19.10.2005

Keine Erdbeerfelder

Wie John Lennon und Yoko Ono sich nie kennen lernten, erfährt man in Gerhard Henschels Zeitreiseroman »Der dreizehnte Beatle«. Von Jörg Sundermeier

So einen Dusel möchte man haben! Am 3. Mai 2005 ging ein junger, na ja, nicht mehr ganz so junger Mann von 37 Jahren in sein »Altonaer Stammlokal Familieneck« und begegnet dort einer guten Fee. Und weil er ihr bei einer Kleinigkeit hilft, tut sie, was sie muss: Sie gewährt dem Mann drei Wünsche. Der nun wieder ist ein Beatles-Fan der härteren Sorte, daher wünscht er sich eine »saubere Aufnahme des Songs ›Carneval of Light‹ von den Beatles«, woraufhin ihm eine CD mit eben diesem Stück in die Hände plumpst. Sauber. Er freut sich, der Trottel. Zwei Wünsche hat er nun nur noch und, wie ihm die ein wenig gelangweilte Fee mitteilt, nur sehr wenig Zeit. Daher wünscht der Mann sich ein Portemonnaie, das sich stets aufs neue selbst füllt, und sich selbst wünscht er zurück in das Jahr 1966. Von da an nennt sich der Mann Billy Shears, und auch die Welt ist fortan nicht mehr die, die wir kennen.

Denn dieser Billy Shears, der Protagonist in Gerhard Henschels neuem Roman »Der dreizehnte Beatle«, der im Hotel Ritz lebt, bald mit einem eigenen Butler, einer Flotte an Luxuslimousinen und einigen Groupies, hat nur ein Ziel : Er will am 9. November 1966 das erste Treffen zwischen John Lennon und Yoko Ono in der Londoner Galerie Indica verhindern, bei dem sich Lennon, so mutmaßt der Fan, sofort in die Konzeptkünstlerin verliebte. Und von da an, so sind ja bis heute tatsächlich alle männlichen Fans der Band überzeugt, zeichnete sich das Ende der Beatles ab, denn eine Frau macht ja, wenn sie sich nicht hinter den Herd verzieht oder aber sich dekorativ auf dem Sofa fläzt, den Jungs immer alles kaputt. Und Frau Ono, wir wissen es, war ja noch viel schlimmer, sie hat es sogar gewagt, sich mit ihrem Mann über ästhetische Fragen zu unterhalten, ja, sogar zu streiten. Dass Lennon sie liebte, ist für den Fan Nebensache. Dieser will lediglich, dass seine Lieblingsband weiter existiert.

Was jedoch dabei herauskommt, wenn man die Vergangenheit ändern will, wird von Henschel genüsslich durchgespielt. Seinem Helden nämlich gelingt es, dieses Treffen zu verhindern – allerdings fällt John Lennon dabei unerwarteterweise ins Koma. Die Beatles kommen daher nicht nur nicht dazu weiterzumachen, nein, sie nehmen ihren Song »Strawberry Fields Forever« ebenfalls nicht auf, auch »Sgt. Pepper« wird nicht erscheinen.

Von hier an treibt Henschel seinen von Gewissensbissen geplagten Helden durch das London der Swinging Sixties. Da Billy Shears unermesslich reich ist, kann er sich die Popstars zu Freunden machen, er flirtet mit Marianne Faithful, geht mit Jimi Hendrix aus, während Pete Townshend ihn, der allen Musikern, da er die Fanbücher gelesen hat, ihre Zukunft, wenn nicht gar ihren Tod vorhersagen kann, für einen lustigen Spinner hält. Während er aber drogenverseucht durch die Vergangenheit torkelt, versucht er nur immer wieder, seinen Fehler rückgängig zu machen und John Lennon, so er denn irgendwann aus dem Koma erwacht, dazu zu bewegen, doch noch, quasi nachholend, all die großen Songs mit seiner Band einzuspielen, für die das Herz dieses Fans so sehr schlägt, dass dieser, im wahrsten Sinne des Wortes, seine Zukunft für sie aufgegeben hat.

