»Seid ihr Punks?«
Blinded by the lights
Die Beats von DJ Dima aus Moskau vibrieren in meinem Magen. Ich werde überflutet von Lichteffekten, die aus allen Richtungen auf den Dancefloor prasseln. Die Leute um mich herum tanzen, lächeln und rauchen. »Wie großartig, dass alles geklappt hat«, denke ich mal wieder. Wir sind in St. Petersburg, in einem der – glaubt man dem billigen, deutschen Reiseführer – »angesagtesten« Clubs der Stadt. Gleich fängt das erste Konzert von Egotronic und Plemo in Russland an.
Egotronic wurden schon vor einem Jahr von Chip-Cult, einem Electro-Music-Netzwerk, nach Russland eingeladen. Damals haben Leute aus St. Petersburg über das Internet die Musik der Electropunks aus Berlin gehört und wollten mit ihnen unbedingt einige Konzerte veranstalten.
Dieses Jahr hat es geklappt, und weil Plemo im Herbst sowieso zusammen mit Egotronic auf Tour ist, lag es nahe, ihn als Support mitzunehmen. Seine Beats produziert Plemo zu Hause. Auf Tour hat er nur eine CD dabei. Die Show steht im Mittelpunkt. Das kommt in Russland gut an. Arni ist sein Gehilfe, bedient den Discman und ist für die Backingvocals verantwortlich.
Der Inhaber des Hamburger Labels, auf dem sie ihre Alben veröffentlichen, Lars, begleitet seine Musiker, und weil nicht jeder der Jungs Russisch kann, kann ich zum Dolmetschen mitkommen.
Vor mir befindet sich das Geländer der Bühne. Dahinter kauert Dima vor seinem Laptop. Sein Schatten wird von Scheinwerfern auf eine Leinwand geworfen. Bunte Visuals ziehen auf ihr vorbei. Die Veranstalter haben sich viel Mühe gegeben. Ich klettere über das Geländer und betrete durch einen Seitenausgang der Bühne den Backstageraum. In dem Kämmerchen ist niemand von unserer Crew. Stattdessen haben ein paar Jugendliche, die scheinbar zum Club gehören, sich selbstbewusst auf die Couches gesetzt. Sie haben ein kleines Glasröhrchen zur Hand, durch welches sie geruchlose Substanzen rauchen.
Plemo und sein Gehilfe betreten in Schlafanzügen die Bühne. Arni begrüßt das Publikum auf Russisch, woraufhin es den ersten Applaus des Abends gibt. Nach zwei Stunden Show sind alle zufrieden. Selbst die Crack-Kids haben sich von der Couch erhoben und einen Blick auf die Bühne riskiert. Nach dem Konzert werden wir auf einen Wodka nach dem anderen eingeladen. Auf diese Weise lernt man viele nette Leute kennen.
Die Security in dem Club sieht so smart aus wie der Sicherheitsdienst auf der Enterprise. Nun werden wir von ihnen zum Ausgang gebeten. Der Club schließt um sechs Uhr morgens. Die Party ist vorbei. In einer Stunde müssen wir am Busbahnhof sein. Von dort startet eine neunstündige Fahrt nach Cerepovec.
In der Stadt der Schmelzöfen
Der Bus fährt eine endlose gerade Straße entlang, vorbei an Birkenwäldern, Birkenwäldern und noch mehr Birkenwäldern. Eine ältere Frau, die Gemüse verkauft, sitzt am Straßenrand. Fahren wir wirklich irgendwohin oder nur im Kreis? Ab und zu hält der Bus zwischen ein paar Häusern. Leute steigen aus und ein. Auf staubigen Plätzen, vor kleinen Kiosken haben wir hin und wieder einen kurzen Aufenthalt. Manchmal sieht man einheimische Jugendliche. Einige tragen ihr Käppi auf dem Kopf schief und die Hosen auf Halbmast. Gut, ich hatte schon befürchtet, overdressed zu sein.
Das erste, was wir von Cerepovec mitbekommen, ist der Gestank, der aus den Schornsteinen einer großen Fabrik quillt. Slava, unser Begleiter, erklärt uns, dass hier einer der größten Metallschmelzöfen Europas steht. Die meisten der etwa 200 000 Einwohner verbringen ein tristes und kurzes Leben in dieser rauchenden und stinkenden Gegend. Die Leute jedoch, die wir hier treffen, mögen ihre Stadt trotzdem. Keiner will in der Fabrik arbeiten, die Menschen möchten bevorzugt im so genannten Dienstleistungssektor tätig sein. »Es gibt hier Leute, denen fallen von der giftigen Arbeit die Zähne aus. Und es gibt hier welche, die ihnen die Zähne reparieren«, witzeln sie. Außerdem, so meinen sie, gebe es hier im Wald viele schmackhafte Pilze.
