19.10.2005

Lese wild und gefährlich

Besser, weil radikaler als »Die Korrekturen«: Jonathan Franzens mit 13 Jahren Verspätung nun auf Deutsch veröffentlichter Roman »Schweres Beben«. Von Peter Praschl

Was deutsche Literaturkritiker von einem Roman haben wollen, wissen sie immer schon, bevor sie zehn Seiten von ihm gelesen haben. Glaubwürdiges Personal, plausibler und nicht zu unübersichtlicher Plot, moralischer Anspruch ohne Zeigefingergefuchtel, weil man doch von selbst draufkommen können muss, und für ein halbwegs entschiedenes Genre soll sich der Autor gefälligst auch entschieden haben. Es ist immer das Programm der Mäßigung, mit dem sie sich aufspreizen, höchstens ein bis zwei Glas guter Rotwein, nackig nur, falls es der Ästhetik dient, mehr als sieben Bullets verträgt eine Powerpoint-Liste nicht.

Auch beim verspäteten deutschen Erscheinen von Jonathan Franzens vorletztem Roman »Schweres Beben« (das Original kam 1992 heraus) haben sie wieder vorgeführt, zu wie viel Kleinlichkeit sie imstande sind. Der Befund, zu dem die meisten kamen, lautete: Es geht einfach nicht gut, wenn ein einziges Buch ein Krimi, ein Liebesgeschichte, eine Familiensaga und eine harsche Kapitalismuskritik sein will, wenn durch ein und denselben Roman fundamentalistische Anti-Abtreibungsprediger, kiffende marxistische Uniprofessoren, masochistische Erdbebenforscherinnen, besoffene Esoterikerinnen, grundwütende Radiotechniker und vigilante Fabrikdirektoren gehetzt werden, und es geht auch nicht, dass ein Autor sich Extempores über Gender-Häutungen, Erdbebenforschung und die Ökonomie der indianischen Ureinwohner gönnt oder seine Helden über die ergreifende Schönheit einer Möse und den längst zur zweiten Natur gewordenen Geruch von Infrastruktur nachdenken lässt. Zu viel, viel zu viel.

Und wie jedes Mal, nachdem man gelesen hat, was so eine Zeilenhonorarexistenz einem Buch hinterhermäkelt, bloß weil es nicht bescheiden bleibt, fragt man sich, warum sich jemand aus freien Stücken eine Controller-Psyche zulegt, die immerzu nur Wildwuchs und Überflüssiges ausmerzen will. Irgendwann müssen auch sie Menschen gewesen sein, die sich von Büchern ein paar Tage lang aus der Spur werfen haben lassen, aber das ist lange her.

Es stimmt übrigens alles, was Franzens Roman nachgesagt wird. »Schweres Beben« ist ein wildes Buch, von einem geschrieben, der mit so viel erzählerischer Arroganz gesegnet ist, dass er sich keine Sekunde lang zu fragen scheint, ob er mit all dem, was ihm einfällt, davonkommen kann. Falls es bei Romanen wirklich darauf ankäme, welche Geschichten sie vortragen, ginge die von Franzen ungefähr so: Eine gehörig neurotische Bostonerin in den mittleren Jahren erbt nach dem Tod ihrer durchgeknallten Esoteriker-Mutter Aktien eines Chemieunternehmens im Wert von 22 Millionen Dollar und spendiert der immer schon verwöhnten Tochter eine Eigentumswohnung, während ihr Sohn Louis leer ausgeht.

Dieser Sohn, der eine subalterne Existenz als Techniker in einem winzigen Radiosender führt und der die Stadt, den Staat, den Kapitalismus, das Mann-Sein, die Familie, die Illusionen der Liebe und auch sonst alle Lebenslügen so habituell und so erbittert hasst, wie es keiner deutschen Romanfigur je in den Sinn käme, lernt eine Seismologin kennen, auch sie gründlich ramponiert und unmissverständlich taub gegen die Glücksangebote, die 30jährigen Frauen gemacht werden und doch nie für ein richtiges Leben taugen.

