Viele Menschen meinen, »lebenslanges Lernen« bedeute, ab und zu einen Ikebana-Kurs in der Volkshochschule zu belegen. Eine 38jährige Journalistin aber weiß, worum es geht. Sie lernte jüngst, dass man auch mal einen Fehler eingestehen muss, wenn man etwas erreichen will – zum Beispiel den Erhalt ihres Arbeitsplatzes bei den Badischen Neuesten Nachrichten (BNN). »Man kann immer dazu lernen«, sagte der Chefredakteur und Herausgeber, Klaus Michael Baur, dem Spiegel nach der »Neubesinnung auf beiden Seiten«.
Zuvor hatten böswillige Menschen die Geschichte so erzählt: Die Journalistin hatte für die BNN eine Reportage über das Zentrallager von Lidl in Bietigheim geschrieben. Unter der Überschrift »Handarbeit bei bis zu 24 Grad minus« kam zwar ein Betriebsrat zu Wort, der sagte, die Beschäftigten im Zentrallager würden nach Tarif bezahlt. Erwähnt wurden jedoch auch das »Schwarzbuch Lidl« von Verdi und die darin nachgewiesenen schlechten Arbeitsbedingungen bei dem Lebensmitteldiscounter, dem größten Anzeigenkunden der BNN. Das war zu viel! Herr Baur war verärgert, Lidl beschwerte sich, und die Frau erhielt die fristlose Kündigung. Lediglich weil der Deutsche Journalisten-Verband den Fall bekannt machte, überlegte Baur es sich anders. Eine hässliche Geschichte, wie sie das Leben manchmal schreibt.
Doch weil die Journalistin und ihr Chef dazu lernten, wurden die Böswilligen Lügen gestraft, und wir lauschen einem hübschen Lehrstück menschlicher Güte und Einsicht: Der Chef, persönlich getroffen und enttäuscht von der unsauberen Arbeit seiner Mitarbeiterin, setzte dazu an, sie mit sanften Worten zu ermahnen, stieß aber auf Uneinsichtigkeit und Starrsinn, so dass ihm, dem Sanftmütigen, das grausame Wort »Kündigung« entfuhr, das er gar nicht so meinte. Der Schock war für beide heilsam, sie kamen zur Besinnung, redeten nochmal konstruktiv über alles. Sie gestand den Fehler ein, er nahm die Kündigung zurück. Und wenn sie nicht gestorben sind …
elvira hieb