdeckt hatte, dachte er nicht lange nach und buchte sofort.

In den nächsten zwei Wochen lag er tagsüber an der Playa Bonita, speiste abends im Restaurant »Atlantis«, wo Gérard Prystasz, ehemaliger Chefkoch von François Mitterrand, seine Gäste mit bester französischer Küche verwöhnte. Eines Abends nahm er mit dem Präsidentenkoch a.D. einen Drink, der ihm erzählte, dass Mitterrand zu bekochen gar nicht schwierig gewesen sei, da Monsieur Le Président nicht so wählerisch war. Prystasz glaubte, das liege daran, dass Mitterrand in der Resistance aktiv gewesen war. Viel komplizierter seien Touristen, vor allem jene aus Deutschland, die würden fast immer reklamieren. Neulich habe sich ein Ehepaar bei seinem Personal beschwert, die in Pastis flambierte Garnelenfühler mit abgebrannten Streichhölzern verwechselt hatten.

Refiks Abende in Samana endeten in der Bar des Hotels »Bahia Las Ballenas«, wo er so lange Rum trank, bis er die Umrisse der drei vorgelagerten Inseln, die Walen ähnelten, nicht mehr erkennen konnte. Es war absurd, in dieser Atmosphäre an Tübingen und Kein Mensch ist illegal zu denken.

Doch die Tage in der Dominikanischen Republik gingen schneller vorüber, als ihm recht war.

Als Refik im Tübinger Hauptbahnhof angekommen war, Zigaretten und Zeitungen eingekauft hatte, merkte er, dass er immer noch keine Lust hatte, nach Hause zu fahren. Da ihm aber nicht einfiel, wie er seine Heimkehr weiter hinauszögern könnte, stieg Refik in ein Taxi und fuhr zu seiner Wohnung. Im Treppenhaus hörte er laute Musik, es klang wie »Siyrilip Gelen« von Grup-Yorum, einer Protestband aus Istanbul.

»So ein Vollidiot, stört zu dieser Uhrzeit die Nachbarn«, sagte Refik vor sich hin.

»Herzlich willkommen zu Hause, Refik! Was würde ich dich gerne umarmen, kann aber gerade nicht«, begrüßte ihn Kein Mensch ist illlegal.

Erst jetzt bemerkte Refik, dass sein Gegenüber einen aus Zeitungspapier gebastelten Hut trug und seine Klamotten voller Farbe waren.

»Was geht denn hier ab?« wollte Refik wissen, als er im Flur stand.

»Ich renoviere! Unsere Wohnung war in einem katastrophalen Zustand.«

»Und werde ich hier gar nicht mehr gefragt, oder was?«

»Wie denn, Bruder, wenn du einfach verschwindest und dein Handy ständig aus ist.«

Refik ging hektisch in den Zimmern auf und ab, die kaum wieder zu erkennen waren. Die ganze Wohnung war frisch gestrichen. Als würde das fiese Froschgrün allein nicht reichen, schmückte die Küchenwand nun eine selbst gepinselte Pappel in Dunkelbraun, darunter war in roten Lettern zu lesen: »Leben einzeln und frei wie ein Baum und brüderlich wie ein Wald ist unsere Sehnsucht«.

»Weißt du, dass diese Zeilen von Nazim Hikmet vor 20 Jahren in jede durchschnittliche Scheiß-WG in Deutschland gehörten, heute aber wirklich so was von jenseits sind? Das passt zur Birkenstock-Nostalgie. Maren und ich hassen das«, sagte Refik wütend.

»Wir können uns weitere Spaltungen der Linken nicht leisten. Und starke Poesie kennt kein Verfallsdatum«, konterte Kein Mensch ist illegal.

Refik war kurz davor zu explodieren. Er wollte nach seiner Rückkehr aber nicht gleich einen großen Streit lostreten. Stattdessen ging er in sein Zimmer und knallte die Tür hinter sich zu. Auch seine 15 Quadratmeter waren Opfer von Kein Mensch ist illegals Renovierung geworden. Alles sah anders aus, und vor dem Fenster lag eine riesige Matratze, auf der der neue Mitbewohner während Refiks Abwesenheit geschlafen haben musste.