Gerhard Henschels Spiel mit der Vergangenheit ist reizvoll, zumal sein Protagonist wunderbar naive Züge hat. Die Idee, einen deutschen Kleinbürger in die Popwelt der sechziger Jahre zu schicken und ihn permanent zu überlasten, ist schön, auch der Einfall, ihn keine Ahnung davon bekommen zu lassen, dass die Zukunft der Leute, die er hier anspricht und warnt, schon dadurch, dass er jetzt hier ist, eine andere ist. Jim Morrison immerhin, wird, so viel sei verraten, nicht auf Shears und dessen Weissagungen hören und trotzdem am korrekten Tag auf die richtige Weise sterben.

Dennoch ist der Roman nicht das Beste, was man aus dieser Idee hätte machen können. Das wiederum liegt am Autor, der, für ältere Leserinnen und Leser dieser Zeitung ist’s überflüssig, kurz vorgestellt sein soll: Gerhard Henschel nämlich erfreute in den neunziger Jahren in der Titanic und in Kowalski, doch auch in linken Gazetten wie der Jungen Welt, die Leserinnen und Leser immer wieder mit neuen stilistischen Spielereien. Dieweil sich andere seiner Kollegen darin gefielen, ihre Scherze bei Eckhard Henscheid abzuschreiben oder aber einfach nur herabsetzend Politiker und andere Leute schmähten, machte sich Henschel um die Glosse und die komische Geschichte verdient. Die Bücher »Lesen ist Essen auf Rädern im Kopf« und »Das erwachende Selber« gehören zum Besten, was in dieser Zeit an Sammlungen von komischen Texten erschien.

Doch muss auch ein guter Autor von etwas leben. Das wiederum hat dazu geführt, dass Henschel 22 Bücher in 13 Jahren publiziert hat, darunter außerordentlich peinliche Werke wie »Der Mullah von Bullerbü« und »Der Barbier von Bebra«, alberne, doch erfolgreiche Geschichten um blöde Prominente, die er gemeinsam mit Wiglaf Droste verfasste.

In den letzten Jahren konnte er, der nun offensichtlich etwas besser verdient und zugleich als Übersetzer arbeitet (unter anderem übertrug er Bob Dylans Autobiographie ins Deutsche), mit seinem »Kindheitsroman« und dem Roman »Die Liebenden« beeindrucken, mit klassischen Erzähltexten also. Die Veröffentlichungswut und der Verkaufszwang schienen nachzulassen.

Sein neuer Roman möchte zumindest, wie sagte man früher, »zum Schmunzeln anregen«, und er ist, was gar nicht zum Vorwurf geraten soll, eine zu einem kleinen Roman aufgeblasene Erzählung, die, wie es solcherart verlängerten Texten eigen ist, eben auch viele Längen hat.

Dennoch liest man das Buch schnell weg, ist derweil nicht wenig fasziniert von dem Fanwissen, das Henschel gesammelt haben muss, und begleitet seinen – zunächst zumindest – scheiternden Helden auch gern zu Treffen mit Paul McCartney oder Brian Epstein. Wäre also nicht Gerhard Henschel der Autor des Romans, könnte man sich an diesem Buch auf dem Niveau einer Erzählung von Nick Hornby ein wenig erfreuen und es dann vergessen.

Weiß man allerdings, wer der Autor ist, trübt es die Freude ein wenig, denn umso mehr wird einem schmerzlich bewusst, dass das Buch offenkundig sehr schnell geschrieben ist. Die Sprache ist oft alles andere als schön, und auch das Lektorat hat sich, hm, sagen wir mal, sehr zurückgehalten. Was schade ist.

Gerhard Henschel: Der dreizehnte Beatle. Hoffmann und Campe, Hamburg 2005, 206 S., 16,95 Euro