Schriftsteller, die ihre Drogenerfahrungen verarbeiten, haben Probleme. Sie müssen, weil sie in der Regel wissen, dass das meiste von dem, was sie unter dem direkten Einfluss der Droge schreiben, verblödeter Mist sein kann, erst wieder nüchtern geworden sein, wenn sie vom Rausch und den Folgen berichten. Im besten Fall setzt das voraus, dass sie auch in der Lage sind, die Differenz zwischen dem Rauschzustand und der nüchternen Nachbetrachtung zu berechnen. Dummerweise vernebelt ja gerade die nüchterne Gegenwart den betrunkenen Vortag. Diese Formprobleme werden nicht einfacher, wenn man Amerikaner ist, in Los Angeles lebt und Alkoholiker war, wie James Brown, dessen »L.A. Tagebücher« gerade auf Deutsch erschienen sind.
Die US-amerikanische Literatur hat in F. Scott Fitzgerald einen der ersten Beobachter des eigenen Alkoholismus hervorgebracht. »Im Grunde ist alles Leben ein Prozess des Niedergangs«, lautet Fitzgeralds Zentralthese, um die er sein Werk entfaltet und die auch durch heftigstes Trinken nicht zu toppen ist. Browns Tagebücher sind, wenn man sie soziologisch verorten will, auf der anderen Seite von Fitzgeralds Erfahrung geschrieben. Während Fitzgerald materiell versorgt in Ruhe feststellen konnte, dass er im Alter von 49 Jahren vor der Zeit kaputt war, lebt Brown in ständiger Sorge ums Geld. Er fährt von Zeit zu Zeit durch Los Angeles, um den großen Filmstudios seine Manuskripte anzubieten. Dabei wird er von Furcht befallen.
Der Autor registriert die Veränderungen in der Stadt. Die Straßen seiner Kindheit sind kaum wiederzuerkennen. L.A. ist größer geworden, die Zeichen auf den Fenstern der Geschäfte werben in Vietnamesich, Koreanisch, Spanisch und Arabisch. Alte Wegmarken Hollywoods wie das »Brown Derby Restaurant« sind verschwunden, die Freeways breiter geworden. Aber nicht die Veränderung der Straßen, der Architektur oder der Zusammensetzung der Stadtbevölkerung ängstigt Brown.
Er ist ein Schriftsteller, der mit seinem Schreiben zu wenig Geld verdient, um davon leben zu können, nur deswegen dient er sich den Studios an. Die aber sind gar nicht begeistert. Das sei nichts für den Film, viel zu real, wird ihm beschieden. Bei Disney findet man seinen Stoff »pretty fucking dark« wie es im amerikanischen Original heißt. Zwischen den Terminen sitzt Brown im Auto, raucht Unmengen Zigaretten, wird nervös und beschließt, seine Schwester zu besuchen. Er nimmt mit ihr ein paar Drinks und einige Lines Kokain. Alkoholiker und Kokainisten sind sie beide, nur Brown meint aber, er könne jederzeit aufhören. Was natürlich nicht stimmt und was er irgendwann selbst feststellt. Der Tremor und das Fieber am Morgen machen es ihm endgültig klar.
Brown erzählt ohne Chronologie vom Winter 1994 über den Herbst 1961, den Sommer 1977 bis zum Frühjahr 1997 in zwölf Kapiteln dichterische Episoden seines Lebens als Alkoholiker. Und zwar auf die gleiche Weise, wie er die Wirkung eines Drinks beschreibt. Nach ein paar Bieren ist er nicht mehr so kritisch wie zuvor. Allerdings will er ja auch Autor sein, sogar einer mit hohem Anspruch: Jedes Detail muss passen. In diesem Spannungsfeld ist Brown schließlich nüchtern geworden. Großartig ist, dass er die Wirkungen des Stoffes auf die Wahrnehmung dabei nicht vergessen hat.
James Brown: Die L.A. Tagebücher. Mein Leben am Abgrund. Aus dem Amerikanischen von Axel Henrici. Knaur, München 2005. 218 S., 7,95 Euro