»Ich hoffe, Otto Schily schiebt dich persönlich ab!« brüllte Refik so laut, dass es in der ganzen Wohnung zu hören war. Er blieb noch eine Weile auf seinem Bett liegen, um sich zu beruhigen.

Refik starrte an die Decke mit dem kaputten Stuck. Später ging er in die Küche und entschuldigte sich bei Kein Mensch ist illegal, der eigentlich Müslüm hieß.

»Das mit der Abschiebung war nicht in Ordnung. Tut mir Leid.«

»Kein Problem.«

Refik war beeindruckt, wie gelassen Müslüm seine Entschuldigung annahm. Sie saßen noch eine Weile in der Küche und rauchten gemeinsam eine Zigarre, die Refik aus Samana mitgebracht hatte. Als sie gegen Mitternacht ins Bett gingen und er Müslüm im Schlaf reden hörte, dachte Refik daran, wie schön es wäre, alleine zu wohnen.

In den darauf folgenden Tagen verbrachten er und Müslüm mehr Zeit miteinander, als Refik sich das je hätte ausmalen können. Er wurde Müslüms Berater in allen Lebenslagen. Refik beruhigte sich selbst aber damit, dass es sich dieses Mal nur um eine Einzelfallbetreuung handelte, die ihn nur kurz beschäftigen würde. Danach würden vor allem Computerreparaturen wieder sein Leben bestimmen.

Zunächst aber begleitete Refik seinen persönlichen Flüchtling täglich zu einem Termin. Mal ging es zum Sozialamt, mal zum Rechtsanwalt oder zu einem Arzt. Refik konnte einfach nicht nein sagen, keine festen Zeiten setzen und war prompt zur Stelle, wenn Kein Mensch ist illegal ihn um Hilfe bat. Der Flüchtling in der Küche war ihm inzwischen sympathisch geworden, und Refik fühlte sich mittlerweile für seinen neuen Freund, mit dem er sogar das Zimmerteilen gelernt hatte, verantwortlich.

Viel anstrengender als die Termine mit Müslüm war der Kulturtransfer, den Refik ständig leisten musste. Denn Müslüm hatte große Mühe, sich einen Reim auf den Alltag in Tübingen zu machen. Zudem war er sehr neugierig. Als Refik eines Tages aus der Toilette kam, wollte Müslüm wissen, ob die Tatsache, dass er zwei verschiedene Socken trug, eigentlich Ausdruck von Nonkonformismus sei.

»Nein, Kein Mensch ist illegal. Das waren die einzigen beiden frischen Socken, die ich heute Morgen gefunden habe. So einfach ist das.«

»Wenn wir schon dabei sind, warum rasieren sich deutsche Frauen oder besser gesagt deutsche Feministinnen nicht die Beine?« wollte Müslüm dann wissen.

»Hör zu, ich weiß nicht, wie du von meinen Socken auf Frauenbeine kommst, aber das ist Quatsch. Ich kenne genügend feministische Frauen hier, die sich die Haare an den Beinen wegmachen.«

»Ach ja? Würde ich gerne kennen lernen. Ich dachte, sie machen die Beinhaare nicht weg, um sich nicht sexistischen Normen zu unterwerfen.«

»Kein Mensch ist illegal, lass uns das Thema von Mann zu Mann nicht weiter vertiefen.«

»Okay, tamam …«

Refik und Müslüm hatten Codes entwickelt, die ihre Gespräche regelten. Wann immer ein »Okay, tamam« ausgesprochen wurde, war für beide klar, dass die Diskussion nicht fortgeführt werden darf.

Das klappte in der Regel ganz gut, solange Müslüm nicht in die Tiefen der deutschen Sprache eintauchen oder über Sex reden wollte. Seitdem er Fortschritte in der Sprachschule gemacht hatte, wurden seine Nachfragen zur deutschen Grammatik immer perfider. So wollte er von Refik wissen, was denn der Unterschied sei zwischen »Wenn es kein Bier gäbe, dann wäre ich ein unglücklicher Mensch« und »Er sagte, es gebe kein Bier mehr, deswegen sei er unglücklich«.

