Schon seit längerem interessiert Tom Wolfe das Balzverhalten der amerikanischen Jugend und insbesondere das Treiben von Studenten auf dem Campus. »Hooking up« (Angraben) hieß ein vor fünf Jahren erschienener Essayband, in dem der Autor den kulturellen Niedergang der USA beschwor. Die Kunst des Liebemachens zum Beispiel sei völlig auf den Hund gekommen, und sogar eine so uramerikanische Erfindung wie Petting sei vom Aussterben bedroht, weil die Jungs und Mädels heutzutage schnell zum Wesentlichen kommen und oft nicht mal genug Zeit bleibt, um vorher den Namen des anderen zu erfragen.
Schon im Südstaatler-Epos »Ein ganzer Kerl« (1998) kamen die losen Sitten in den amerikanischen Elite-Unis vor. Zwar geht es in dem Roman um den Zerfall eines Immoblien-Imperiums, aber die Nebenhandlung, die einen hochbrisanten Sexskandal entfaltet, entwickelt sich zu einer echten Konkurrenz, zur eigentlichen Geschichte. Rassenunruhen drohen auszubrechen, als ein schwarzer Vorzeige-Footballstar der Vergewaltigung einer prominenten weißen Industriellentochter angeklagt werden soll – grundlos, wie sich herausstellt. Das Millionärstöchterchen hat sich nach einer Studentenparty, im Vollrausch zwar, ansonsten aber ganz freiwillig, mit dem Mädchen-Idol eingelassen.
Bereits beim Schreiben von »Ein ganzer Kerl« – eine Beschäftigung, die zehn Jahre dauerte – habe er sich vorgenommen, dass sein nächster Roman vom Liebesleben der Studenten handeln wird, erzählte Tom Wolfe in einem Interview anlässlich des Erscheinens seines neuen, dritten Romans, »Ich bin Charlotte Simmons«, in dem das Thema Campus-Sex nun lang und breit verhandelt wird.
Dupont heißt die Elite-Uni, die Charlotte, Hochbegabtenstipendiatin aus einem hinterwäldlerischen Kaff in North Carolina, sich als ein Arkadien der Schöngeisterei vorgestellt hat; die sich aber schnell als das reinste Sündenbabel entpuppt. Dass sie, der ganze Stolz ihrer rührend spießigen Eltern und die große Hoffnung der gesamten Kleinstadt Sparta, von ihren äußerst lockeren Kommilitonen erst mal als verklemmte Außenseiterin betrachtet und entsprechend geringschätzig behandelt wird, hat die Musterschülerin nicht geahnt.
Gerade noch hat Wunderkind Charlotte vor der versammelten Schüler-, Lehrer- und Elternschaft ihres Heimatkaffs eine extrem geistreiche Rede über den Zusammenhang von Leistung und Erfolg gehalten, da findet sie sich auch schon anderntags in den »gemischten« Waschräumen eines Studentenwohnheims zwischen lauter Sportstudio-gestylten Halbnackten wieder, die über nichts anderes als übers Ficken reden.
Charlotte, die noch Jungfrau ist, weiß nicht, wohin vor lauter Scham. Es dauert allerdings nicht allzu lange, bis auch die schüchterne Studentin ihre Verehrer findet, sich neu orientiert und über ihre eigenen Ziele nochmal nachdenkt. Schließlich ist sie ehrgeizig und auch klug genug, um zu erkennen, dass sie hier allein mit Pauken nicht weiterkommt.
Wie immer, wenn Tom Wolfe ein neues Buch vom Stapel lässt, versichert er, jedes Detail genauestens recherchiert zu haben. Für »Charlotte Simmons« habe er sich, mit Block und Bleistift bewaffnet, ständig auf Studentenpartys herumgedrückt; es handele sich also um nichts als die reine Wahrheit. Stellenweise hat man zwar den Eindruck, der Autor habe sich ein paar 50-Cent-Videos zu viel angeschaut. Spaß macht das Buch trotzdem.
Tom Wolfe: Ich bin Charlotte Simmons. Aus dem Amerikanischen von Walter Ahlers. Blessing, München 2005, 800 S., 24,90 Euro