Haschen im Sinai

Die Anthologie Cargo sammelt gezeichnete Einblicke in den Alltag in Deutschland und Israel – und liefert einen guten Beitrag zum Genre der »Comicreportage«. von jan-frederik bandel

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Das Genre Comicreportage wurde hierzulande vor allem durch Joe Saccos Berichte über die erste Intifada bekannt, die als Sammelband unter dem Titel »Palästina« auf Deutsch vorliegen. Saccos Reportagen aus Palästina und Bosnien (u.a. »Safe Area Goražde«, 2000, »The Fixer«, 2003) zeichnen sich aus durch die programmatische Einseitigkeit ihrer Perspektive (oder, wie Kritiker sagen: durch ihre Distanzlosigkeit), die ständige, oft allerdings durch etwas billige Selbstironie verspielte Reflexion seines eigenen Involvements (»Meine Comics brauchen Konflikte, mit Frieden ist kein Blumentopf zu gewinnen«), die ausgiebige Verwendung von Interviews und Gesprächen und das Interesse am Alltäglichen als Ausdruck des Politischen.

Auch in Deutschland gibt es seit einigen Jahren – vor allem seitens der Berliner Gruppe Monogatari – Versuche, das Genre zu etablieren. Die erste so entstandene Anthologie »Alltagsspionage. Comicreportagen aus Berlin« (2001) war im Wesentlichen eine Anthologie von Großstadtstorys ohne eigentlichen journalistischen Impuls.

Gefördert durch Kulturstiftung und Goethe-Institut, ist nun eine neue Anthologie erschienen: der Band Cargo. »Comicreportagen Israel – Deutschland«, eine Koproduktion deutscher und israelischer Künstler. Die deutschen Beiträge sind von Tim Dinter und Jens Harder, beide Mitglieder der Monogatari-Gruppe, sowie von dem Berliner Illustrator und Comiczeichner Jan Feindt. Die israelischen Zeichner Yirmi Pinkus und Rutu Modan gehören dem bekanntesten Independent-Comic-Kollektiv Israels, Actus Tragicus, an, Guy Morad der Gruppe Dimona. Arbeiten dieser beiden Gruppen stehen auch im Mittelpunkt der kürzlich erschienenen Israel-Nummer des Comicmagazins Strapazin (Comics aus Tel Aviv).

Die Idee, deutsche Zeichner Israel und israelische Zeichner Deutschland je in kurzen Comicreportagen erkunden zu lassen, mag – wie Henryk M. Broder im Vorwort der Cargo-Anthologie schreibt – auf die politisch-kulturelle Aufwertung durch »besondere deutsch-israelische Beziehungen« spekulieren (zu Recht, wie die Förderung zeigt), und zudem an die Inszenierungsstruktur des Interkulturellen erinnern, doch spricht es für das Projekt, dass diese Erwartungen kurzerhand unterlaufen werden, am deutlichsten vielleicht im ersten Beitrag von Tim Dinter, dessen Comic-Alter-Ego sich von Anfang an in einem sozialen Netzwerk Tel Aviv-Berlin bewegt und am Schluss eine Vernissage in Tel Aviv mit dem Ausruf »Das ist ja wie in Berlin!« kommentiert.

Die Bewegungen in einer vertrauten, mit dem eigenen, internationalisierten Milieu korrespondierenden Szene, nämlich in der israelischen Kunstszene mit ihren Verbindungen nach Berlin, produzieren – wie Dinter schreibt – das »Kleine Welt«-Phänomen. Ausgangspunkt ist also die klare Absage an jene inszenierte Erfahrung der ganz fremden Welt, die der rasende Reporter – wie Joe Sacco – unter Lebensgefahr erst erkunden und dokumentieren muss. Gerade dieser Verzicht ermöglicht aber bemerkenswerte Momentaufnahmen aus dem Tel Aviver Alltag vom Lieblings-Saftladen bis zu den Hoffnungen eines aus New York zurückgekehrten Malers. Und die Klischees der interkulturellen Begegnungstalks über Mentalitäten und Kulturen erscheinen als das, was sie sind: höflicher Smalltalk mit mehr oder weniger wahrem Kern.

