19.10.2005

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Bisweilen fragt man sich: Wo leben wir eigentlich? Sicher, Redakteurinnen und Redakteure der Jungle World haben es nicht immer leicht. Stellen Sie sich vor, Sie wären über beide Ohren verliebt, würden am liebsten den ganzen Tag mit der Liebsten oder dem Liebsten durch die herbstlich golden strahlende Stadt spazieren, womöglich Händchen haltend oder gar Arm in Arm, aber Sie könnten nicht, weil Sie an einen Redakteursstuhl in der Bergmannstraße gefesselt sind. Ausgerechnet jetzt, da Ihnen Ihr Horoskop (siehe vorige Woche) rät, sich vor allem mit sich selbst und Ihren Gefühlen zu befassen, gehen fast alle Kolleginnen und Kollegen in ihren Jahresurlaub, und Sie bleiben zurück, mit etlichen zu betreuenden Seiten und den anderen Schicksalsgefährten, die auch – na sagen wir mal – etwas überarbeitet wirken.

Nun gut, das Leben ist kein Zuckerschlecken, niemand hat uns einen Rosengarten versprochen, und überhaupt: Beißen wir in den sauren Apfel, ertragen wir eben die Wehklagen aus dem Ressort nebenan. Die eine weiß nicht, ob sie einen Billigflug nach Gomera oder nach La Palma nehmen soll, der andere ist am Boden zerstört, weil bald der Winter beginnt und er nicht mehr mit seiner uralten Honda Transalp über den Berliner Ring brausen kann. So manches Gejammer ist fürwahr berechtigt in diesen harten Zeiten.

Aber eins kann nicht akzeptiert werden: die sinnlose, dickköpfige, uneinsichtige, trotzige und konsumistische Beschwerde, die wir am Sonntag anhören mussten. Hatte sich doch ein altruistischer Kollege aufgemacht, um etwas Licht und Vergnügen in all das Ungemach zu bringen, das uns hier quält. Er opferte sich auf, machte sich selbstlos auf den weiten Weg hinüber zur anderen Straßenseite, um ein erquickendes Getränk für die unfreiwillig Schuftenden zu holen: ein paar Flaschen Bier. Schlau, gewitzt und vorausschauend, wie er ist, holte er eine Samlung von acht verschiedenen Biersorten, in der Hoffnung, für jede und jeden sei eine dabei.

Welch fataler Irrtum! Schon der erste Kollege, ein ansonsten umgänglicher, sanftmütiger Mensch, konnte nicht mehr an sich halten und brüllte: »Du hast kein tschechisches Bier gekauft? Du gehst in einen der wenigen Kioske in Kreuzberg, die tschechisches Bier anbieten, und kaufst nur deutsches Bier? Wenn man einmal eine Sekunde nicht aufpasst! Eine Sekunde!«

Anderswo suchen Menschen stundenlang einen Parkplatz in der Nacht, zappen sich wütend durch das schlechte Fernsehprogramm oder haben eine Raumpflegerin, die ständig zu spät kommt. Aber dieser Kollege scheint keine anderen Probleme zu haben, als dass er die falsche Biersorte freihaus geliefert bekommt. Wo leben wir eigentlich?