Das Konzert findet in einer Großraumdisco statt. Der erste Anblick ist etwas einschüchternd. Beton und Stahl dominieren die Einrichtung. Hier hätte man Anfang der neunziger Jahre Videoclips für Dr. Alban drehen können. Eigentlich ist der Ort nicht für Konzerte vorgesehen. Zwei Ketten, links und rechts von der Bühne, trennen das Publikum ab.
Die Betreiber des Clubs haben keine Lust, die Bands vor dem Konzert mit ein wenig Bier zu versorgen. Nüchtern will in diesem Laden aber keiner auf die Bühne. Zwei Unerschrockene schaffen es, eine dezente Plastiktüte an den bulligen Türstehern vorbeizuschmuggeln. Während des Soundchecks scherzt noch jemand, dass es hier bestimmt auch Go-Go-Girls gebe. Auf einmal stehen wirklich welche auf einem Tisch und tanzen. Später gesellt sich noch ein Herr mit Cowboyhut dazu.
Vom ersten Beat an, den Plemo erzeugt, fangen die Leute an zu tanzen. Nur die Go-Gos sind durch die krude Rhythmik etwas verwirrt.
Luba, die Veranstalterin, ist begeistert. 700 Leute haben Eintritt bezahlt. Nach dem Konzert besuchen uns viele Leute in unserer Zweizimmerwohnung. Freunde und Freundinnen der Veranstalter sind gekommen, um mit uns auf, wie sie enthusiastisch bekunden, »das beste Konzert in Cerepovec seit langem« zu trinken.
In der Sowjetzeit bestand die Notwendigkeit, Partys und Konzerte in Privatwohnungen zu veranstalten. Der Brauch hat die Perestroika überlebt. Besonders in einer kleinen Stadt wie Cerepovec sitzt man samstagnachts lieber in einer Küche als an einer Bar.
Als die Party in unserem Wohnzimmer langsam abflaut, kommt einer der Veranstalter vorbei. Der Club habe gerade zugemacht und er selbst sei sehr zufrieden, meint er. Um das auch angemessen zum Ausdruck zu bringen, hat er eine Palette Bier mitgebracht. Irgendwann werden überdies noch Eier aus dem 24-Stunden-Supermarkt besorgt und in die Pfanne gehauen, das gehört sich schließlich so für richtige Musiker.
Am nächsten Abend müssen wir schon wieder weiter, mit dem Nachtzug zurück in die große Stadt.
Eine Zugfahrt
Bevor wir in den Waggon einsteigen dürfen, prüft die Zugbegleiterin unsere Pässe und Tickets. Sie nimmt mich freundlich zur Seite. »Kauft kein Bier im Zugrestaurant, sondern bei mir«, fordert sie mich auf. Ich verspreche, dass wir auf ihr freundliches Angebot gegebenenfalls zurückkommen werden.
Im Zug kauern sehr viele Leute auf engstem Raum, darunter stiernackige Soldaten, die vermutlich gerade direkt von der tschetschenischen Front kommen, und grimmig schauende junge Männer. Doch nur der erste Eindruck ist der schlimmste, so viel habe ich auf den Nachtfahrten durch die Weiten Russlands gelernt. Jeder hat einen Sitzplatz, und aus diesem lässt sich nach realsozialistischer Multifunktionsmanier mit wenigen Handgriffen eine bequeme Pritsche herstellen. Außerdem geht irgendwann das Licht aus und man sieht sowieso nichts mehr. Um besser einschlafen zu können, beschließen wir, uns zu betrinken. Schon bald sind unsere Vorräte erschöpft. Ich mache mich, wie versprochen, auf den Weg zur Schaffnerin, um illegal weiteres Bier zu erwerben. Sie führt mich zu ihrer Kajüte und klappt mit verschwörerischem Blick ihre Pritsche hoch. Darunter befindet sich eine Plastiktüte gefüllt mit warmen Dosenbier, die ich freudig erstehe.