»Ich bin kein Germanist, sondern Informatiker. Frag Maren, die weiß das vielleicht.«

»Maren, Maren, Maren! Immer, wenn du nicht weiter weißt, soll sie mir helfen. Du lebst doch seit über 30 Jahren in Tübingen, warum weißt du das nicht?«

»Weil ich …« Noch bevor Refik eine Erklärung parat hatte, fiel ihm Müslüm ins Wort.

»Ist auch nicht so wichtig. Apropos Bier. Ich war gestern mit Christian in der Kneipe. Wir haben Bier getrunken.«

»Wow, wie außergewöhnlich«, sagte Refik.

»Weißt du was, Christian ist total durcheinander. Er weiß seit einiger Zeit nicht mehr, ob er vielleicht nicht doch auf Männer steht.«

»Echt?«

»Ja. Und weißt du, was das Beste ist? Ich war der Zweite, dem er das verraten hat.«

»Sag nur. Und wer war der Erste?«

»Seine Freundin. Christian hat das ganz offen mit ihr besprochen.«

»Na, dann ist doch alles klar …«

»Nein, gar nichts ist klar. Der hat mit seiner neuen Analfixierung, so hat er das selber genannt, seine Freundin genervt, weil er Hintertürchenspiele mit ihr machen wollte und das mit irgendwelchen französischen Philosophen erklärt hat …«

»Und, was ist das Problem? Ist doch seine Sache.«

»Bruder, was seine Sache? Er hat vier Stunden wie ein Irrer von gender mender gequatscht. Am Ende glaube ich, dass er sich nur interessant machen will.«

»Immerhin hast du dich mit ihm verabredet …«

»Okay, tamam!«

Maren, Refik und Müslüm waren inzwischen eine unkomplizierte Wohngemeinschaft geworden, obwohl die 48 Quadratmeter für drei Personen definitiv zu klein waren. Weil Müslüm auf eine vom Sozialamt bezahlte Wohnung spekulierte und Refik begonnen hatte, die Immobilienanzeigen nach einer geeigneten Wohnung für sich selbst auszuwerten, glaubten alle drei, ihre Wohngemeinschaft sei nur ein Provisorium.

»Meine Güte, ist das widerlich. Mir wird ganz schlecht«, hörte Refik Maren aus der Küche schreien, als er die Wohnungstür öffnete.

»Kein Mensch ist illegal, das kannst du nicht machen!« fuhr sie ihn in ungewohnter Lautstärke an.

Maren hatte Müslüm noch nie so genannt. Es musste etwas ganz Besonderes vorgefallen sein, dachte Refik und eilte in die Küche.

»Was ist passiert?« fragte er.

»Eine Katastrophe! Er hat hier eine Kuttelsuppe gekocht. In unserer WG! Mit unserem Geschirr! Gibt es beim türkisch Kochen irgendetwas Ekelhafteres als eine knoblauchgetränkte Kuttelsuppe?«, fragte Maren in die Runde, während sie angewidert ein zertretenes Stück geriffelter weißer Kutteln vom Boden aufhob.

Nein, für zwei Vegetarier, wie Refik und Maren es waren, gab es nicht Schlimmeres.

»Ich wollte euch eine Überraschung machen. Kuttelsuppe ist sehr gesund. Außerdem kann man sie nicht als Fleischgericht bezeichnen«, verteidigte sich Müslüm.

Als der Geruch der Kuttelsuppe sich nach einer Woche aus der Wohnung verzogen hatte, schenkte Müslüm zur Entschuldigung für sein kulinarisches Fiasko Maren einen großen Kürbis, und Refik bekam vier Kilo Auberginen.