Ähnlich funktioniert Jan Feindts Bericht: für ihn, der mit einer Israelin verheiratet ist, ist es erst einmal ein Familienbesuch. Seine Reportage über die Lebenssituation der Beduinen in der Negev erinnert in ihrer Darstellungsform mit einleitenden Informationen, Interviews und der besonderen Rolle einer Vermittlerin (einer in Beersheva studierenden Beduinin, die als Dolmetscherin und Informantin fungiert) durchaus an Saccos Reportagen. Sie ist aber eingelassen in etwas, das man Comic­feature nennen könnte, d.h. kombiniert mit privaten und lyrischen Passagen, schließlich mit der komischen Schilderung eines haschischselig-relaxten Aufenthalts im Sinai. Deutlich weniger narrativ fällt Jens Harders gelungener, aber arg didaktisch-illustrativer Beitrag aus, der sich streckenweise zu sicher auf das verlässt, was man dem Comic traditionellerweise zutraut: die einprägsame Vermittlung historisch-kultureller Basics, hier über religiöse Facetten des Alltags in Jerusalem.

Ganz unterschiedlich fallen die israelischen Arbeiten aus: Rutu Modans Berliner Impressionen sind großflächige Reiseskizzen im Stil ältlicher Kinderbuchillustrationen, die das Bild der toughen, kreativen Hauptstadt in die Betulichkeit einer Erich-Kästner-Welt brechen. Guy Morad erzählt eine – auf Reportageelemente völlig verzichtende – melancholische boy-meets-girl-Story zwischen Kreuzberg und Schlachtensee.

Und in der verstörenden Geschichte von Yirmi Pinkus wird Paul Celans »Todesfuge« mit den Bildern einer Reise vom Schwarzwald nach Berlin konfrontiert, wobei an die Stelle emphatischer Gedenkmomente eine permanente Präsenz der Erinnerung tritt, erzählerisch hergestellt durch die scheinbar zufälligen Motivübereinstimmungen zwischen Text und Bild. Der »schwarzen Milch« entsprechen die Milchkanne auf dem Frühstückstisch und, im Vorbeigehen, die Kakaowerbung; dem »süßer gespielten Tod« der Besuch der Komischen Oper; dem »goldenen Haar Margaretes« Heidi Klum in der Bild.

Entstanden ist ein breites Spektrum journalistischer Comicformen: vom Essay bis zur Story, vom Feature bis zum didaktischen Überblick, das eine erste Chance bietet, die Form hierzulande über Proklamationen und Kulturausnahmeprojekte hinaus zu etablieren – und zwar auch und gerade in den politischen Medien. Fast gänzlich ausgespart scheint in den Berichten aus Israel allerdings, was hierzulande »der Nahost-Konflikt« genannt wird. Nur einmal unterbricht ein Knall das Gespräch in Dinters »Kleine Welt big orange«: Es könnte ein Bombenanschlag sein – vielleicht aber auch nicht. Die permanente Erwartung des Attentats ist keine Paranoia, sondern Ziel und Erfolg des Terrorismus, der sich als Teil des Alltags etabliert hat.

Und eben um die Vermittlung des Alltäglichen jenseits der omnipräsenten Medienbilder und der ritualisierten Anteilnahme geht es den Zeichnern. »Dazu«, schreibt Broder, »können Comics eine Menge beitragen. Indem sie den Alltag banalisieren, statt des großen Ganzen das kleine Viertel oder Achtel zeigen, das der Blick erfassen kann. Die Strandpromenade in Tel Aviv, das Café im Tiergarten, die Menschen in der U-Bahn und die Händler am Carmel-Markt. Das sind die wahren Sensationen, die ein Verweilen lohnen.« Auf jeden Fall!

Cargo. Comicreportagen Israel – Deutschland. Berlin. Avant-Verlag 2005, 144 S., 19,95

Strapazin. Das Comic-Magazin Nr. 79 (Juni 2005):

Comics aus Tel Aviv, 80 S., 6 Euro