Aus den Coupés um uns dringt friedliches Schnarchen. Nur ein Herr von gegenüber fühlt sich gestört. Mit konstanter Zufuhr von Dosenbier kann er jedoch erfolgreich vom Schlafen abgehalten werden und erweist sich in der Folge als äußerst kommunikativer Gesprächspartner. Es bereitet ihm anscheinend Freude, alle Russland-Klischees, die man als Ausländer im Kopf hat, munter zu bedienen. Autoschieberei, Geheimdienste, brutale Miliz, zu all dem hat er Schwänke auf Lager.
In den Rauchpausen treffen wir zwischen den Waggons Leute, mit denen sich schnell Gespräche ergeben. Äußerst hilfreich in diesem Fall ist die Kenntnis der russischen Sprache. Es reicht auch, jemanden bei sich zu haben, der übersetzt und dem interessierten Gesprächspartner erklären kann, dass man zwar aus Berlin komme, aber kein Faschist sei. Wenn das geklärt ist, hat man oft schon einen Stein im Brett.
Einmal sitzt uns ein älterer Herr gegenüber. Irgendwann nimmt er wahr, dass wir aus Deutschland kommen. »Prost, du Faschist!« sagt er auf einmal und hebt seine Bierdose. Auf Russisch erklären wir ihm, das wir keine Faschisten seien und auch für Deutschland nicht sehr viel übrig hätten. Er zieht seinen Pullover hoch. In seiner Schulter sind drei frische Stichwunden. »Das waren die russischen Faschisten«, meint er.
Kleine Geschenke
Als Tourist muss man sich in Russland innerhalb von drei Tagen registrieren lassen, sonst wird es bei der Ausreise teuer. Unsere Gastgeber haben ein Hotel mitten im Verwaltungsviertel gefunden, welches uns umsonst den wichtigen Stempel gibt. Fast umsonst: Einer unserer einheimischen Begleiter begibt sich in einen kleinen Laden und kommt mit einer Schachtel Pralinen wieder heraus. Vor dem Hotel sammelt er unsere Pässe ein, klemmt sich die Schachtel mit dem Konfekt unter den Arm und verschwindet im Gebäude. Nach einer halben Stunde ist er wieder da. Die Pralinen hat er nicht wieder mitgebracht. Dafür verteilt er grinsend die nun registrierten Pässe. Ich merke mir den Trick für den nächsten Besuch im Job-Center.
In Moskau unternehmen wir einen Ausflug zur altehrwürdigen Universität. Das riesige Gebäude ist im stalinistischen Zuckerbäckerstil gebaut. Daneben sind Wohnheime, die auf 22 Stockwerken Tausende von Studenten beherbergen. Wir wollen aufs Dach, um die Aussicht zu bestaunen, doch man hat nur als Student Zutritt zum Gebäude. Die Wächter am Eingang lassen sich für 100 Rubel überreden, drei Leute hineinzulassen. Die anderen müssen über einen hohen Zaun klettern. Auf der anderen Seite befindet sich der Polizeiparkplatz. Das ist leider nur die erste Hürde. Unsere große Gruppe wirkt in den engen Gängen des Wohnheims wie ein Demonstrationszug, eine leichte Beute für irgendwelche Rentner, die sich als Sicherheitspersonal aufspielen und mit dem echten Sicherheitsdienst drohen. Nachdem mehrere Versuche, die Rentner zu überlisten, scheitern, werden Berechnungen angestellt. Ein Ausflug aufs Dach für zehn Personen ist zu teuer für uns. Wir verschieben ihn aufs nächste Jahr.
»Piter«
Irgendwann zwischen fünf und sechs Uhr morgens erreicht der Zug die »Heldenstadt« Leningrad, die heute wieder St. Petersburg heißt, wie vor dem ersten Weltkrieg. Bis zu Lenins Tod trug sie den Namen Petrograd. Alle nennen die Stadt »Piter«. Obwohl wir noch schlaftrunken vom Bahnhof zu unserem Gastgeber Wanja torkeln, kommt beim Anblick der leuchtenden, blinkenden und stinkenden Innenstadt schon lebhafte Begeisterung auf.
Wir wohnen in einer Seitenstraße des Newski-Prospekts bei Wanja. Als wir das erste Mal bei ihm eintreffen, hat er die ganze Nacht nicht geschlafen und ist im ersten Moment noch etwas reserviert. Schon bald gewöhnt er sich aber an den Anblick mehrerer feiernder Electropunks in seinem Zimmer und gesellt sich zu uns.