Nach zwei Wochen fand Refik auch wieder Zeit für andere und traf sich mit seiner Schwester Gülbahar im »Café Jour«. In allen Details erzählte er von Kein Mensch ist illegal. Sein großes Mitteilungsbedürfnis beendete er mit einem angestrengten Seufzer. »Eins sag ich dir, mit Kanaken machst du echt was mit!«

Gülbahar, die in der Verwaltung der Universitätsklinik arbeitete, schien von Refiks Geschichte wenig beeindruckt und sagte:

»Des, des isch no gar nix!«

Dann erinnerte sie Refik an Yeter, die vor drei Jahren schwanger gewesen war und ihre Schwangerschaft gegenüber ihrer Familie erfolgreich verheimlicht hatte, weil die auf unehelichen Nachwuchs, dessen Erzeuger zudem nicht eindeutig identifizierbar gewesen wäre, nicht erfreut reagiert hätte. Als das Baby auf die Welt kam, gab Yeter es zur Adoption frei, weil sie Angst vor ihrer Familie hatte.

»Na klar erinnere ich mich an die Story«, sagte Refik.

»Jetzt halt dich fescht: Die Alte isch scho wieder schwanger«, verkündete Gülbahar.

Refik konnte das nicht glauben.

»Wie konnte ihr denn das passieren?«

»Ganz oifach, Sex ohne Verhütung.«

Aber diesmal, meinte Gülbahar, wolle Yeter ihre Schwangerschaft nicht verstecken. So etwas könne unmöglich ein zweites Mal gutgehen.

»Und jetzt, wo du mir von deinem Flüchtlingsfreund erzählt hascht, kommt mir plötzlich die Idee. Wie wär’s eigentlich, wenn der einfach die Yeter heirate tät? Nur so. Sie könnt das Kind kriege, und er hätt’ keine Probleme mehr mit den Behörden.«

Ein genialer Gedanke, fand Refik. Es war nicht wirklich schwierig, Müslüm für diesen Vorschlag zu gewinnen. Als Refik ihn in den Plan einweihte, stellte er geschickt auf Yeters schweres Schicksal ab, sodass Kein Mensch ist illegal sich als Retter verpflichtet fühlte.

Zur gleichen Zeit hatte Gülbahar mit Yeter gesprochen, die danach wiederum ihren Vater um ein Gespräch unter vier Augen bat.

»Schau, meine Tochter, ich bin mit einem Bein in Tübingen und mit dem anderen in meinem Grab in Konya. Klär diese Angelegenheit mit Ahmet«, bat ihr Vater.

Als Yeter ihrem großen Bruder von ihrem eiligen Heiratswunsch erzählte, drehte der durch, weil er seine Schwester mit einem Cousin aus Konya verkuppeln wollte. Ahmet ohrfeigte Yeter. Tags darauf war im Lokalteil der Schwäbischen Zeitung zu lesen: »Familiendrama in der Dönerbude. Ahmet G. schlägt Schwester krankenhausreif.«

Für Refik war nach der Berichterstattung die Lage klar: Yeters Bruder war öffentlich diskreditiert. Sie musste für eine Weile untertauchen, das Kind auf die Welt bringen und Müslüm heiraten. Nach einem Jahr kommen dann beide nach Tübingen zurück, statten Yeters Familie einen Besuch voller Reue ab und sagen im Duo: »Tut uns alles wirklich Leid, aber hier ist euer Enkel.«

»Und du glaubscht, des geht gut?«, zweifelte Gülbahar.

»Na klar, bei einem Enkel wird selbst der Friedhofschwänzer aus Konya ganz weich werden«, lächelte Refik.

Dieser Vorschlag geisterte noch einige Wochen in den Köpfen von Refik, Maren, Gülbahar, Yeter und Müslüm herum. Eine Entscheidung konnte aber keiner treffen.

»Refik, komm, ich lade dich ins C 14 ein«, sagte Müslüm.

Wann immer dieses Café vorgeschlagen wurde, ging es um wichtige Themen.

»Hör zu, ich habe mich verliebt!« sprudelte es aus ihm heraus, noch bevor sie etwas bestellt hatten.

