Schon wieder ist ein Jahr vergangen. Die Zeit rast: Wurden wir im Frühjahr noch mit einem deutschen Spaßpapst beglückt, war es im Sommer die Entstehung einer neuen linken Spaßpartei, die uns erheiterte und Abwechslung im journalistischen Geschäft verschaffte. Und ähnlich vergnüglich geht das Jahr zuende: Angela Merkel ist die »mächtigste Frau der Welt«, wie das Wall Street Journal meint, und Gerhard Schröder wird der Herr der Pipelines.
Was aber sollen wir für uns vom nächsten Jahr erwarten? Vor zwei Jahren riefen wir an dieser Stelle das Jahr der Liebe aus. Ob es ein solches war, mag jede und jeder für sich selbst beurteilen. Aber ohne Zweifel war 2005, wie versprochen, das Jahr des Erfolgs. Mit den neu gewonnen Abonnements konnten wir uns vorübergehend ein wenig Luft im schmutzigen Konkurrenzkampf mit der Bild-Zeitung und dem Spiegel verschaffen. Doch wir hoffen, Sie lassen nicht nach! Bestellen Sie weiter fleißig Abos! Und sei es nur unserem Geschäftsführer (GF) zuliebe.
Es wird unser Jahr werden, davon sind wir überzeugt. So manches Zeichen deutet darauf hin. Der Kollege etwa, der kürzlich in heimatlichen Gefilden weilte und sich von seinen Eltern mit leckeren Spätzle und süffigem Schwarzriesling aus Dürrenzimmern bewirten ließ, erzählte von einer mysteriösen Botschaft aus dem Reich der Vorsehung. Er saß in dem Flugzeug, das ihn zurückbringen sollte nach Berlin. Beiläufig betrachtete er sein Ticket. Als ihm die Nummer des Fluges auffiel, fühlte er sich, als werde ihm eine verschlüsselte Mitteilung gemacht. Sie lautete »4U 2006 JW«. Das aber konnte nichts anderes bedeuten als: For you 2006, Jungle World!
Wir sind fest davon überzeugt: Es wird ein Jahr der Projekte. Wir werden uns verändern und weiterentwickeln. Wir wollen aufregende neue Welten erkunden, wir wollen nach Wien, wir wollen nach Amsterdam, nach Beirut, oder warum eigentlich nicht gleich nach Tokio und Shanghai?
Nur ein verdrossener Kollege, dem bisweilen alles zu viel ist, träumt davon, das Jahr 2006 möge ein »Scharnierjahr« werden, wie er es beschwörend nennt. »Einfach ein Jahr, in dem mal gar nichts passiert. Keine Neuwahlen, keine Revolutionen, keine Kaugummis im Aschenbecher. Ein Jahr, in dem niemand in sein Handy hineinbrüllt: Ich bin hier in der U-Bahn! Ich bin in fünf Minuten da, Schatz! Ein Jahr der Besinnung.« Er ist allein auf weiter Flur! 2006 – here we go!