Irgendwann nach Sonnenaufgang beschließe ich, die Toilette aufzusuchen. Dort ist besetzt. Als die Tür sich öffnet, kommt mir ein gebücktes Großmütterchen entgegen. Ich grüße freundlich und staune. Wanja erklärt, dass er nicht etwa bei seinen Großeltern wohnt, sondern in einer Kommunalka. Dabei handelt es sich um Gemeinschaftswohnungen, die noch aus der Sowjetzeit stammen. Ganze Familien wohnten in einzelnen Zimmern und teilten sich das Klo, das Bad und die Küche. Die Mitbewohner konnte man sich nicht aussuchen. Heute ist das anders. Nach der Perestroika war es möglich, sich sein Zimmer für wenig Geld zu kaufen. Bei Wanja wohnen auch keine Großfamilien, sondern ein paar Freunde. Die alte Dame, die hier schon ewig lebt, sei ein ganz entspannter Mensch. Weil ihre Rente kümmerlich ist, lehrt sie noch immer Biologie an der Universität.
Moskau! Moskau!
In Moskau bleibt uns für Sightseeing wenig Zeit. Der rote Platz, der Kreml, das Mausoleum von außen und die Moskwa, all das wird mit touristischem Eifer innerhalb von zwei Stunden abgearbeitet. Der Club wartet.
Am Eingang dasselbe wie immer: Taschenkontrolle, Abtasten, Metalldetektor. Der Laden wirkt nobel und sieht nach kulturinteressiertem Glamourpublikum aus. Jeder der 200 Stühle hat einen Ikea-Bezug, und die Backstageräume könnten auch als Kulisse für einen erfolgreichen Businesslunch dienen. Das Konzert beginnt erst um drei Uhr nachts, und infolgedessen sind die Anwesenden nicht mehr sonderlich nüchtern. Es kommt zu Stagediving. Die Sicherheitsleute eilen herbei und postieren sich vor der Bühne. Freundlich, aber bestimmt sorgen sie für Zucht und Ordnung. Das Publikum sieht nach Upper Class aus. Unser Gastgeber in Moskau gehört, nach seiner noblen Wohnung zu urteilen, auch dazu. Dementsprechend ist die Freude groß, als er den Backstageraum vollkotzt. Jetzt können wir es uns mit gutem Gewissen auf seinem teuren Sofa bequem machen.
Die Clubbetreiber haben so etwas noch nie gesehen. Es war das erste Konzert dieser Art, das sie in ihrem Laden veranstaltet haben. Im Grunde sind sie begeistert von der Party. Etwas mürrisch blicken sie aber schon, als Plemo irgendwann morgens erst vor ihnen an der Bar einschläft und dann galant vom Hocker fällt. Der Inhalt seines und anderer Biergläser fließt langsam hinter die Theke.
Das letzte Konzert ist, was die Atmosphäre angeht, mit denen vergleichbar, die Plemo und Egotronic in Mitteleuropa spielen. Der Laden heißt »Projekt OGI« und ist einen Besuch wert: ein Kellergewölbe, das ein Restaurant, eine Trinkhalle, eine Bühne und einen Buchladen beherbergt.
Das Publikum soll unseren Moskauer Freunden zufolge aus vielen so genannten Intellektuellen bestehen. Hier gibt es keine Durchsuchungen und gutes Essen. Geöffnet ist rund um die Uhr.
Stagediving ist hier offenbar erlaubt. Zumindest beschwert sich niemand, als Hoerm von Egotronic während des Konzerts den Bass zur Seite legt und ins Publikum springt. Am Ende steht die ganze Crew auf der Bühne und grölt zu irgendeiner Melodie: »No future!« Die Menge ist außer sich. Danach gibt es den gewohnten Wodka. Als Hoerm und ich bemerken, dass die Kollegen entweder schon gegangen oder auf der Bühne erschöpft vom Kalinka-Tanzen zusammengebrochen und eingeschlafen sind, beschließen wir, dass es Zeit ist zu gehen. Als wir bei unserem Gastgeber eintreffen, begegnen wir auch dort irgendwelchen Leuten (die dem Konzert beiwohnten oder auch nicht, es spielt keine Rolle mehr) und erleben eine After-Show-Show. Als die Sonne langsam hinter den Wolkenkratzern von Moskau aufgeht, liegen und schlafen überall Menschen, in der ganzen Wohnung verstreut.
Am Flughafen fällt der Abschied von unseren Freunden schwer. Wir verabreden, dass wir uns bald wiedersehen. Das Einchecken ist unkompliziert. Nur die junge Dame von der Passkontrolle fragt uns skeptisch: »Seid ihr Punks?«