»In Yeter? Das passt doch super!«

»Nein.«

»Sondern?«

»In Maria!«

»Wer ist Maria?«

Maria war aus Zelazowa Wola als Aupair nach Tübingen gekommen. Neben ihrer Tätigkeit bei der Familie Neumann besuchte sie den gleichen Deutschkurs wie Müslüm. Dort hatten sich die beiden kennen gelernt.

»Refik, sie hat sich mir zusammen mit ihrer Freundin vorgestellt. Ihre ersten Worte waren: Wir sind Maria Magdalena. Dann haben die beiden wie Verrückte losgekichert.«

»Maria Magdalena? Das ist auch wirklich komisch«, lachte Refik.

Aufgewühlt erzählte Müslüm von seiner neuen Liebe, die er vor acht Tagen das erste Mal geküsst hatte.

»Das klingt alles gut. Willst du jetzt auch noch Polnisch lernen, Kein Mensch ist illegal?« fragte Refik.

»Hör auf. Es gibt Ärger, deswegen wollte ich mit dir reden.«

»Ist sie etwa auch schwanger?«

»Nein!«

»Hat sie einen anderen?«

»Nein. Sie kann nicht länger hier bleiben.«

Marias Aupair-Jahr war zu Ende, und sie sollte in wenigen Tagen nach Zelazowa Wola, den Geburtsort von Frédéric Chopin, zurückkehren. Müslüm hingegen war kein Flüchtling mit Duldung mehr, sondern jetzt tatsächlich ein Illegaler. In der Zwischenzeit hatte sich Yeter entschieden, Kein Mensch ist illegal nicht zu heiraten. Sie schaffte das, was keiner jemals für möglich gehalten hatte, und verheimlichte auch ihre zweite Schwangerschaft, obwohl sie mit ihren Eltern in derselben Wohnung lebte. Niemand hat kapiert, wie das gutgehen konnte.

»Kein System und niemand wird uns auseinander bringen«, flüsterte Maria Müslüm ins Ohr, als ihr Zug langsam in den Tübinger Hauptbahnhof einfuhr. Die beiden wollten einander nicht loslassen und merkten, wie ihre Tränen sich auf ihren Wangen vermischten. Maren und Refik brachten Marias Gepäck in den Zug, damit das verliebte Paar noch ein bisschen Zeit hatte, sich alleine zu verabschieden. Einige Minuten später setzte sich der Zug in Bewegung. Traurig winkte Müslüm Maria nach, die sich aus dem Fenster herausgelehnt hatte.

»In solchen Momenten hilft nur Trinken, egal wie früh es ist«, behauptete Refik, nachdem lange niemand etwas gesagt hatte. »Das lässt den Trauerkloß im Hals verschwinden.« Maren nahm den Pass an und fragte: »Wo wollen wir hin?«

»Ali Baba Döner, wir trinken Raki«, schlug Müslüm vor.

Noch bevor Ali Baba die Flasche Raki und einige kalte Vorspeisen brachte, warf Refik vier Euro in die Wurlitzer und suchte der Stimmung angemessene Musik aus. Arabesken von Orhan Gencebay, Müslüm Baba und Ibrahim Tatlises, Liebeslieder von Sezen Aksu und aufmunternde, kämpferische Songs von Siwan Perwer. Sollte Müslüm diese 30 Lieder in dieser Reihenfolge mit Hilfe des Anisschnapses durchstehen, wäre die erste Trauer gut verarbeitet, hoffte Refik.

Nachdem Ali Baba von Refik den Grund für den mittäglichen Umtrunk erfahren hatte, setzte er sich zu ihnen und erzählte von seiner ersten Liebe in Deutschland.