Gemeinsam machen die beiden sich daran, ein kapitales Umweltverbrechen aufzudecken: Das Chemieunternehmen, dessen Aktien Mama geerbt hat, pumpt seit Jahren die bei der Produktion anfallenden Schadstoffe durch ein ehemaliges Bohrloch tief in die Erde – mit der Folge, dass es in der Gegend rund um Boston zuerst immer wieder zu leichten Erschütterungen und schließlich zum ganz großen Beben kommt. Diese Kosten senkende Verschwörung zu enthüllen, gelingt schließlich auch. Aber bis es soweit ist, müssen viele Erschütterungen überstanden werden: Die Seismologin wird von fundamentalistischen Abtreibungsgegnern gehetzt, die Liebesgeschichte zwischen ihr und Louis bohrt schmerzhafte Löcher in beider Identitätskrusten, Louis’ Familie wird gehörig durchgeschüttelt.

Undsoweiter undsofort, es ist, als habe Franzen herausfinden wollen, wie viele Handlungsstränge und Sub-Plots in einen Roman hineinpassen – und dann zu seiner eigenen Berauschung herausgefunden, dass es ruhig immer noch einer mehr sein kann. Und selbstverständlich hat Franzen alles in seinem Roman metaphorisch so offensichtlich aufgeladen und jeden Hakenschlag seiner dahinschlingernden Geschichte so auffällig vernetzt, dass man über seine Unverschämtheit immer wieder beifällig grinsen muss. Für Leistungskurs-Literaturstreber gibt es nichts zu holen in »Schweres Beben«, es ist eher so wie bei einem Robbie-Williams-Konzert: Der Typ da vorn auf der Bühne haut einen bewährten Trick nach dem anderen raus, aber er macht es so selbstironisch und gutgelaunt und erfreut über sein Repertoire, dass man gar nicht anders kann, als entwaffnet zu sein und sich mit ihm zu freuen.

Das Allerbilligste und Allergenialste an Franzens Roman ist natürlich sein Schluss: Die bösen Kapitalisten sind enttarnt (und auf eine Steuerparadiesinsel vertrieben), die verwöhnte Schwester ist geläutert und zu einem besseren Menschen geworden, und Louis und die Seismologin kriegen es hin, einander doch noch zu lieben, auf so eine rührend trotzige Art und sogar mit dem Wunsch, ein Baby zu machen. Ein Schriftsteller nach dem Geschmack der Literaturkritik hätte das selbstverständlich viel offener, nachdenklicher und vager zu Ende gehen lassen, damit der unversöhnte Leser noch ein wenig sinnieren kann über die ewige Tragik des Weltlaufs. Und bei den »Korrekturen«, dem Roman, mit dem er im dritten Anlauf schließlich doch zum Bestsellerautor geworden ist, hat Franzen es ja auch selbst so gehalten.

Die Sache ist aber die: »Schweres Beben« ist das bessere Buch. Nicht nur, weil es wilder ist, und nicht nur, weil es das, was es über die Unkosten des Kapitalismus zu sagen gibt, auf eine so unmissverständliche Weise sagt, für die deutsche Gegenwartsschriftsteller entweder zu dumm oder zu feige wären. Sondern auch, weil darin die Rebellen am Ende irgendwie doch gewinnen. Zu den Überzeugungen der kultivierten kleinbürgerlichen Literaturkritik gehört ja immer auch die eine unausgesprochene: Ein Bildungsroman taugt nur dann etwas, wenn er mit stiller ergebener Einsicht in den Lauf der Welt endet, man kann eben nicht alles haben, man muss sich bescheiden.

An diese Spielregel hat Franzen sich nicht gehalten. Seine Helden decken eine Verschwörung des Corporate-Amerika auf, und hinterher gehen sie endlich wieder miteinander ins Bett, haben schönen Sex und machen ein Baby. Man kann es gut verstehen, dass so etwas den Controllern auf die Nerven geht.

Jonathan Franzen: Schweres Beben. Aus dem Amerikanischen von Thomas Pilz. Rowohlt, Reinbek 2005. 688 S., 24,90 Euro