»Ich war erst einige Tage in Deutschland und wollte nach Frankfurt, weil mir ein Freund in Istanbul von dieser Stadt vorgeschwärmt hatte. Mit meinem ersten Monatslohn, das waren 80 Mark, glaube ich, bin ich am Wochenende mit der Bahn nach Frankfurt gefahren. Als ich dort ankam, habe ich zuerst nach türkischen Lokalen gesucht, hab aber keins gefunden. Dann bin ich spät abends in einer Art Bar gelandet, heute würde man das so nennen. Ich ging an die Theke und trank einen Brandy, damals kannte ich sonst nur Bier und Wein. Ich nippe also an meinem Drink, blicke nach rechts und sehe plötzlich eine junge Frau. Unglaublich schön, schwarze Haare, dunkle Mandelaugen, volle Lippen. Sie schenkte mir ein kurzes Lächeln. Das war die erste Frau, die mich in Deutschland so angeschaut hatte. Ihr müsst euch vorstellen, damals hatte ich volles Haar, war schlank. Meine Augen strahlten voller Hoffnung. Ich lächelte zurück und dachte, dass die Frau vielleicht eine Türkin sein könnte. In dieser Bar spielte ein junger Mann Klavier, Stücke, die ich nicht kannte, aber sie passten gut zur Atmosphäre. Ich sprach keinen Brocken Deutsch, aber eine Frau zum Tanz aufzufordern, bedurfte schon damals nicht vieler Worte. Ich ging also auf sie zu und machte mit Gesten klar, dass ich mit ihr tanzen wolle. Und was soll ich euch sagen, sie stand auf, um mit mir zu tanzen. Für eine deutsche Frau war sie Gott sei Dank nicht so groß. Nach meinen ersten Wochen in Deutschland hatte ich Sorge, dass alle Frauen größer als ich wären. Wir tanzten nicht lange. Geredet haben wir kein einziges Wort. Aber es war genau richtig, fand ich. Ich glaube, ihr hat es auch gefallen. Ihr Parfüm hat mich jedenfalls noch nächtelang um den Schlaf gebracht. Ich habe lange nach diesem Duft gesucht, ohne Erfolg. Nach dem Tanz sind wir beide auf unsere Plätze zurückgegangen. Wir haben uns dann aus der Ferne zugeprostet. Als sie etwas später den Schuppen verließ, war ich verknallt und konnte zum ersten Mal mit diesem Land einen Geruch verbinden. Einige Tage später bin ich in Stuttgart aus Langeweile ins Kino gegangen. Ich war neugierig, wie Sinema in Deutschland sein würde. Der Film lief erst einige Minuten, und ich sah plötzlich diese wunderschöne Frau aus der Frankfurter Bar auf der Leinwand wieder. Sie war Schauspielerin. Ich habe mir diesen Film damals ein Dutzend Mal angeschaut, ohne dass ich je einen Satz verstand. Ich war noch Monate in sie verschossen. Heute sehe ich sie manchmal als Kommissarin Lea im Fernsehen. Weißt du, Bruder, deine Angebetete weiß wenigstens von dir. Das ist schon viel wert.«

Alle erhoben ihre Gläser und tranken auf die Kommissarin. Die Trauerarbeit in der Döneria ging noch Stunden weiter, bis Maren, Refik und Müslüm betrunken waren. In den nächsten Wochen kam es zu dem einen oder anderen weiteren Besäufnis, bis Müslüm unerwartet einen Anruf von Maria erhielt. Sie hatte sich in einem Eilverfahren für ein Freiwilliges Soziales Jahr in Tübingen beworben, und ihr Antrag wurde positiv entschieden. Das änderte schlagartig seine Stimmung. Müslüm war überglücklich, dass Maria sehr bald wieder bei ihm sein würde. Aber Refik bremste seine Euphorie: »Das wird dir alles nichts nutzen, wenn wir keine Duldung für dich kriegen.«

Refik setzte alles in Gang, um Müslüms Aufenthalt in Deutschland zu sichern. Er sprach mit alten Genossen und Anwälten, holte sich Rat bei Flüchtlingshelfern. Am Ende konnte er Katharina, eine Frau aus der Szene, dafür gewinnen, Müslüm zu heiraten, damit dieser nicht in die Türkei abgeschoben wurde und mit Maria zusammenleben konnte.

Katharina und Müslüm gingen zu einer juristischen Beratung. Der Anwalt beantragte bei der zuständigen Behörde eine vorübergehende Duldung. Manfred Schill, der zuständige Sachbearbeiter, teilte Katharina mit, wenn der Antragstellende bei ihm auftauche, bekomme er seine Duldung, das sei alles kein Problem.

Niemand hatte Zweifel daran, dass es anders sein könnte. Müslüm ging zur Behörde, um seiner Illegalität ein Ende zu bereiten. Doch Herr Schill konnte sich an den Sachverhalt und seine Versprechung nicht mehr erinnern, und Müslüm wurde festgenommen.

»Wir wollen Hochzeit feiern! Wir wollen Hochzeit feiern! Wir wollen Hochzeit feiern!« skandierten über 600 Demonstranten vor dem Tübinger Rathaus. An der Spitze der Kundgebung liefen Refik, Maren, Maria und Katharina, die sich als Braut verkleidet hatte. Maria, die seit einigen Tagen ihren sozialen Dienst bei einer Gemeinde in Tübingen angefangen hatte, konnte Pfarrer Krieger überreden, auf der Kundgebung eine Rede zu halten. »Die Kirche akzeptiert kein Gesetz, das zwei Liebende auseinander bringt«, beendete er seine Ansprache auf der Demo. Alle jubelten ihm zu.

Mit dem Argument, dass Müslüm und Katharina sich liebten und heiraten wollten, konnte das Solidaritätskomitee Kein Mensch ist illegal viele Menschen überzeugen. Katharina wurde andauernd im Radio und Fernsehen interviewt, wo sie unter Tränen von ihrem Schicksal erzählte. Refik und Maren suchten Gewerkschaften, Vereine und selbst ernannte Weltverbesserer auf, um sie als Unterstützer für die Freilassung von Müslüm zu gewinnen.

Die Berichterstattung hörte nicht auf. Selbst die Stuttgarter Ausgabe der Bild-Zeitung griff die Geschichte auf: »Tübingen steht Kopf. Und alles wegen eines Asylanten.«

Nachdem sich abzeichnete, dass die Kein-Mensch-ist-illegal-Aktionen keine Eintagsfliegen waren, zeigten sich auch Lokalpolitiker an dem Fall interessiert. Sie boten dem Komitee ihre Hilfe an. Refik schlug vor, dass einige von ihnen symbolisch die Unterschriftenliste aus den Händen von Pfarrer Krieger entgegennehmen sollten. Auch daraus entstand ein richtiges Happening mit viel Lärm und dem Slogan »Kein Mensch ist illegal«.

Ein paar Wochen später kam Müslüm frei. Refik und Maria holten ihn aus dem Gefängnis ab. Refik setzte die beiden im »C 14«, dem Ort wichtiger Worte, ab und fuhr zu seiner ersten Wohnungsbesichtigung weiter. Er hatte in der Zeitung eine Wohnung entdeckt, die er teilweise auch gewerblich nutzen konnte. Wohnung und Computerwerkstatt in einem, davon hatte er schon lange geträumt.

Das glückliche Paar setzte sich an einen kleinen Tisch mit Aussicht. Müslüm versank verliebt in Marias Augen. Sie hatten sich lange nicht gesehen.

»Versprichst du mir eins?« wollte Müslüm von Maria wissen.

»Was denn?« fragte Maria.

»Wir werden auch für meine Freunde drinnen kämpfen, okay?«

»Tamam, das Komitee Kein Mensch ist illegal macht weiter.«

Müslüm bekam zügig eine befristete Duldung. Die Behörden wollten das Thema schnellstmöglich erledigt wissen. Die Aufenthaltsfrist reichte aus, um die Hochzeit von Katharina und Müslüm über die Bühne zu bringen. Als der Standesbeamte an einem sonnigen Tag beide zu einem Ehepaar erklärte, war er verwirrt, dass Müslüm zuerst innig die Trauzeugin Maria und nicht die Braut küsste und dann laut in den Saal rief: »Kein Mensch ist illegal!«

Nachdruck mit freundlicher Genehmigung des Verlags aus: Imran Ayata: Hürriyet Love Express. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2005. 224 S., 7,90 Euro, ISBN 3-462-03489-8